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Alltagsdeutsch – Podcast

Sprachtherapie

Ob Probleme beim Spracherwerb, Schwierigkeiten bei der Artikulation oder überanstrengte Stimmbänder – in einer Praxis für Atem-, Sprech- und Stimmtherapie wird professionelle Hilfe angeboten – und zunehmend angenommen.

Sprecherin:
Wer hat nicht schon mal einen Frosch im Hals gehabt – keinen echten, sondern einen, bei dem man sich räuspern muss. Und dann gibt es Leute, die lispeln, stottern oder permanent heiser sind. Kinder, die nicht richtig singen und sprechen können, weil sie zu viel vor dem Fernseher sitzen und deswegen ihre Stimmen nicht richtig trainieren. Und was macht man, wenn die Stimme ganz wegbleibt? Man geht in eine Praxis für Atem-, Sprech- und Stimmtherapie:

Sprecher:
Barbara steht barfuß auf einem weichen Wollteppich und macht Stimmübungen. Am Klavier sitzt Veronika Struck und gibt die Tonlage vor. Sie hilft Menschen, die Probleme mit ihrer Stimme oder mit dem Sprechen haben.

Barbara:
"Ich bin von Beruf Musikerin und bin sehr auf meine Stimme angewiesen. Ich leite auch Chöre und muss mich immer wieder mit der Stimme auseinandersetzen und darauf achten, dass ich irgendwie 'ne gute, vorbildhafte Stimme habe. Ja, und hin und wieder habe ich auch mal Stimmprobleme durch Überlastung und Überforderung. Und wenn ich viel singe, viel vor Gruppen stehe und rede und singe, ist es manchmal ein bisschen für die Stimme schädigend. Und deswegen bin ich hier, um mir wieder was Gutes zu tun und wieder so das Ideal zurückzufinden."

Sprecher:
Als Chorleiterin muss Barbaras Stimme vorbildhaft sein. Mit Vorbild bezeichnet man eine Person, die als positives Beispiel angesehen wird, nach dem man sich richtet. Die Vorbildfunktion strengt an, deshalb will Barbara sich etwas Gutes tun. Dieser Ausdruck hat sich aus einer alten Bedeutung von gut gleich "sicher" entwickelt. Wer sich etwas Gutes tut, erfüllt sich einen Wunsch, leistet sich – ganz selbstbezogen – etwas in materieller oder ideeller Hinsicht. Barbara will wieder ins Ideal zurückfinden. Das aus dem Französischen stammende Ideal bezeichnet den Inbegriff der Vollkommenheit, ein Ziel, das als höchster Wert erkannt wird. Bei der Kirchenmusikerin eben eine richtig schöne, klare und feste Stimme. Veronika Struck:

Veronika Struck:
"Die Basis liegt auf der Atmung. Und die Atmung ist ein Element, was doch sehr wichtig für alles ist, für die Stimme, für die Aussprache, für die Artikulation, für die Stimmgebung."

Sprecherin:
Die richtige Atmung ist ein wichtiges Element, sagt Veronika Struck. Das lateinische "elementum" bezeichnet den Grundbestandteil. Ohne Luft ein- und auszuatmen, kann der Mensch nicht leben. Daher steht der Atem oft stellvertretend für das Leben oder die Seele. Der Atem ist darüber hinaus auch Grundvoraussetzung für die Stimme, das Sprechen und die Artikulation. Das spätlateinische "articulatio" heißt: "gegliederter Vortrag". Dementsprechend meint Artikulation die deutliche Aussprache und klare Gliederung des Gesprochenen.

Veronika Struck:
"Zu mir kommen Menschen, die Probleme mit der Stimme haben. Vorwiegend natürlich Sprechberufler oder jemand, der viel reden muss. Aber auch – das so ist der zweite Schwerpunkt, den ich mir gesetzt habe – Menschen, die falsch schlucken, die durch den Mund atmen, die also so 'ne große Zunge haben, dass sie beim Schlucken gegen die Zähne drücken und der Kieferorthopäde Unterstützung braucht."

