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Kultur

Spuk im Goethe-Institut in New York

1014 Fifth Avenue, Manhattan. Bis vor kurzem Heimat des deutschen Kulturzentrums, jetzt steht ein Schild davor: Hotel Savoy. Wer sich hier hineinwagt, trifft die Geister der deutsch-amerikanischen Kulturgeschichte.

Einzelzimmer im 'Hotel Savoy' (Foto: Paula Reissig)

Einzelzimmer im "Hotel Savoy"

Am Anfang geht alles ganz schnell. Man kommt rein, im Eingangsbereich wird ein Foto von einem gemacht, eine Tür wird aufgeschlossen, und schon steht man allein im Foyer des "Hotel Savoy". Die Schritte auf dem Marmorfußboden hallen, vor mir lodert ein Kaminfeuer, davor stehen zwei Ledersessel. Eine schöne, große Wendeltreppe führt sechs Stockwerke hoch. Gerade will ich klingeln, da kommt ein Mann: John, der Concierge.

Seltsame Begegnungen

Wir fahren mit dem Aufzug in den 5. Stock. "Bitte schön, Ihr Zimmer", sagt John, als wir aussteigen. "Einen schönen Aufenthalt. Wir melden uns bei Ihnen." Das Zimmer ist schlicht: ein Einzelbett, ein Stuhl, ein Fernseher, der zwar eingeschaltet ist, aber nur weißes Rauschen zeigt. Durch die Zimmerdecke höre ich merkwürdige Geräusche. Es wird mir unheimlich, ich mache die Tür auf – da steht John schon wieder vor mir. "Wir müssen Sie in ein anderes Zimmer verlagern", sagt er. "Ich bringe Sie nach oben."

Die herrschaftliche Wendeltreppe des Goethe Instituts in New York (Foto: Paula Reissig)

Erinnerungen an früher - eine denkmalgeschützte Wendeltreppe führt in die oberen Etagen

Im Flur im 6. Stockwerk liegen Schuhe vor den Zimmertüren. John klopft und eine junge Frau macht die Tür auf: Blauer Arbeitskittel, schwarze Hornbrille, Kopfhörer. Auf dem Boden ihres Zimmers türmen sich Zeitungen, daneben liegen ein Staubsauger und einige Putzgeräte. Ihr Name sei Lena, sagt sie. "Warum sind Sie hier? Warum bin ich hier?" fragt sie. "Ich weiß es selbst nicht. Das hier ist wohl so etwas wie eine Raum-Zeit-Falle."

Wir unterhalten uns eine Weile, dann bringt mich Lena in ein weiteres Zimmer. Das Licht ist aus, jemand liegt auf dem Boden in einem Schlafsack. Unter der Decke schaut ein schwarzer Kopf heraus, ein illegaler Einwanderer aus Haiti, der kein Englisch spricht. Ich soll mich nicht scheuen, sagt Lena und schon ist sie weg.

Leben im Exil – damals und heute

Der Concierge John (Foto: Paula Reissig)

Concierge John - im wirklichen Leben ist er Wachtmann

John, Lena, der Asylant – sie alle wohnen hier nicht wirklich, sie sind Laiendarsteller. Das "Hotel Savoy" ist ein Theaterstück, inszeniert vom Schweizer Regisseur Dominic Huber, nach der Vorlage des gleichnamigen Buches von Joseph Roth. Thema ist das Leben im Exil. Die Zuschauer kommen einzeln rein, das Personal achtet peinlichst darauf, dass man sich nicht über den Weg läuft. Das Gebäude des Goethe-Instituts, ein Herrenhaus aus dem Jahr 1871, das wegen Renovierungsarbeiten derzeit leer steht, ist der perfekte Ort, um diese Geschichte nachzuempfinden, sagt der Programmdirektor Stephan Wackwitz. Schließlich sei das Haus in der 5th Avenue gegründet worden, "um eine Exilsituation zu bearbeiten und auch kulturell zu heilen."

Damals, im Jahr 1959, gab es viele deutsche Einwanderer in New York, aus ganz verschiedenen sozialen Schichten. Sie alle wohnten in der Gegend um die 5th Avenue, Alteingesessene aus der Arbeiterschicht trafen sich im Biergarten, die neuen deutsch-jüdischen Intellektuellen trafen sich im Salon. Das neu gegründete Goethe Institut sollte ein Treffpunkt, ein Ort der Begegnung sein. Vom Leben dieser Menschen, der Geschichte des Lebens im Exil, erzählen die Figuren im Theaterstück "Hotel Savoy".

