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Kultur

Spurensuche in Kundus

Ein deutscher Oberst befahl das Bombardement von zwei Tanklastern bei Kundus. Zwischen 17 und 142 Tote habe es gegeben, hieß es später. Die Ausstellung "KUNDUZ, 4. September 2009" in Potsdam gibt den Zahlen ein Gesicht.

Afghanen beerdigen die beim Luftangriff auf die von Taliban entführten Tanklaster ums Leben gekommenen Dorfbewohner (Foto: AP)

Gleich zu Beginn wird der Besucher mit einer großformatigen Fotografie von den zwei ausgebrannten Tanklastern konfrontiert. Und dann ist das Porträt eines Mannes zu sehen, er ist etwa 40 Jahre alt: Mohammed Nur, brauner Umhang, weiße Kappe, starrer Blick. Er hat den Anschlag überlebt. Daneben die Fotografie eines metallisch schimmernden Bilderrahmens. Das Foto darin zeigt einen jungen Mann in weißen, luftigen Kleidern auf einer Wiese. Es ist der Bruder des Porträtierten: Maulana Nur. Er starb durch das Bombardement. Dazu diese Zeilen: "Maulana Nur war der Stolz der Familie, ging in Kundus zur Oberschule, während seine älteren Brüder Analphabeten sind. Als die Bomben einschlugen, stand er direkt vor einem der Laster, etwa 30 Meter von seinem Bruder Mohammed Nur entfernt".

Maulana Nur steht weiß gekleidet auf einer Wiese (Foto: Marcel Mettelsiefen)

Maulana Nur

Über Monate haben Christoph Reuter und Marcel Mettelsiefen recherchiert, was in dieser Septembernacht an der Furt des Kundus-Flusses geschehen ist, haben die Geschichten der Menschen aufgespürt, die durch die gewaltige Explosion getötet wurden. Zu der Zeit war Ramadan, Fastenzeit, erklärt Christoph Reuter. Seit 2008 berichtet er als Korrespondent für das Wochenmagazin "Stern" aus Afghanistan. "Man darf ja nur abends und nachts, in der Dunkelheit essen", erklärt Christoph Reuter. "Das heißt, viele Menschen sind nachts sowieso wach gewesen und es hat sich rasend schnell herumgesprochen, dass da Tanklaster herumstehen mit 40.000 Litern Diesel. Diesel ist kostbar. Damit heizt man. Ein Liter kostet knapp einen Dollar. Bei einem Monatseinkommen von 50 bis 100 Dollar ist das teuer, ist das kostbar", so der Afghanistan-Korrespondent. Mit Kanistern und Kannen holten sich die Afghanen den Treibstoff zum Heizen.

Talib oder Zivilist?

Mohammed Nur blickt fassungslos in die Ferne (Foto: Marcel Mettelsiefen)

Mohammed Nur aus den Dorf Omar Khel, Bruder des Toten Maulana Nur

Christoph Reuter und Marcel Mettelsiefen wollten wissen, wer waren diese Plünderer. Wie hießen sie? In einem Bürgerkriegsgebiet ohne funktionierendes Meldewesen ist es kompliziert zu ermitteln, wer am 4. September in der Provinz im Norden lebte, erklärt Christoph Reuter. Ihr Recherche-Ergebnis: 90 Menschen starben. Unmöglich jedoch sei es, sagt Christoph Reuter, eindeutig zu sagen, wechler der Toten zu den Taliban gehörte und wer nicht: "In diesem Bezirk, der von Taliban beherrscht wird, kann man nicht trennen zwischen Talib und Zivilist. Keiner kann sich dort hinstellen und sagen, ich finde die Taliban doof, ich bin dagegen, die sollen hier weggehen. Das funktioniert nicht, die sind nicht frei in ihrer Entscheidung, sich politisch - so oder so - zu orientieren, wenn dieser Bezirk von einer bewaffneten Gruppe beherrscht wird", erläutert der Journalist, der seit fast zwei Jahren in Afghanistan arbeitet.

Christoph Reuter und Marcel Mettelsiefen fuhren in die Dörfer der Umgebung - Omar Khel, Hadschi Amanullah oder Gul Bagh - und überzeugten die Angehörigen der Anschlagopfer in ein ehemaliges Hotel, mitten in Kundus, zu kommen. Der Fotograf Marcel Mettelsiefen erinnert sich: "Wir hatten die Schwierigkeit am Anfang und eigentlich die ganze Zeit über, dass sich die Leute draußen nicht mit uns zeigen lassen wollten. Man wollte nicht gesehen werden mit Ausländern - mit Deutschen. Wenn Fotos, dann nur in dem Gebäude, wo sie uns besucht haben", so Mettelsiefen.

Spuren aus dem Leben

Jan Mohammed aus dem Dorf Issa Khel verlor seinen Sohn Ali Mohammed. Jetzt muss der alte Mann sseinen Enkel Issatullah großziehen (Foto: Marcel Mettelsiefen)

Jan Mohammed aus dem Dorf Issa Khel und sein Enkel Issatullah

35 großformatige Portraits sind in Potsdam zu sehen. Sie alle haben eine Linie: grauer Hintergrund, davor die Angehörigen - aufrecht, würdevoll. Und doch sind da immer Linien von Trauer in den Gesichtern. Daneben Spuren aus dem Leben derer, die sie verloren haben: "Hauptteil der Ausstellung ist ja nicht, dass wir die Angehörigen fotografiert haben. Die machen ja nur Sinn im Zusammenhang mit den Bildern der Opfer. So haben wir jeden einzelnen gebeten, Passbilder, Dokumente, Registrierungskarten, die noch vorhandenen IDs mitzubringen, die zu jedem einzelnen Angehörigen dazugestellt werden", meint der Fotograf Marcel Mettelsiefen. So entstehen für die Besucher die Geschichten hinter der Nachricht vom 4. September 2009. Marcel Mettelsiefen sagt, dass es ihm und seinem Kollegen nicht darum gehe, alle Opfer zu guten Menschen zu erklären. Sie wollen, dass die Toten als Individuen wahrgenommen werden und die nüchterne, sterile Sichtweise des Afghanistan-Krieges in Deutschland durchbrochen wird.

Autorin: Mandy Schielke

Redaktion: Conny Paul