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Ostmitteleuropa

Sprachverlust der Ungarndeutschen

– Zeitschrift der deutschen Minderheit zu "haarsträubenden" Behauptungen von Sprachwissenschaftlern

Budapest, Dezember 2001, SONNTAGSBLATT 2001/6, S. 19, deutsch

(...) Erlauben Sie mir ein Wort zur diskutierten Kompatibilitätsfrage (Verständlichkeit) von Dialektsprache und Standardsprache. Frau Dr. Maria Erb (Germanistin, Universität Budapest – MD) stellt die Wechselbeziehung beider Sprachvarianten, Dialektsprache und Standardsprache, unmissverständlich klar, wenn sie sagt, dass die ungarndeutschen Dialektsprecher sich selbstverständlich, früher und auch heute noch, mit standarddeutsch Sprechenden verständigen können. Handelt es sich doch um die gleiche Gesamtsprache. Umso mehr haben Berichte über Aussagen hochrangiger Germanisten in der Vergangenheit Verwunderung ausgelöst, die in der ungarndeutschen Presse zu lesen waren (Neue Zeitung, 42. Jahrgang, Nr. 13). Danach wurden, Zitat: "die (ungarndeutschen) Kinder in der Schule mit der Tatsache konfrontiert, dass ihre (mundartliche) Muttersprache mit Hochdeutsch nichts zu tun hat." (Prof. Dr. Karl Manherz, Ansprache auf einer Konferenz über Muttersprache und Identität im Volkskundemuseum Budapest). Was stimmt nun? Frau Dr. Erb sagt, und die meisten Mundartsprecher werden ihr sicher zustimmen, das Gegenteil. Nämlich, dass die Mundartsprecher selbstverständlich die Standardsprecher verstehen. Mir – als uraltem Dialektsprecher – jedenfalls ist das Standard- oder Hochdeutsch nie als Fremdsprache vorgekommen.

Zu welchen haarsträubenden Folgerungen die betonte Differenzierung von Dialekt- und Hochsprache führen kann, soll die nachfolgende "einmalige" Erklärung über den Sprachverlust der Ungarndeutschen aufzeigen. Auf die Frage, wie es kam, dass wir unsere Muttersprache verloren hätten, führt Prof. Manherz laut Zitat (s.o.) weiter aus: Weil also die schwäbischen Kinder feststellten, dass ihr heimatlicher Dialekt mit der Schriftsprache ihres Lehrers nichts gemeinsam hat, "... deshalb vermieden sie die Benutzung der Muttersprache außerhalb des Dorfes ..." und "... es entstanden regionale Vermittlungssprachen, danach eine Vermittlungssprache für alle ungarnländischen Deutschen: das war Ungarisch."

Ja, so einfach, natürlich und friedlich endet die Geschichte vom Sprachverlust der Deutschen in Ungarn: Weil sie feststellten, dass ihre Dialektsprache mit Hochdeutsch nichts zu tun hat! Ganz einfach. In der Schule wurden sie zwar mit hochdeutschen Worten empfangen, aber sie wollten (oder konnten?) es nicht begreifen. Wer den historischen Hergang nicht besser kennt, und das sind leider immer mehr, wird meinen, die besorgten schwäbischen Eltern schickten fürsorglich alle ihre Kinder in Schulen, wo überall nur schriftdeutsch sprechende Lehrer und Pfarrer sie empfingen. Allein, die Kleinen bekamen Angst in ihrer Brust, als ihre Lehrer sie ansprachen. Sie sahen erschreckt und mit großen Augen auf ihre Lehrer, weil die Lehrer in einer anderen Sprache sprachen als sie selbst. Sie konnten ihre Lehrer nicht verstehen.

Es muss schlimm gewesen sein für sie: Die neue Umgebung der Schule und eine ganz andere, für sie unverständliche, fremde Sprache, das war wohl zu viel für sie! Sie gingen verzagt und eingeschüchtert nach Hause. Alsdann beschlossen die weitblickenden Ungarndeutschen, fortan nur mehr die ungarische Sprache zu sprechen, die alle Kinder und alle Erwachsenen im Lande gleichermaßen verbindet und in der dann auch alle mühelos glücklich werden konnten. Und wenn sie nicht gestorben sind, sind sie es heute noch. Ein wahres Gutenachtmärchen! Ein Glanzstück der selektiven Kulturwissenschaft. (...) (me)

  • Datum 09.01.2002
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