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Afrika

Sprachreform in Ruanda

Das neue Schuljahr beginnt in Ruanda in diesem Jahr später. Der Grund: Die Lehrer müssen wieder zur Schule gehen – um Englisch zu lernen. Ruanda revolutioniert sein Bildungssystem: Englisch wird Unterrichtssprache.

Lehrer auf Schulbänken (Foto: Simone Schlindwein)

Ruandas Lehrer drücken die Schulbank

Fidele Nyangezi hockt zusammengekauert auf einem kleinen Schemel in der hinteren Reihe des Klassenzimmers der Grundschule von Ruhengeri – einer Kleinstadt im Norden Ruandas. Der große Mann streckt seine Beine aus, um unter dem Tisch Platz zu finden. Er linst auf die Schiefertafel. Fleißig notiert er die dort aufgelisteten Tiernamen. Eigentlich ist Nyangezi selbst Lehrer. Seit 22 Jahren unterrichtet er Grundschüler. Doch jetzt muss er selbst wieder büffeln. Mit dem neuen Schuljahr darf in Ruandas Klassenzimmern nur noch Englisch gesprochen werden – eine gewaltige Umstellung für die rund 50.000 Lehrer im Land, sagt Nyangezi. Viele von ihnen haben Französisch in der Grundschule und später auf dem Gymnasium gelernt. "Englisch zu sprechen, ist für uns schwer", sagt Nyangezi. "Denn obwohl viele von uns schon die Grammatik und die Satzstellung gelernt haben, fehlt uns die Praxis, Englisch zu sprechen."

Eine politische Entscheidung

Die Sprachumstellung ist ein ehrgeiziges Projekt. Alle Fächer, ob Mathematik, Biologie oder Chemie – sollen nun auf Englisch unterrichtet werden. Doch Ruanda fehlt es an englischsprachigen Trainern, um allen Lehrern ein Sprachtraining zu ermöglichen. Um hier auszuhelfen, hat Ruanda Lehrer aus dem Nachbarland Uganda angeheuert. Einer davon ist Isaac Gahwerra. "Das lässt sich nicht in einer kurzen Zeit bewältigen. Die Umstellung der Sprache wird wohl schrittweise vorangehen. Ich denke, man muss mit 15 Jahren rechnen, denn Französisch ist in der Bevölkerung Ruandas sehr tief verwurzelt. Aber ich denke, die Regierung hat eine gute Strategie, die Grundschulen zuerst umzustellen", sagt Gahwerra. Er sei froh, an dieser Revolution teilhaben zu dürfen.

Die Sprachumstellung hat verschiedene Gründe – innenpolitische, außenpolitische und wirtschaftliche. Innenpolitisch leidet die Regierung unter folgendem Problem: Die Mehrheit der Elite in Ruanda, ist – wie Präsident Paul Kagame selbst – im Exil aufgewachsen, meist im englischsprachigem Ausland; in Uganda oder Tansania, manche auch in England oder Amerika. Sie gehören zur Generation der Tutsi, die bereits in den 50er Jahren das Land verlassen hatte, als die damalige Hutu-Regierung die ersten Massaker verübte. Diese Rückkehrer sprechen kaum Französisch. Außenpolitisch betrachtet hängt der Schatten des Völkermordes über der Entscheidung: Ruanda will sich dem französischen Einfluss entziehen. Denn die französische Regierung habe der damaligen Hutu-Regierung Waffen geliefert, um den Genozid an den Tutsi auszuführen – so lautet die offizielle Lesart in Ruanda. Frankreich bestreitet das. Die gegenseitigen Anschuldigungen haben das Verhältnis zwischen Frankreich und Ruanda stark belastet und die beiden Länder hatten jahrelang keinen diplomatischen Kontakt. Erst im November wurden die Beziehungen wieder aufgenommen. Am 26. Februar will sich Kagame nun sogar mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy in Kigali treffen.

Integration in die Ostafrikanische Union

Mittlerweile haben sich die USA und Großbritannien als Partnerländer etabliert. Ruanda trat im vergangenen Jahr sogar dem Commonwealth bei. Auch in die englischsprachige Ostafrikanischen Union hat sich Ruanda integriert. Von der Sprachumstellung erhofft sich die Regierung eine erleichterte wirtschaftliche Integration, erklärt Charles Gahima. Er ist der Direktor des Zentrums zur Ausarbeitung der Lehrpläne. Auf Englisch zu unterrichten habe sehr viele Vorteile, sagt er. "Man bedenke: Wissenschaft und Forschung, das Internet und die neuen Technologien – all das ist nun auf Englisch. Wir müssen unsere Jugend für diese Bereiche fit machen. Ich gebe zu, das Schulsystem umzustellen, ist ein großer Schritt und es ist auch nicht billig. Aber in fünf Jahren werden wir das erfolgreich bewältigt haben."

Bis schließlich die Lehrbücher auf Englisch vorliegen, gilt in den Schulen eine Übergangszeit. Die Schüler können sich entscheiden, ob sie ihre Prüfungen auf Französisch oder auf Englisch ablegen wollen. Dennoch, es wird gemunkelt, dass die Umstellung zum Vorteil einer kleinen Elite sei. Diese spreche bereits Englisch und erhalte somit die lukrativen Jobs, so die Gerüchte. Doch offen würde das niemand zugeben, denn frei seine Meinung sagen zu können, das ist in Ruanda noch immer nicht möglich – ob nun auf Französisch, der ruandischen Sprache Kinyarwanda oder künftig auf Englisch.

Autorin: Simone Schlindwein

Redaktion: Christine Harjes

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