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Alltagsdeutsch – Podcast

Sprachvereine

Zwei Milliarden Wörter und 4.500 Stunden Höraufnahmen - das ist das Arbeitsmaterial des Instituts für Deutsche Sprache. Alles was an grammatischen Veränderungen oder Wortneuschöpfungen auftaucht wird hier erforscht.

Mann, der in norddeutscher Mundart spricht

Sprecherin:

Der Mann aus Schwerin, der Hauptstadt des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern spricht in seiner norddeutschen Mundart. Er sagt, dass die Menschen bei ihm zu Hause alle platt sprechen, also Mundart, egal ob sie arm oder reich sind. Wer hochdeutsch spricht wird als UTLÄNDER erkannt, als Ausländer, als Fremder. Und wer von den Einheimischen hochdeutsch spricht, der hält sich für etwas Besseres. Zu hören ist dieses Mundartbeispiel auf einer CD des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim. Hier werden sowohl mündliche als auch schriftliche Beispiele deutscher Gegenwartssprache gesammelt, ausgewertet und archiviert. Die Aufnahme des Schweriner Mannes ist nur eines von 15.000 Tonbeispielen, die die mundartlichen Varianten der deutschen Sprache hörbar machen. Das Institut für Deutsche Sprache wurde 1964 gegründet. Es ist zwar die größte außeruniversitäre germanistische Forschungsinstitution im deutschsprachigen Raum, wird jedoch allen wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht. Dr. Annette Trabold ist die Leiterin der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Sie beschreibt, wie das Institut funktioniert.

Annette Trabol:

„Die Aufgabe des Instituts ist, die deutsche Sprache im gegenwärtigen Gebrauch und in der jüngeren Geschichte zu erforschen. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, weil ja historisch betrachtet, die Sprachforschung, die Germanistik eben historisch gearbeitet hat, also historische Sprachstufen untersucht hat. Und unsere Aufgabe ist es, das Augenmerk auf die Gegenwart zu lenken, also auch die jüngere Geschichte. Wir sind die einzige außeruniversitäre Einrichtung, die sich mit der deutschen Gegenwartssprache befasst.“

Sprecher:

Beim gegenwärtigen Gebrauch einer Sprache handelt es sich um die Sprache, wie sie heute gesprochen wird, die Gegenwartssprache. Die etwa 110 Mitarbeiter des Instituts für deutsche Sprache arbeiten eng mit den germanistischen Instituten vieler Universitäten im In- und Ausland zusammen. Aus aller Welt reisen jedes Jahr Gastwissenschaftler zu Forschungsaufenthalten nach Mannheim. Immer steht dabei die wissenschaftliche Arbeit an der deutschen Sprache im Vordergrund, sagt Annette Trabold.

Annette Trabold:

„Wir stehen nicht unter dem Druck wie zum Beispiel privatwirtschaftliche Verlage verschiedenster Art, dass wir jedes Jahr ein neues Buch verkaufen müssen. Daher ist unsere Arbeit auch längerfristig angelegt und in erster Linie für den wissenschaftlichen Bereich gedacht. Wir haben natürlich auch die Aufgabe als Einrichtung, die von öffentlichen Geldern finanziert wird, und als wissenschaftliche Einrichtung der öffentlichen Hand, unseren Geldgebern, nämlich der Öffentlichkeit darzulegen, was wir da tun."

Sprecherin:

Man spricht von der öffentlichen Hand, wenn es um Gelder geht, die die Bürger des Landes durch ihre Steuern aufbringen. Der Ausdruck öffentliche Hand beschreibt die Gemeinschaft der Steuer zahlenden Bürger, die dem Staat das Recht erteilen, diese Gelder für die Gemeinschaft sinnvoll einzusetzen. Mit öffentlichen Geldern werden Schulen bezahlt, das Gesundheitssystem aber auch gemeinnützige, der Allgemeinheit dienende, Stiftungen unterstützt. Eine Stiftung ist eine privatrechtliche Organisationsform, bei der ein Geldbetrag einem vom Stifter bestimmten Zweck zugeführt wird. Im Falle des Sprachinstituts ist die Öffentlichkeit der Stifter und deshalb muss das Institut auch dieser Öffentlichkeit erklären, für welche Zwecke das gestiftete Geld verwendet wird. Anders als eine solche öffentliche Einrichtung arbeiten privatwirtschaftliche Unternehmen, zum Beispiel ein Verlag, der keine öffentlichen Gelder erhält und den Gewinn ausschließlich aus dem Verkauf seiner Bücher erwirtschaften muss.

Sprecher:

Forschung ist, laut Stiftungssatzung, die vorrangigste Aufgabe des Mannheimer Instituts. So befasst sich die Abteilung Grammatik mit den grammatischen Strukturen, die Lexik mit dem Wortschatz und die Pragmatik mit der gesprochenen Sprache. Öffentlich präsentiert sich das Institut aber eher mit seinen großen Projekten.

