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Kultur

Sprechende Katze auf dem Küchenschrank

Auf der Kunst-Biennale in Venedig wird Deutschland erstmals von einem Briten vertreten. Im Deutsche-Welle-Interview erläutert Liam Gillick, wie er den deutschen Pavillon gestaltet hat. Und welche Probleme er dabei hatte.

Liam Gillick (Foto: Steffen Jagenburg)

Vielseitig begabt: Gillick arbeitet als Künstler, Kurator, Designer und Schriftsteller

DW-WORLD.DE: Liam Gillick, ein Brite ist verantwortlich für den deutschen Pavillon - ziemlich ungewöhnlich, oder?

Liam Gillick: Einen Pavillon zu bespielen, ist für jedes Land etwas anderes. Und jede Nation handhabt das auf ihre eigene Weise. An Deutschland schätze ich besonders, dass die Kuratoren sehr frei entscheiden können. Es ist also keine politische Entscheidung, welcher Künstler das machen kann. Die Entscheidung wird von einem Experten getroffen - das bedeutet für den Kurator ein hohes Maß an Verantwortung und eine Menge Druck. In Großbritannien ist es eher eine politische Entscheidung. Und in Frankreich wählt das Kulturministerium selbst den Künstler aus, nicht ein Kurator. In Deutschland sieht man den Pavillon eher als ein zeitlich begrenztes Museum, das alle zwei Jahre für wenige Monate geöffnet hat. Der Kurator muss an jedes Detail und an jede Möglichkeit denken. Schwierig! Und sehr interessant!

Wie schwierig war es für Sie, im deutschen Pavillon in Venedig eine Atmosphäre zu schaffen, die Ihrer Kunst gerecht wird?

Die Katze in der Kücheninstallation im deutschen Pavillon (Foto: dpa)

Küche mit sprechender Katze: Gillick will mit seiner Installation Diskurse anregen

Ich glaube, es ist das Schwierigste, was ich jemals gemacht habe. Nicht nur wegen der Geschichte des Gebäudes - es wurde ja in den 1930ern von den Nazis umgestaltet (der Pavillon wurde mit monumentalen Säulen versehen, Anm. d. Red.). Alle totalitären oder machtversessenen Gruppen verwenden eine Art sakraler Architektur. Auf diese Weise können sie Menschen manipulieren. Das Innere des Pavillons ist fast wie eine Kirche, das macht es so schwierig, gerade für einen wie mich, der nicht so oft mit Ikonographie oder sakralen Elementen zu tun hat. Ich wollte das Gebäude auspacken und nichts verstecken. Die Fenster sind offen, Licht fällt herein, ein einfaches Raus- und Reingehen ist möglich. Zur gleichen Zeit wollte ich das Gebäude aber auch ignorieren. Das war schwierig und eine sehr große Herausforderung.

Können Sie uns sagen, was uns im deutschen Pavillon erwartet?

Es war mir sehr wichtig, dass die Türen weit offenstehen. Die Vorderfront des Gebäudes soll offen und freundlich sein. Nichts soll den Pavillon verdecken. Das Gebäude soll wieder richtig zu sehen sein. Wenn Sie eintreten, sehen Sie zuerst eine Art Sichtschutz, wie ihn Imbissbuden haben, um Fliegen abzuhalten, bunte Plastikstreifen, durch die sich der Besucher bewegt. Dann kommt man in einen Raum, der aussieht wie eine sehr simple Küche. Eine hölzerne Küche - irgendetwas zwischen Ikea und etwas Fundamentalerem. Es ist eine Art alternativer Modernität. Es geht mir dabei nicht um großen Symbolismus und umfassende Ideen, es geht um einen anderen Modernismus, der in einer Art zur zeitgenössischen Küche führt.

Auf einem der Küchenschränke sieht man außerdem eine Katze, die eine Geschichte erzählt. Man kann also in der Küche stehen und der Katze lauschen, die über Ideen, Möglichkeiten, die Spannung zwischen Liebe und intellektuellem Verstehen spricht, über Missverständnisse und über Wünsche. Die Katze hat meine Stimme - ich bin die Katze. Die Katze ist eine untreue Kreatur, die viele Besitzer haben kann. Und sie ist eine Figur, die in gewisser Weise alles gesehen hat. Ich wollte eine Kreatur, die illoyal ist, aber gleichzeitig Zuneigung verlangt. Sie steht in gewisser Weise für die allwissende Figur in der Geschichte.

Kücheninstallation im deutschen Pavillon (Foto: Liam Gillick)

Gillick bezieht sich mit seiner Installation auf die "Frankfurter Küche" von 1926 - die Urform der Einbauküche

Jedes Jahr wird in Venedig über den "Goldenen Löwen" debattiert, mit dem der beste Pavillon ausgezeichnet wird. Das führt zu sehr viel Rivalität zwischen den einzelnen Ländern, die in Venedig vertreten sind. Ist so eine Auszeichnung überhaupt nötig?

Ich halte nicht so viel von der Auszeichnung der nationalen Pavillons. Produktiver wäre es, auf jüngere und ältere Künstler zu blicken. Ich glaube, die Pavillons bekommen ohnehin schon sehr viel Aufmerksamkeit. Ich würde die Auszeichnung nutzen, um unbekanntere Künstler zu fördern. Die Künstler selbst kennen sich untereinander schon sehr gut, zumindest die Arbeiten der Kollegen - da gibt es kaum Rivalität.

Wie wichtig ist es für Sie, im deutschen Pavillon zwischen Künstlern einen Dialog herzustellen, oder auch zwischen den einzelnen Pavillons?

Das ist sehr wichtig, das ist im Grunde einer der Hauptgründe, hier zu sein. Deshalb haben wir ein sehr junges Team von Künstlern und Kunsthistorikern engagiert, die hier in den kommenden Monaten arbeiten. Sie sollen einen Dialog beginnen, der ihre Sicht auf die Dinge stark beeinflussen wird. Für mich war es sehr wichtig, hier mit Kollegen zu sprechen - auch mit Leuten, mit denen ich nicht immer einer Meinung bin. Viele Leute denken, Venedig sei vor allem Selbstbeweihräucherung, aber hier gibt es auch viele Momente der Spannung und des Widerspruchs.

Liam Gillick (geb. 1964) ist Künstler, Designer, Kritiker und Schriftsteller. Seine raumfüllenden Installationen greifen minimalistische Konzepte auf. Er arbeitet häufig mit Schriftinstallationen, Regalkonstruktionen und leuchtend-bunten Raumteilern und benutzt dabei Plexiglas oder Aluminiumschienen. Sein publizistisches Werk umfasst Essays, Kritiken und fiktionale Texte. 2002 war Gillick für den Turnerpreis nominiert. Im deutschen Pavillon ist er mit seinem Beitrag "Die Zukunft verhält sich immer anders" zu sehen.

Interview: Breandáin O'Shea

Redaktion. Manfred Götzke

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