Sprecher:
Veronika Struck hat sich einen Schwerpunkt gesetzt. In der Physik ist der Schwerpunkt der gedachte Punkt eines Körpers oder eines anderen physikalischen Systems, auf den die Anziehungskraft der Erde wirkt. Im übertragenen Sinne kann man den Schwerpunkt als Hauptgewichtung bezeichnen. Die Therapeutin Struck konzentriert sich auf einen bestimmten ausgewählten Bereich. Zu ihr kommen auch Patienten von Kieferorthopäden. Kiefer stammt vom Mittelhochdeutschen ab und heißt eigentlich "Nager, Esser". Kieferorthopäden sind Ärzte, die Zahn- und Kieferfehlstellungen behandeln. Damit hat auch Hannelore Probleme. Die Schülerin ist 16 Jahre alt:

Hannelore:
"Also, ich mache diese logopädische Therapie mit, damit ich später eine Zahnspange bekommen kann. Ich habe eine Zungenfunktionsstörung. Also, meine Zunge, die stößt beim Sprechen und meistens auch beim Schlucken gegen die Zähne. Die gehen dann nach vorne."

Sprecherin:
Hannelore braucht eine Zahnspange. Das ist kein Schmuckstück für die Zähne, sondern ein Gestell aus Draht, das die Zähne gerade richten soll. Diese stehen wegen der Zungenfunktionsstörung schief nach vorne. Das medizinische Fachwort Funktionsstörung ist zusammengesetzt aus dem Lateinischen "functio" gleich "Verrichtung", "Geltung" und dem althochdeutschen "storren" gleich "zerstreuen", "verwirren". Es bedeutet, dass die Funktion eines Organs, hier also der Zunge, gestört ist. Und dabei hilft die logopädische Therapie. Griechisch "lógos" heißt "Rede", "Vernunft", "Wort". "paideía", ebenfalls griechisch, heißt "Lehre", "Ausbildung". Logopädie ist also die Wissenschaft und Behandlung von Sprachstörungen. Hannelore geht gemeinsam mit ihrer Freundin Jessica, die ebenfalls eine Schlucktherapie macht, zu Veronika Struck.

Veronika Struck:
"Wir machen jetzt noch ein paar Zungenbeweglichkeitsübungen. Erst mal die Zunge so raus schleudern, bllalala – klasse, ja! Fast hat die Zunge einen Knoten, ne?! Jetzt saugt ihr die Zunge an den Gaumen – und mit einem lauten Schnalzer lösen"

Sprecher:
Dass man die Beweglichkeit der Beine, Hüften und Arme trainieren kann und sollte, ist den meisten klar. Aber dass man auch die Zunge beweglich halten muss, ist eher neu. Bei den Übungen kann man fast einen Knoten in die Zunge bekommen. Diese scherzhafte Bemerkung macht Veronika Struck, um auszudrücken, wie schwierig es ist, die Zunge so schnell und ungewohnt zu bewegen. Knoten gehört zu einer umfangreichen Gruppe germanischer Wörter, die mit "kn-" anlauten und von einer Grundbedeutung "zusammendrücken", "ballen", "pressen", "klemmen" ausgehen. So zum Beispiel "Knopf", "kneten", "knüllen", "knutschen". Letzteres – das Knutschen oder Küssen – klappt nach den Übungen garantiert sehr gut: Die Mädchen lernen nämlich auch, ihre Lippen zu stärken:

Veronika Struck:
"Das sind so Sandsäcke, da ist Vogelsand drin, und da hinten an der Wand habe ich eine Seilwinde, d. h. 'ne Rolle, und es geht jetzt darum, den Knopf vor die Zähne zu legen, die Lippen zu schließen und mit Hilfe der Lippenkraft hochzuziehen."

Jessica:
"Ich knote jetzt meinen Knopf an dem Seil fest, damit ich das dann damit hochziehen kann. Also, jetzt fange ich mit 350 g an."

