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Alltagsdeutsch – Podcast

Spreewälder Spezialitäten

Er ist UNESCO-Weltkulturerbe und gehört zu den meistbesuchten Regionen Deutschlands: der Spreewald. Kahnromantik und die berühmten sauren Gurken sind zwei Markenzeichen. Das Gebiet hat eine lange Geschichte.

Sprecherin:

Der Spreewald ist vor rund 20.000 Jahren in der letzten Eiszeit entstanden. Er ist Teil des Baruther Urstromtals, das früher ein gewaltiger Fluss gewesen sein muss und sich in der Folge völlig bewaldete – wie Arnulf Weingardt, der Leiter der Außenstelle Schlepzig des UNESCO-Biosphärenreservats erzählt. Das Dorf Schlepzig liegt im nördlichen Teil des Naturschutzgebietes zu Berlin hin, im Unterspreewald. Lübbenau, die heimliche Hauptstadt des Spreewaldes und Hochburg des Kahnfahrttourismus, befindet sich im südlichen Teil, im Oberspreewald. Das große Binnendelta der Spree, die sich hier in ein Netz von kleinen Fließen zerteilt, wurde ab dem 12. Jahrhundert besiedelt – von Slawen. Von ihnen stammen die heute noch vor allem im Südspreewald lebenden Sorben mit ihrer eigenen Sprache ab und Germanen gleichermaßen. Arnulf Weingardt:

Arnulf Weingardt:

"Die Siedler hab 'n die höheren Kuppen – oder auch Kaupen genannt – im Spreewald besiedelt. Da hab 'n se ihre Häuser gebaut, rings herum hab 'n se Füschfang betrieben, später kamen dann Wiesennutzung dazu, dann wurde 'n Mühlenstau anjelegt, und es gab auch Streitereien im Spreewald um Landnutzung."

Sprecher:

Wie Sie hören, Berlinert der gebürtige Spreewälder Weingardt. Er sagt se statt sie, Füschfang statt Fischfang, anjelegt statt angelegt. Der Jargon, also die Mundart der Berliner, hat sich seit den Zeiten des Kaiserreiches, als Berlin rasch zu einer riesigen Metropole wuchs, in der gesamten umliegenden Region Brandenburg ausgebreitet. Kaupen werden die Sandaufschwemmungen genannt, weil sie in diesem Wald aus Wasser wie eine kleine Kuppe herausragen. Im Deutschen spricht man ja auch von einer Bergkuppe. Doch lassen wir den Naturschützer weiter erzählen.

Arnulf Weingardt:

"Wasser gab es genuch, aber wir wissen ganz genau, dass es erheblichen Streit um Waldnutzung gab, und zwar immer im Raum Lübben als auch Lübbenau – da gibt 's den so genannten Irrtumkanal, den findet man heute noch, wo sich also die Menschen nicht sicher war'n, zu wem 's gehört hat. Am Ende war 's denn doch 'als auch' und nicht Lübbenau. Und genauso gibt 's hier im Unterspreewald den Kriegbusch, in dem es jahrelang Streit gab zwischen den Herren von Lübben und denen von Krausnick – auch in 'ner Zeit, als dann Krausnick praktisch schon preußisch war und Lübben sächsisch."

Sprecherin:

In früheren Jahrhunderten war der Spreewald politisch geteilt und gehörte südlich teil zum Königreich Sachsen, nördlich teil zum Königreich Preußen mit der Hauptstadt Berlin. Bis zum 19. Jahrhundert nahm die Landwirtschaft immer mehr zu und der Waldanteil dementsprechend ab. Heute ist es auch dank der Naturschützer wieder umgekehrt. Der Tourismus übernimmt zum Teil die Stelle der Landwirtschaft als Verdienstmöglichkeit. Der Spreewald wird oft auch als Auenwald bezeichnet.

Arnulf Weingardt:

"Ein Auenwald das ist 'n Wald, der mehr oder weniger regelmäßig noch vom Wasser überflutet wird, gliedert sich dann in 'ne Weichholzaue, die also ständig überflutet wird, 'ne Hartholzaue, die nur unregelmäßig selten überflutet wird. Das meiste hier im Raum Schlepzig ist Hartholzaue. Währenddessen im Oberspreewald haben wir etwas größere Flächen, die in Richtung Weichholzaue tendieren. Der Wald wird in großen Teilen bewirtschaftet, wurde sehr intensiv bewirtschaftet zu DDR-Zeiten, indem diese Rabattenkulturen mit riesigen Baggern durchgeführt wurden – da wurde praktisch das Unterste zu oben gekehrt."

