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Politik

Sprachverwirrung an der Moskwa

Harte Zeiten für Russen. Nicht nur, dass ihr großes herrliches Vaterland von missgünstigen, Dollar geimpften Aggressoren umringt ist. Jetzt sterbe auch noch ihre Sprache aus, unken Experten.

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Die russische Sprache, die große, schöne, wortmächtige, wie sie viele Russen empfinden, die Sprache Puschkins, Tolstois und Dostojewskis: Schon in weniger als 25 Jahren soll die Zahl ihrer Sprecher sich mehr als halbiert haben: Sie wird aufhören, eine Weltsprache zu sein und ein Regionalidiom werden, vergleichbar dem Niederländischen, giften böse Zungen. Noch nimmt das Russische nach der Sprecherzahl den vierten Rang auf der Welt ein, hinter Englisch, Chinesisch und Spanisch.

Doch 15 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion folgt die einst als Völker verbindend propagierte Staatssprache dem Schicksal des einstigen Riesenreichs: Sie geht unter. Im Westen hat sie keine Chance. Nicht mal in Baden-Baden oder an der Türkischen Riviera, wo sich Russen aller Alters- und Gesellschaftsschichten das ganze Jahr über ein Stelldichein geben. Und in den einstigen Sowjetrepubliken und so genannten Brüderländern will man vom Russischen erst recht nichts mehr wissen. Russisch ist auch im Kalten Krieg immer Bürde der Besatzer geblieben, mehr denn sinnstiftende Brücke zwischen den verschiedenen Kulturen.


Zu viel Grammatik

Doch sogar in Russland selbst wachsen russischfreie Inseln. Im Kaukasus vor allem und von dort via Migration im ganzen Land. Vielleicht ist die Sprache einfach zu schwer, um von allen geliebt zu werden: Zwar gibt es nur drei Zeiten, dafür aber sechs Fälle, und Russen deklinieren alles, selbst Eigennamen oder Markenbezeichnungen! Und dann sind da noch andere Gemeinheiten: Jedes Verb hat mindestens zwei Variationen, damit auch die letzten Details des täglichen Tuns haarklein wiedergegeben werden können. Offenbar brauchen es aber die meisten gar nicht so genau.

Trotzdem lässt Moskau sich die Rettung des Russischen Einiges kosten: 1,5 Milliarden Rubel (umgerechnet etwa 50 Millionen Euro) sollen bis 2010 fließen, um wenigstens im ehemaligen Sowjetraum Schlimmeres zu verhindern.

Englische Gefahr

Die eigentliche Gefahr lauere, wie für viele Sprachen derzeit, aber ganz woanders, meinen Kulturpessimisten. Englisch, die "lingua franca" der Globalisierung, hat längst auch Russland erobert: Bei Begriffen wie "CD" oder "DvD" liege das nahe. Und dass "menedscher" auch in Moskau, Petersburg oder Wladiwostok abends lang im "offis" vor dem "kompjutr" hocken, wird niemanden wundern.

Doch warum musste der "wychodnyj djen", der Ruhetag, dem "dej off", also dem "day off" weichen, oder der "woditel", der Fahrer, dem "draiwr"? Wenigstens weiß der immer, wo es lang geht, und falls doch nicht, fragt er an der nächsten Straßenecke einfach die "kopyj" - also die "cops" -, wie die Milizionäre, also die Polizisten, auch hierzulande im "sljeng" einfach heißen. Gudbaj aus Moskau!



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