Sprecherin:
Jessica klemmt sich den Knopf hinter die Lippen und geht rückwärts ...

Veronika Struck:
"Prima, schafft sie heute auch locker. Ich erhöhe das jetzt auf 500, Jessica, ja? Ja, das darf nicht rausfallen, ja, sehr gut! Bravo."

Sprecherin:
Dann muss Jessica mit der Kraft ihrer Lippen nur noch ein gewisses Gewicht halten, erst 800 Gramm, dann 850.

Veronika Struck:
"Klappt, ne?! Kann ich dir noch was dran hängen? Ja, ne? Warum nicht? Machen wir mal bis auf 1000 Gramm das Ganze. Geht auch noch? Sehr gut, das ist viel, ne? Wer 1000 schafft, schafft auch 1200 – vermute ich jetzt mal. Achtung! Geht auch noch, ne? Ja! Kann man noch zählen, eins, zwei, drei. Prima, sehr schön!"

Sprecher:
Jessicas Lippen halten das Gewicht von 1200 Gramm. Immerhin so viel wie ein großes Brot oder ein Paket Mehl. Das schafft sie locker, lobt Veronika Struck. Das Adjektiv locker ist seit dem 15. Jahrhundert bekannt und wohl verwandt mit "Lücke", "Loch". Es hat mehrere Bedeutungen, eine davon ist "nicht straff", "nicht gespannt", "nicht starr" – obwohl Jessica ja genau das geschafft hat, das Seil mit den schweren Sandsäckchen per Lippenkraft straff zu halten. Hier meint locker, dass sie ihre Übung ohne feste Anstrengung, ganz unverkrampft geschafft hat. Wie stark die Lippen geworden sind, kann man auch messen, mit einer Lippenwaage.

Veronika Struck:
"Das ist ein Messinstrument, allerdings nicht unbedingt objektiv, es liegt nämlich auch daran, wie ich ziehe, wie ich drauf bin, ob ich viel Lust habe, ob ich viel Kraft habe. An das andere Ende dieser Lippenwaage wird der Knopf mit Faden gehangen. Der Knopf wird in Armhöhe gehalten, und dann halte ich die Lippenwaage. Eins, zwei, drei, Jessica hat jetzt vier pound geschafft – so viel Lippenkraft."

Sprecherin:
Das Ziel ist ein Wert von 4,5 bis 5 pound, den die Lippen an Widerstand leisten, bis der Knopf herausgezogen wird. Erfunden hat diese Lippenwaage ein Zahnarzt aus Amerika …

Veronika Struck:
"... der sich immer gewundert hat, warum die Zähne wieder zurückrutschen, obwohl er sie vorher jahrelang mit festen Klammern im Griff hatte. Und dann auf die Idee gekommen ist, mal zu gucken, was die Zunge macht, und hat erlebt, dass die Zunge zu stark ist und die Zähne wegschiebt, und die Lippen sind zu schwach. Und damit werden die Lippen trainiert, um der Zunge Paroli zu bieten.

Sprecher:
Der amerikanische Zahnarzt hatte die Zähne seiner Patienten im Griff. Etwas fest im Griff haben, das heißt, etwas gut erledigen, es aus Erfahrung richtig machen – wie z. B. ein Handwerker die Handbewegungen und Griffe seiner Arbeit tausendmal am Tage ohne Nachdenken richtig ausführt. Ursprünglich ist bei der Redensart meist an die "Griffe" des Musikers auf seinem Instrument gedacht worden. Der Zahnarzt entdeckte die Lösung der Kieferprobleme seiner Patienten. Die Lippen müssen der Zunge Paroli bieten. Paroli, über das Französische im 18. Jahrhundert aus dem Italienischen entlehnt, ist ursprünglich der Fachausdruck eines Kartenglücksspiels. Es bezeichnet die Verdoppelung des Einsatzes. Paroli bieten heißt, man hat jemandem oder einer Sache gleich Starkes entgegenzusetzen und also wirksam Widerstand zu leisten.

