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Wissen & Umwelt

Spritz die Hälfte

Klassische Therapien sollen Drogenabhängige dazu bringen, kein Heroin oder Crack mehr zu nehmen. Aber das schaffen viele Teilnehmer nicht. Das Programm KISS hilft ihnen, wenigstens weniger zu spritzen und zu rauchen.

Spritzbesteck für Heroin (Foto: dpa)

Wird nicht verboten, nur eingeschränkt

Anja ist heute 30 Jahre alt und hat viele Jahre alles genommen, was der Drogenmarkt hergibt. Heroin, das Kokain-Produkt Crack und Beruhigungsmittel. Sie lebte auf der Straße, übernachtete bei zweifelhaften Männern oder saß im Gefängnis. Mit Ende Zwanzig wollte sie dieses Leben nicht mehr. Aber weg von den Drogen wollte sie auch nicht. Solche schwer Drogen-Abhängigen gibt es viele, allein in Frankfurt, das gerne als deutsche Drogen-Hauptstadt bezeichnet wird, sind es etwa 3000. Sie übernachten in Notunterkünften, leben von staatlicher Unterstützung oder von Straftaten. Im Schnitt nehmen sie fünf bis sechs verschiedene Drogen – es ist oft das Einzige, was sie haben.

Drogensüchtiger, der sich einen Schuss setzt (Foto: dpa)

Die Sucht nach der Droge macht alles andere unwichtig

Professor Joachim Körkel von der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg ist überzeugt, dass selbst solche Schwerst-Abhängigen ihr Leben ändern können und wollen. Ein von ihm entwickeltes Programm soll dabei helfen: KISS - "Kontrolle im selbstbestimmten Substanzkonsum". Jeder Teilnehmer bestimmt selbst, wann und wie viel er von welcher Substanz reduziert. KISS startete 2005 und läuft heute in Frankfurt, Hamburg, Saarbrücken, Darmstadt, Zürich, Graz und vielen weiteren Städten. In Frankfurt wird KISS vom Verein Integrative Drogenhilfe angeboten, Europas größter niedrigschwelliger Drogenhilfeeinrichtung. Das bedeutet, die Abhängigen können in den Räumen spritzen, schlafen oder sich ein paar Euro verdienen. Zur Abstinenz ist niemand verpflichtet.

Drogen nach Plan

KISS ist straff organisiert. Es besteht aus zwölf Sitzungen, jede hat ein Thema. Am Anfang stehen Informationen über Drogen. Denn trotz enormer praktischer Erfahrung haben auch langjährige Nutzer Wissenslücken. Bald bekommen sie ein kleines Heft mit vielen Tabellen. Hier tragen sie ein, was sie wann rauchen oder spritzen. Die meisten wählen unten ihren Drogen eine oder zwei aus, von denen sie weniger nehmen möchten. Dann erarbeiten sie verschiedene Strategien, um diese Ziele zu verwirklichen. Auch die Strategien sind sehr individuell. Manche nehmen sich vor, nur noch zu bestimmten Tageszeiten zu Drogen zu greifen. Andere besorgen sich nur eine kleine Menge Stoff, die sie sich dann für diesen Tag einteilen.

Ein Drogensüchtiger setzt sich im sogenannten Druckraum des FixStern in Hamburg eine Heroinspritze. (FOto: dpa)

Drogenkonsum in kontrolliertem Umfeld

Ganz wichtig ist auch, dass sich jeder bewusst wird, in welchen Situationen er leicht die Kontrolle verliert und diese meidet. So sind Besuche bei Freunden, die Drogen nehmen, riskant: Anja fragte sich dann: "Mache ich das wirklich, weil ich dem Hallo sagen will oder weil ich unbewusst die Nähe herstellen will? Suche ich noch den Weg, wo es Dope gibt oder geht es mir um die Person?" Trotz aller Bemühungen kommt es natürlich häufig vor, dass die Teilnehmer gegen die selbst gesetzten Regeln verstoßen. In der klassischen Drogentherapie gilt es als Katastrophe, wenn jemand wieder zu der verbotenen Droge greift und unter Umständen fliegt er aus dem Programm. Bei KISS dagegen gibt es keinen "Rückfall", sondern allenfalls einen "Vorfall". "Das bringt mich vielleicht zum Stolpern aber nicht zum Hinfallen", sagte sich Anja dann.

Komplett Drogenfrei ist schwer

Aber was kann KISS gegen Drogen ausrichten bei Menschen, deren Leben Drogen sind? Professor Joachim Körkel organisierte in Frankfurt eine wissenschaftliche Studie. Von 144 Freiwilligen durfte eine per Zufall ausgewählte Hälfte an KISS teilnehmen, die andere Hälfte diente als Kontrollgruppe und wurde erst einmal nur so behandelt wie bisher, meist mit Ersatzdrogen. Mehr KISS-Plätze waren sowieso nicht da. Nun hat Körkel Bilanz gezogen. Es zeigt sich: Die KISS-Teilnehmer rauchen nur noch etwa halb so viel Crack wie vorher, während die Kontrollgruppe sogar noch etwas mehr konsumiert. Auch der Verbrauch an Beruhigungsmitteln halbiert sich. Das ist wichtig, weil Methadon-Therapien vor allem an ihrem Missbrauch scheitern.

Mann schnupft Kokain (Foto: ap)

Komplett mit allen Drogen aufzuhören ist extrem schwierig

Als Körkels Team ein halbes Jahr später die Teilnehmer noch einmal befragt und ihre Angaben mit Urinproben überprüft, halten die Erfolge immer noch an. Weg von allen Drogen sind die Teilnehmer damit noch lange nicht. Doch da wird häufig zu viel verlangt, meint Joachim Körkel. Schließlich schafft es auch nur jeder fünfte Raucher, nach einem Kurs dauerhaft von den Zigaretten wegzukommen. "Und von einem Drogenabhängigen, der fünf oder sechs Substanzen nimmt, will ich, dass er mit allem aufhört. Total abwegig", so Körkel.

KISS allein reicht meist nicht

Ebenso wie andere Therapien hilft KISS allein aber nicht allen Teilnehmern. Wie Studien zeigen, brauchen schwer Drogenabhängige häufig mehrere Behandlungen. Oft klappt es auch dann nur, wenn günstige Lebensereignisse dazu kommen. So war es bei Anja. Sie fand einen Platz in einer betreuten Wohngemeinschaft. Dort lernte sie ihren Partner kennen, mit dem sie heute zusammenwohnt. Sie bekommt noch Methadon, ist aber weg von den illegalen Drogen und geht zur Schule. "Ballern kann ich immer noch. Falls ich das wieder wollen sollte. Der Weg zurück ist ja offen", sagt sie. "Ich glaube nicht, dass ich zurück will."

Autor: Jochen Paulus

Redaktion: Marlis Schaum