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Deutschlehrer-Info

Sprichwörter und Co – von der Datenbank in den Unterricht?

Wissenschaftler der Universität Jena untersuchen Zitate, Witze und Redewendungen, die etwas über unsere Vorstellungen von Arbeit aussagen. Ihre Datenbank ist auch für DaF-Lehrkräfte und Deutschlernende interessant.

„Ohne Fleiß kein Preis“, „Many hands make light work“, „Náhlá robota zlá dobrota“ – Sprichwörter, aber auch Aphorismen, Lieder, Witze und Zitate rund um das Thema „Arbeit“ gibt es in allen europäischen Sprachen. Indogermanisten und Soziologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena nehmen solche so genannten Miniaturmuster in einem zweijährigen Forschungsprojekt unter die Lupe und untersuchen, wie sich die jeweiligen gesellschaftlichen Vorstellungen von Arbeit in ihnen spiegeln.

Wandel der Bedeutung

„Während wir bei ‚Arbeit‘ heute vor allem an Berufstätigkeit und Gelderwerb denken, war daran über Jahrhunderte hinweg auch eine moralische und religiöse Aufforderung geknüpft“, sagt Dr. Bettina Bock, die als Indogermanistin für das Forschungsprojekt verantwortlich ist. Im Mittelalter hätten die Menschen auch gearbeitet, um Gottes Gnade zu finden. Die verstärkte Hinwendung zum ökonomischen Gedanken sei erst sehr viel später aufgekommen, und zwar im späten 18., frühen 19. Jahrhundert, als mit der französischen Revolution das Bürgertum erstarkte.

Bock hat im vergangenen Jahr rund 200 Miniaturmuster zusammengetragen und analysiert. Als eine wichtige Quelle diente ihr dabei die Bibel, andere Miniaturmuster lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen. Im Laufe der historischen Entwicklungen sind neue Sprichwörter hinzugekommen und alte haben ihre Bedeutungen verändert.

Portrait von Erasmus von Rotterdam

Der Humanist Erasmus von Rotterdam (etwa 1569-1636) war auch großer Sammler von antiken Sprichwörtern

Durch die Bibel und auch durch Übersetzungen von anderen Texten wie Fabeln sind viele Miniaturmuster über die Jahrhunderte von einem Kulturkreis in den anderen gewandert. Bock sagt: „Bei uns heißt es etwa „Viele Hände machen die Arbeit leicht“, bei den Engländern „Many hands make light work“ und bei den Italienern „Molte mani fanno l'opera leggiera“. Das lässt sich historisch auf ein lateinisches Sprichwort in der Sammlung von Erasmus von Rotterdam zurückführen.“

Online-Datenbank im Unterricht

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts sollen Ende des Jahres in einer öffentlich zugänglichen Online-Datenbank auf www.miniaturmuster.uni-jena.de zusammengetragen sein, so dass etwa auch Sprachlehrkräfte sie für ihren Unterricht nutzen können. „Es fördert das Sprachbewusstsein, wenn Lerner sich im Fremdsprachenunterricht mit der Wortgeschichte und mit Deutungen von Redewendungen auseinandersetzen, und das Thema eignet sich für einen Sprachvergleich“, meint Bock. Eine Hilfe für die Lernenden: In der geplanten Internetdatenbank wird jedes einzelne Wort in Wörterbuchform erklärt, und es soll Erläuterungen dazu geben, in welcher Form die einzelnen Wörter in den historischen Zeugnissen erscheinen.

Latein-Unterricht in einer Schulklasse

Mit Sprichwörtern lässt sich nicht nur der Lateinunterricht interessanter gestalten

Peter Grzybek, Sprichwortforscher an der Uni Graz, hält die Datenbank im Prinzip für ein spannendes Projekt. Er warnt allerdings davor, die Miniaturmuster unkritisch für sprachhistorische oder semantische Analysen zu übernehmen: „Nicht alle Sprichwörter, die in Sammlungen enthalten sind, sind heute noch verbreitet. Viele waren es vielleicht auch nie. Denn gerade im 19. Jahrhundert galt es als prestigeträchtig, möglichst umfangreiche Sammlungen aufzubauen, so dass Sprichwörter einfach übersetzt und immer wieder abgeschrieben wurden, ohne jemals im Umlauf gewesen zu sein“.

Auf den Kontext kommt es an

Deshalb müsse im Grunde genommen als erstes der Status jedes einzelnen Sprichworts gesichert werden, wenn man die Gefahr von „Phantom-Analysen“ vermeiden wolle. Für die anschließende Verwendung im Fremdsprachenunterricht müssten die Sprichwörter zusätzlich in Texte und Situationen eingebettet sein, damit man sie verstehen und ihre inhaltlichen Einschränkungen erkennen kann: Das Sprichwort „In der Kürze liegt die Würze“ zum Beispiel ist im Gespräch über eine ausschweifende Rede angemessen – in einem Kommentar über den frühen Tod eines Menschen dagegen sollte man es eher nicht verwenden.

Außerdem kann es in den verschiedenen Kulturen Unterschiede in der Verwendung der Sprichwörter geben, die sich in der geplanten Datenbank nicht widerspiegeln werden: „Das Sprichwort „Eine Hand wäscht die andere“ zum Beispiel können wir benutzen, wenn zwei Menschen sich gegenseitig helfen, in slawischen Kulturen hat es eher den Anstrich von illegalen Handlungen“, meint Rupprecht S. Baur, Professor für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache an der Universität Duisburg-Essen.

Nur für Fortgeschrittene

Auch Baur ist der Meinung, dass eine solche Miniaturmuster-Datenbank Anregungen für die Unterrichtspraxis liefern kann. Allerdings sollte der Fokus des Unterrichts auf der Sprache liegen, die aktuell noch verwendet wird: „Nur in einem sehr fortgeschrittenen Sprachunterricht kann man auch mal darüber diskutieren, wie Texte und Begriffe sich wandeln und über die Kulturen hinweg verbreitet sind.“

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