Literatur als kulturelles Bindeglied

Die Bar im 'Hotel Savoy' (Foto: Paula Reissig)

Die Bar im "Hotel Savoy"

Die Reise durchs Hotel geht weiter. Der "Concierge" John führt mich in eine Küche. Auf dem Tisch liegen Papiere und Bücher, darunter eine englischsprachige Ausgabe des Romans "Die Blechtrommel" von Günter Grass. Das Buch wurde 1959 veröffentlicht und war der erste amerikanische Publikumserfolg eines deutschen Autors in der Nachkriegszeit.

"Es war eine Zeit der neuen kulturellen Blüte, die vor allem eine literarische Blüte war", erklärt mir später Stephan Wackwitz. Der erste Programmdirektor des New Yorker Goethe-Instituts, Hans Egon Holthusen, habe viel unternommen, um diese deutsche Renaissance in den USA zu propagieren.

Doch was hieß das: deutsch sein? Ich werde im Haus von einer Ecke zum nächsten geführt und verliere die Orientierung. Hinter einer Tür verbirgt sich eine Kammer mit sechs Spiegeltüren, die bis auf eine verschlossen sind. Als ich durch die offene Tür trete, befinde ich mich in einem Verlies. Auf dem Boden liegt eine vergammelte Matratze, von der Decke tropft es. Die junge Frau Lena ist wieder da. Sie sagt, dass sie endlich wegziehen werde.

Eine Heimat in der Fremde

Nach weiteren Zwischenstopps komme ich endlich an: in der Belle Etage. Ich gehe, immer noch allein, an einer Büste von Johann Wolfgang von Goethe vorbei – und stoße auf Richard. Er hat in einer Kammer über einer Hintertreppe einen Frisörsalon aufgebaut. Die Wände des kleinen Raums sind mit Fotos der deutschsprachigen Kulturprominenz der 1950er, 60er und 70er Jahre geradezu tapeziert. Zu sehen sind die Philosophin Hannah Arendt, die Autorin Ingeborg Bachmann, die Schriftsteller Uwe Johnson und Arno Schmidt, Bundeskanzler Willy Brandt, Filmregisseur Rainer Werner Fassbinder – und natürlich Günter Grass. Sie alle waren Gäste im New Yorker Goethe Institut und viele von ihnen wohnten sogar hier im Haus. Zwischen ihren Aufnahmen hängt ein Bild von mir. Jetzt bin auch ich Teil der Geschichte des Hauses.

Frisör Richard in seinem Frisörsalon (Foto: Paula Reissig)

Eine ganz eigene Atmosphäre: Frisör Richard in seinem Promi-Salon

Richard erzählt, dass viele Besucher des "Hotel Savoy" ihm von ihren persönlichen Bekanntschaften mit den deutschen Künstlern erzählt haben. Für ihn haben die Künstler alle etwas gemeinsam. "Sie waren alle auf eine Art heimatlos", sagt er, und sie alle hätten sich mit Fragen der Nationalität oder der kulturellen Identität beschäftigt. "Aber sie waren auch alle Künstler. Die Kunst – das war ihre Verbindung zur Welt."

Er schickt mich die Treppe herunter, und im letzten Raum treffe ich endlich eine andere Besucherin. Liz Sun trägt sich gerade ins Gästebuch ein. Doch sie habe heute Abend mehr als nur ihre Unterschrift hier hinterlassen, sagt sie. "Als ich die Spiegel im Gang sah, dachte ich daran, wie viele andere sich hier im Spiegel angeschaut haben. Es ist schön, sein eigenes Spiegelbild, die eigenen Reflexionen hinzuzufügen. Es wirkt vergänglich, aber es bleibt erhalten - in unserer Erinnerung." Und gerade das ist es, was den Spuk des "Hotel Savoy" ausmacht, sagt auch Stephan Wackwitz. "Spuk? Das ist ja nichts anderes als das Aufleben der Vergangenheit in der Gegenwart. Das ist ja das Unheimliche."

Autorin: Kateri Jochum

Redaktion: Petra Lambeck

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