Annette Trabold:

„Das sind zwei Milliarden Textwörter. In diesen Sammlungen kann man mit einem von uns entwickelten Programm cosmas recherchieren. Dann kann man bestimmte Suchbefehle auf einer Maske eingeben, bei der man sich Worthäufigkeiten, Wortverwendungen ausdrucken lässt. Das sind alles Beispiele aus aktuellen Texten, also keine konstruierten Texte. Das ist ja in der Germanistik oder in der Sprachwissenschaft oder auch bei vielen Lehrwerken in der Vergangenheit immer ein Problem gewesen, dass irgendwelche konstruierten Texte genommen wurden, die mit der Realität überhaupt nichts zu tun hatten und deswegen teilweise im Unterricht groteske Sätze vorgelesen worden sind. All diese Texte sind Zeitungstexte, auch teilweise belletristische Texte, spiegeln den aktuellen Sprachgebrauch wider.“

Sprecherin:

Die Gesamtheit der Texte des Instituts steht allen Interessenten zur Verfügung und kann auch über eine Internetseite aufgerufen werden. Am Computer kann man eine Eingabemaske des Sprachinstituts aufrufen, um nach bestimmten Wörtern zu suchen.

Das deutsche Wort Maske wurde im 17.Jahrhundert in der Bedeutung von Verkleidung aus dem Französischen übernommen.

Sprecher:

Das Institut für deutsche Sprache bekommt öffentliche Gelder, weil es ein eindeutiges, förderungswürdiges Stiftungsziel hat, nämlich die wissenschaftliche Erforschung der deutschen Sprache. Annette Trabold erwähnt groteske Sätze, sie meint damit stark übertriebene, auch lächerlich wirkende Formulierungen. Grotesk ist ein Ausdruck, der ursprünglich nur in der Malerei verwendet wurde. Er stammt aus dem italienischen "grotesco", was "zur Höhle gehörig" bedeutet, und bezeichnete die antiken Wand- und Deckenmalereien in Felsenhöhlen, also Grotten. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wird grotesk in der Alltagssprache benutzt, und zwar dann, wenn eine Sache, eine Situation oder ein Ereignis dem Erzählenden wunderlich oder seltsam erscheint. Belletristische Texte sind schöngeistige literarische Texte. Der Begriff entwickelte sich aus dem französischen "les belles lettres".

Sprecherin:

Um die gesammelten Sprachbeispiele, geschrieben wie gesprochen, formieren sich die verschiedenen wissenschaftlichen Abteilungen des Instituts. Die Grammatik erarbeitet zur Zeit die Grundlagen für eine Multimedia-Grammatik, die grammatische Strukturen per Computer anschaulich vermitteln soll. Ein anderes Projekt der Mannheimer Sprachforscher ist der sogenannte Wendekorpus. Er listet in einem Buch Schlüsselwörter der Wendezeit auf, also aus der Zeit als sich die ostdeutsche DDR und die westdeutsche Bundesrepublik Deutschland wieder zusammenschlossen. Neben der Erläuterung dieser Wörter und Begriffe ist dieser Wendekorpus auch ein zeitgeschichtliches Dokument.

Annette Trabold:

„Wenn man in diesem Wörterbuch, Schlüsselwörterbuch der Wendezeit nachschlägt, dann finden Sie einige Wörter, die jüngere Leute oder Studierende in Anfangssemestern gar nicht mehr verstehen. Wenn Sie das Wort Wendehals nehmen oder Mauerspecht in der Bedeutung, als damals die Leute an der Mauer sich Steine rausgehauen haben und es über Berlin gehallt hat, wenn ich heute eine studentische Besuchergruppe da habe, ja was stellen Sie sich unter Mauerspecht vor, dann wissen das die Leute nicht mehr. Also das ist auch zeithistorisch ein ganz interessantes Dokument…also in der Zeit bedeutende und wichtige Wörter, die für den öffentlichen Diskurs von Bedeutung waren, eben rote Socke, runder Tisch, Wendehals."

Sprecher:

Ein Wendehals ist im wörtlichen Sinne jemand, der seinen Hals in alle Richtungen drehen kann. Das ist übertragenen Sinn zu verstehen. Der Begriff bezeichnet Menschen, die ihre Meinungen und Auffassungen schnell ändern, wenn es die Situation erfordert. Er hat einen deutlich negativen Unterton und stammt aus der Zeit der deutschen Wiedervereinigung, die auch die Zeit der Wende genannt wird. Als Wende bezeichnet man eine Änderung der Richtung, in diesem Fall handelt es sich um eine politische Richtungsänderung. Mauerspechte, in Anlehnung an den Vogel Specht, der mit seinem Schnabel Nester in Bäume hämmert, sind diejenigen Menschen, die sich Ende 1989 zum Andenken an die Jahre der Trennung der beiden deutschen Staaten ein Stück aus der Berliner Mauer herausgehämmert haben. Diese Mauer trennte seit 1961 die Stadt Berlin in einen Ost- und einen Westteil. Ebenso aus dieser so genannten Wendezeit stammt der Begriff rote Socken, ein Ausdruck, der hauptsächlich von den christlichen Parteien benutzt wurde, um die so bezeichneten Roten, die Sozialdemokraten, Sozialisten und Kommunisten, politisch bloßzustellen. Doch trotz offensiver Rote Socken-Kampagne mussten schließlich alle an einen runden Tisch. Ein runder Tisch hat keine Ecken und somit eine vereinigende Wirkung. Er nimmt Ideologien, Meinungen und Ansichten aller Richtungen auf und soll zu übereinstimmenden, von allen getragenen Ergebnissen führen. Der runde Tisch ist ein Mittel in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, das den Diskussionswillen aller Teilnehmer symbolisieren soll. Ein Diskurs ist eine Abhandlung, die Erörterung eines Themas. Wird etwas in der Öffentlichkeit, zum Beispiel in den Medien, diskutiert, spricht man von einem öffentlichen Diskurs.

Sprecherin:

Der Wendekorpus zeigt, dass Sprachforschung auch Kommunikationsforschung ist. Das Institut dokumentiert in seinem Projekt "Neologismen der 90er" Änderungen im sprachlichen Umgang. Annette Trabold sagt, dass etliche neue Wortneuschöpfungen ein Ergebnis der schnelllebigen Gesellschaft sind.

Annette Trabold:

„In diesem Projekt, "Neologismen der 90er Jahre", also neue Wörter der 90er Jahre, werden viele Wörter aufgeführt, die wir heute schon ganz selbstverständlich benutzen, bei denen wir gar nicht merken, dass es eigentlich etwas Neues ist, zum Beispiel im Gesundheitsbereich wellness, diese ganze Wellnesswelle, die da geschwappt ist, oder das Wohlfühlgewicht, auch neu, das merkt man auch nicht. Wenn es nicht die Notwendigkeit gäbe, dass man neue Gegenstände oder Problembereiche beschreibt, dann hätte man ja auch diese neuen Wörter nicht.“

Sprecher:

Der sprachwissenschaftliche Begriff Neologismus setzt sich zusammen aus der griechischen Vorsilbe neos, gleich neu beziehungsweise neu gebildet, und dem ebenfalls griechischen Substantiv logos, die Vernunft, das Wort, die Rede. Ein solcher Neologismus ist wellness, ein Wort aus dem Englischen. Er meint Wohlbefinden - deutsch wie englisch. Im deutschen Sprachraum ist wellness darüber hinaus ein pseudo-medizinischer Körperkult, der das Wohlsein durch Massagen, Düfte und Aromatherapien verspricht. In diesen Bereich fällt auch das Wohlfühlgewicht, ein durch und durch deutsches Wort. Es schafft zwar die Kalorienzählerei beim Essen nicht ab, erkennt aber immerhin dem Einzelnen in gewissen Grenzen zu, sein Gewicht sei in Ordnung - natürlich nur, solange er sich damit wohl fühlt.

Sprecherin:

Solcherlei sprachliche Entwicklungen maßregelt das Institut für deutsche Sprache in Mannheim keineswegs. Es will nicht oberste Instanz in Sachen Sprache sein, will nicht vorschreiben, welche Wortschöpfungen, welche grammatischen Veränderungen richtig oder falsch sind. Es sieht seine Rolle als die des kritischen Beobachters und - wenn gewünscht wird - auch Beraters.

Fragen zum Text:

Was ist die Aufgabe des Instituts für Deutsche Sprache?

  1. die deutsche Sprache im gegenwärtigen Gebrauch und in der jüngeren Geschichte zu erforschen
  2. den Gebrauch von mittelhochdeutschen Begriffen in der modernen Sprache zu erforschen
  3. Dialekte und Mundarten zu fördern

Was sind belletristische Texte?

  1. wissenschaftliche Texte
  2. sehr traurige Texte
  3. schöngeistige literarische Texte

Laut Annette Trabold sind etliche neue Wortneuschöpfungen…

  1. eine Konsequenz der Konsumgesellschaft
  2. eine Folge der zunehmenden Amerikanisierung der Gesellschaft
  3. ein Ergebnis der schnelllebigen Gesellschaft

Arbeitsauftrag:

Wohlfühlgewicht, Wellnesswelle, Gammelfleisch, Problembär - fallen Ihnen weitere Neologismen ein? Oder fehlt Ihnen ein Wort für einen bestimmten Gegenstand oder einen bestimmten Zustand? Dann erfinden Sie doch ein Neues! Schreiben Sie eine Liste und erörtern Sie sowohl die schon bestehenden Neologismen als auch Ihre eigenen Wortneuschöpfungen.

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