Sprecherin:

Das Unterste zu oberst kehren ist eine beliebte Redensart, wenn man alles gründlich durchsucht, um etwas zu finden. Hier ist es aber im wirklichen Sinne des Wortes gemeint: die unterliegende Kiesschicht wurde nämlich auf die obere Torfschicht des Bodens gedreht.

Sprecher:

Man kann sich gut vorstellen, dass das nicht besonders gesund für den Boden war. Ziel der UNESCO-Naturschützer ist es, den Anteil der Totalreserve im Spreewald, in der kein menschlicher Eingriff mehr vorgenommen werden darf, von jetzt zwei Prozent auf drei Prozent zu erhöhen und damit den gesetzlich geforderten Ansprüchen zu genügen. 1991 wurde der Spreewald aufgrund seiner Einzigartigkeit in die Weltliste der UNESCO aufgenommen. Sein wichtigstes Element ist natürlich das Wasser und das wichtigste Fortbewegungsmittel seit Jahrhunderten ist der Kahn. Fahrten durch die stillen Gewässer sind das Hauptvergnügen der jährlich eineinhalb Millionen Tagesbesucher des Spreewaldes. Selbstverständlich kann Weingardt wie die meisten Spreewälder einen Kahn lenken.

Arnulf Weingardt:

"Na hier der Kahn wird bewegt, indem man eine lange – manche sagen dazu Stakstange; wir sagen natürlich dazu Rudel –, das ist ungefähr vier Meter fünfzig lang, je nachdem wie tief die Gewässer sind, wo man lang fährt, immer an der linken Bordwand, also ich stake links, manche staken auch rechts, indem der Kahn nach vorne gedrückt wird, nicht so schwänzelnd wie sie es in Venedig machen mit den Gondeln, sondern hier wird 's abgestemmt, eh gibt auch Landschaften in Polen und Russland, wo es och die Kähne so bewegen und die sagen dann Stocherkahn dazu."

Sprecherin:

Stochern kann man unfeinerweise in den Zähnen mit einem Zahnstocher. Aber einen ganzen Stocherkahn zu haben, ist doch etwas ungewöhnlich – und diesen noch dazu mit einem Rudel vorwärts zu bringen. Normalerweise spricht man zum Beispiel von einem Rudel Wölfe – das ist eine kleine Gemeinschaft von wilden Tieren. Mit dem Schwänzeln hat Weingardt eine schöne und treffende Umschreibung für das schlingernde Fortbewegen der italienischen Gondeln gefunden.

Sprecher:

Der Spreewald – mit seiner Natur belassenen Umgebung einerseits und der von Menschen geschaffenen Kulturlandschaft andererseits – bietet einen ungeahnten Reichtum an Fauna und Flora. Darunter sind 830 Schmetterlingsarten, 113 Muschel- und Schneckensorten und 138 Brutvogelspezies, wie Seeadler, Kranich, Wachtelkönig, der seltene Schwarzstorch und natürlich das Wappentier der Feuchtregion:

Arnulf Weingardt:

"Ja, das ist natürlich der Weißstorch, der hat im Spreewald definitiv seit 1990 zugenommen und hat jetzt 'ne Bestandsdichte, die also zumindest seit 1965, in dem die regelmäßigen Zählungen im Spreewald anfingen, nicht mehr bekannt waren. Wir haben jetzt über 100 Brutpaare jedes Jahr."

Sprecherin:

Die Störche finden hier ein Paradies vor. Sie ernähren sich und ihre zwei bis drei Kleinen mit frischen Fröschen aus den Feuchtwiesen und kleinen Fischen aus dem jetzt wieder sauberen Wasser.

Sprecher:

Mit dem Ende der DDR kam auch weitgehend das Ende des Braunkohletagebaus und der damit fast filterlosen Kraftwerke, die Luft, Wasser und Erde verschmutzten. Pflanzen- und Tierwelt haben sich dadurch enorm erholt und der Reservatsleiter Weingardt ist nicht mehr wie früher sechs Wochen im Winter von Atemwegserkrankungen geplagt.

Sprecherin:

Und Meister Adebar – wie bei uns der Storch auch manchmal genannt wird – stolziert, um seinem Namen Ehre zu machen, wie ein Storch im Salat mit seinen langen roten Beinen durch das saftige Grün der feuchten Landschaft. Auch Menschen können herumstolzieren wie ein Storch im Salat. Wir sagen das, wenn einer steif und staksig durch die Gegend läuft. Der Storch ist auch noch für andere deutsche Redewendungen gut.