Klavierübungen:
"www, www – jawoll, sehr gut, wwww, www zu zweit – ja!"

Sprecherin:
Therapie-Stunde mit Luis.

Luis:
"Ich hab' 'ne berufliche Umbruchsituation und will da expandieren. Ich hab' im Moment so 15 Angestellte, und wenn das mehr wird – ich merke, wenn ich lange Zeit frei reden muss, vielleicht auch Dinge, die mich erregen, dass die Stimme ziemlich schnell ermüdet. Und da ich denke, dass 'ne Stimme – und ich habe halt eigentlich von Natur aus 'ne relativ tiefe Stimme und die kann man eigentlich positiv einsetzen, überzeugend. Aber wenn die schnell ermüdet, verursacht sie genau das Gegenteil, also, sie wird dann leicht krächzig."

Sprecher:
Luis ist in einer Umbruchsituation. Das bedeutet nicht, dass er an einer Revolution teilnimmt, was Umbruch auch heißen kann, sondern bei ihm findet eine grundlegende Änderung statt. Er ist Unternehmer und möchte noch expandieren. Lateinisch "expandere" heißt "ausbreiten". In der Geschäftssprache heißt das, man will seine Firma erweitern. Das bedeutet viel Arbeit und Verhandlungen. Doch dadurch wird Luis' Stimme angestrengt und krächzig. Krächzen ist seit dem Spätmittelhochdeutschen bekannt als "krachitzen", eine Weiterbildung von "Krachen". Krächzen verbindet man im Allgemeinen mit bestimmten Vögeln. Raben und Krähen krächzen, sie geben heisere, raue Töne von sich. Da das auch Luis macht, wenn er eine Weile viel redet, ist er zunächst zum Hals-, Nasen- und Ohrenarzt gegangen und hat sich untersuchen lassen. Nun besucht er die Atem-, Sprech- und Stimmtherapie. Luis hat heute die sechste Stunde und merkt schon den Erfolg:

Luis:
"Erst mal war entscheidend, zu spüren, wie viel einfacher es ist, wenn man den richtigen Stand hat, wenn man nicht unbedingt cool stehen will, sondern relaxed steht, dann ist die Stimme schon mal viel freier."

Sprecherin:
Der "richtige" Stand ist wichtig. Luis steht nicht mehr cool – das ist aus dem Neuenglischen in die jugendliche Umgangssprache übernommen worden. Wörtlich übersetzt heißt es "kühl". Junge Leute wollen cool wirken; kühl und lässig. Relaxed ist ebenfalls aus dem Englischen übernommen und heißt umgangssprachlich "gelöst". Beide Füße stehen nebeneinander, die Knie sind locker – und das ist für Luis ein komisches Gefühl. Er fürchtete, er könne etwas lächerlich aussehen. Veronika Struck freut sich jetzt über die ersten Erfolge. Luis steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden und macht seine Gesangsübungen.

Luis (singt):
"Und Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht."


Fragen zum Text:

Wie heißen Ärzte, die Zahnfehlstellungen behandeln?
1. Logopäden
2. Sprachtherapeuten
3. Kieferorthopäden

Wenn man jemandem Widerstand leistet, so …`
1. bietet man ihm Paroli.
2. hat man ihn im Griff.
3. schafft man ihn locker.

Raben …
1. krächzen.
2. krähen.
3. ächzen.


Arbeitsauftrag:
Wie leicht fällt Ihnen die deutsche Aussprache? Üben Sie mit einigen bekannten Zungenbrechern wie z. B. "Fischers Fritze fischt frische Fische", "Brautkleid bleibt Brautkleid, und Blaukraut bleibt Blaukraut" oder "Der Cottbusser Postkutscher putzt den Cottbusser Postkutschkasten".

Autorin: Katja Bürki

Redaktion: Ingo Pickel

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