Arnulf Weingardt:

"Manche Frauen werden auch angeblich vom Storch gebissen und dann gibt 's noch so 'n Spruch eh: 'Was macht der Fährmann im Winter? Das, was der Storch im Sommer nicht geschafft hat."

Sprecherin:

Wenn eine Frau vom Storch gebissen beziehungsweise der Klapperstorch sie ins Bein gebissen hat, bekommt sie ein Baby. Der Storch bringt Kindersegen und gilt damit auch als Glücksbringer. Er baut seine wagenradgroßen Nester auf Schornsteinen und Kirchtürmen. Klapperstorch sagt man, weil die Vögel beim Zusammenschlagen ihrer langen Schnäbel ein klapperndes Geräusch verursachen.

Sprecher:

Ein großes Problem für das Naturschutzgebiet ist der Wegfall des zu DDR-Zeiten massiv aus dem Braunkohletagebau in die Spree gepumpten Wassers. Es handelte sich dabei um die so genannten Sümpfungswässer – wie der Fachausdruck lautet. Daher trocknen in heißen Sommern jetzt einige Fließe manchmal – wie hier in Schlepzig – sogar aus und die Kähne liegen auf dem morastigen Flussbett. Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis sich der Wasserhaushalt durch Renaturierungsmaßnahmen und ein neues Schleusensystem am Oberlauf der Spree normalisiert. Doch im Frühjahr fließt und rauscht es noch kräftig.

Arnulf Weingardt:

"Was hier rauscht, das ist eijentlich 'Wehr und Mühle Schlepzig'. Das ganze System, was wir hier sehen, oder der Gebäudekomplex, das ist ja 'ne alte Öl-, Getreide- und Schneidemühle. Hier wurde natürlich Leinöl gemacht. Was macht den Spreewald stark? Knödel und Quark, nech, und Leinöl. Die sag 'n hier Knödel zu Kartoffeln."

Sprecherin:

Knödel ist normalerweise der süddeutsche Begriff für Klöße. Im Norddeutschen isst man Klöße entweder halb und halb, halb aus rohen Kartoffeln geschabt, halb aus Mehl oder aus kartoffel- beziehungsweise Weizenmehl. Quark nennt man in der Berlin-Brandenburger-Region den Weißkäse oder auch Schichtkäse. Das entspricht ungefähr dem österreichischen Topfen und ist verwandt mit dem italienischen Ricotta oder dem englischen Cottage Cheese. Quatsch bedeutet so viel wie Unsinn, Blödsinn – im Berliner Raum sagt man oft auch Quark stattdessen. Das würde natürlich nie ein Spreewälder sagen, verehrt er doch seine Leibspeise dazu viel zu sehr – wie Mutter Morgenstern weiß.

Sprecher:

Wir sind nun nach Lübben weitergefahren, das direkt im Zentrum des Biosphären-Reservats liegt, an der Grenze vom Unter- zum Oberspreewald. Maria Morgenstern, treffen wir am Kahnfährhafen. Sie ist sorbischer Herkunft und ein echtes Spreewälder Original.

Maria Morgenstern:

"Bei uns sagen wir 'Was macht den Spreewälder stark? Kartoffeln, Leinöl und Quark. Und wisst 'r, bei uns da war der Flachsanbau und die Leineweberei eine Jahrhunderte lange Tradition. Die Lübbenau'schen waren im 18. Jahrhundert zweitausend Einwohner, davon 365 Leineweber. So war das Verhältnis im ganzen Spreewald. Und nu weben wir und spinnen wir – na spinnen tun wir ooch 'n bisschen –, aber nicht mehr mit der Hand, nicht wahr.

Sprecherin:

Spinnen tun wir auch noch ein bisschen, meint Mutter Morgenstern selbstkritisch. Sie meint damit die Spreewälder und nicht nur die Lübbenauer – die Lübbenau'schen ist eine ältere deutsche Sprachform – sind nicht ganz richtig im Kopf oder sie sind ein bisschen verrückt.

Maria Morgenstern:

"Nun weben wir und spinnen wir mit dem mechanischen Webstuhl, als das denn uffkam, nicht mehr mit der Hand. Aber unsere Verzehrsgewohnheiten mit Leinöl sind ebend geblieben und das Leinöl, na das wisst ihr ja, nicht wahr: oben auf der Flachspflanze haben wir dann die kleinen Knötchen und darin befindet sich der Leinsamen und daraus wird das gute, frische Leinöl gepresst. Das schmeckt so wunderbar, so fast so 'n bisschen wie Walnuss. Und dann, dann gießt es über den Quark oder gießt es am Gurkensalat oder du tunkst ganz einfach mit Brötchen und Zucker."

Sprecher:

Die Heimatkundlerin spricht Spreewälder Mundart, allerdings mit leichtem sorbischen Einschlag. Daher also der mechanische Webstuhl kam uff statt er kam auf. Und das Brötchen wird bei ihr zum Brötchen mit schön rollendem r.

Sprecherin:

Geradezu das Synonym für Spreewälder Spezialitäten ist die Gurke.

Nobert Paul:

"Ich hatte Juni '91 begonnen mit Spreewaldpuppen-Souvenirs, Karten und so weiter. Und ich hab' mir gesagt: 'Manometer, da muss doch 'ne Gurke rein'. Also kaufte ich eingeweckte Gurken und – was soll ich sagen – die Leute wollten alle probieren."

Sprecher:

Manometer sagt Jurken Paule, ein Ausdruck des Erstaunens, der Verwunderung, hier unterstützend angewendet nach dem Motto 'Ich muss mir noch was einfallen lassen'. Jurken Paule, also Gurken Paul, – g wird hier zu j; an den Namen wird nach Berliner Art ein e angehängt ˜ – heißt eigentlich Norbert Paul.

Sprecherin:

Der gebürtige Berliner war ehemals Boxer. Die Liebe zu einer Spreewälder Schönheit führte ihn nach Lübben. Als er in der Wendezeit seinen Arbeitsplatz im dortigen Stahlwerk verlor, machte er sich selbstständig und verkauft nun am Lübbener Kahnhafen mit Leib und Seele Gurken vom Fass.

Norbert Paul:

"Die urische Gurke, das ist eigentlich die saure Gurke. Wir hab 'n jetzt die Gewürzgurke, die Senfgurke dazu bekommen, gerade nach der Wende kam die Knoblauch- und die Pfeffergurke dazu."

Sprecherin:

Die saure Gurke ist also die Urform der Spreewälder Gurken. Urisch ist so eine Jurken Paul'sche Sonderform von urig, original, originell. Berliner lieben es, eigene Wortschöpfungen zu entwickeln.

Sprecher:

Eins wollten wir ja schon immer wissen: Wann und was ist denn nun die Sauregurkenzeit? Schließlich sind wir hier im Land der sauren Gurken. Paule versucht zu erklären. Zwei Fährleute mischen sich ein.

Norbert Paul:

"Heut kann man et sajen Saurejurkenzeit, wenn ebend keene Gäste da sind, die Kahnfährleute gucken in die Sonne, ja der Jurken Paule mit dazu…"

Sprecher:

In die Sonne gucken ist wie dumm aus der Wäsche schauen, man hat keine Arbeit und weiß nicht, was man mit sich anfangen soll, was man tun soll.

O-Töne:

"Kann natürlich sein, dass das so 'n kleen bisschen mit zusammenhängt mit der Erntezeit, wenn die Erntezeit durch ist, sagt man, jetzt hab 'n wir die Sauregurkenzeit, weil wir keene Arbeit mehr hab 'n. Da kann der Begriff herkommen."

Sprecherin:

Als Sauregurkenzeit bezeichnet man die politisch und geschäftlich meist ruhige Hochsommerzeit, in der nichts los ist.

Musik:

Lubka Lilija: "Willkommen im Spreewald"

"Bei uns zuhaus' im Spreewald, ja da ist es wunderschön,

da sind nicht nur die Mädchen schön,

das werden Sie ja sehn,

drum liebe Freunde, fern und nah,

seht euch mal bei uns um…"

Fragen zum Text

Jemand sucht seinen Schlüssel und kehrt …

1. das Oberste zu unterst.

2. das Unterste zu oberst.

3. das Obere zum Unteren.

Das Wappentier des Spreewaldes ist …

1. der Schwarzstorch.

2. der Weißstorch.

3. der Klapperstorch.

Quark ist kein …

1. Ausruf.

2. Milchprodukt.

3. Cottage Cheese.

Arbeitsauftrag

Suchen Sie aus dem Text mindestens drei Punkte, die für den Spreewald und die Spreewälder wichtig sind sowie mindestens drei Punkte, die unbedeutend sind. Begründen Sie Ihre Auswahl. Bilden Sie anschließend Sätze mit um … zu. Ein Beispiel: Der Spreewald hat sehr viele Schmetterlingsarten. Um sie zu erhalten, darf das Naturschutzgebiet nicht zerstört werden.

Autorin: Katrin Kühne

Redaktion: Beatrice Warken

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