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Alltagsdeutsch – Podcast

Sprachliche Irrtümer

Die Affenschande hat nichts mit Affen zu tun, der Amtsschimmel nichts mit Schimmeln – und der Vogel Strauß steckt den Kopf nicht aus Feigheit in den Sand. Viele deutsche Worte verleiten zu falschen Schlüssen.

Sprecher 2:

"Irrtümer haben ihren Wert,

jedoch nur hie und da,

nicht jeder, der nach Indien fährt,

entdeckt Amerika."

Sprecher 1:

Das meinte jedenfalls Erich Kästner, der berühmte deutsche Kinderbuch-Autor und Satiriker.

Sprecherin:

Nicht jeder Irrtum ist also produktiv.

Sprecher 1:

Ohne Irrtümer aber gäbe es so manchen Ausdruck in der deutschen Alltags­sprache nicht. In ihr manifestieren sich Volksweisheiten und Weltanschauungen. Das wollen wir Ihnen heute mit Hilfe eines Lexikons beweisen: "Das Lexikon der populären Irrtümer".

Sprecherin:

Zwei Professoren der Universität Dortmund haben 500 Missverständnisse, Denkfehler und fehlerhafte Volksweisheiten gesammelt, auf ihren Gehalt überprüft und als Irrtum befunden. Unser Ausflug in die Welt des Irrtums beginnt mit der Affenschande. Und bereits da lauert die Falle.

O-Töne:

"Dem Primaten an sich ist ja nichts zu peinlich. Und wenn's dann dermaßen in die Hose geht, dass es selbst dem Affen zu peinlich ist, dann ist's 'ne Affenschande. / Ja eben aus Affen und Schande. Vielleicht: man benimmt sich wie ein Affe und das ist 'ne Schande, oder was."

Sprecherin:

Klarer Fall von denkste, kann man da nur sagen, wenn man das 356 Seiten starke Lexikon durchgearbeitet hat. Die armen Affen sind jedenfalls jetzt end­gültig rehabilitiert. Dazu Walter Krämer, der Hauptautor des Buches.

Walter Krämer:

"Da hat mein Ko-Autor mich überzeugt und auch nachgewiesen anhand linguistischer Quellen, dass das von dem Wort appenbare – auf neudeutsch – offenbare Schande kommt und mit Affen überhaupt nichts zu tun hat."

Sprecher:

Der Ausdruck Affenschande wird heute noch benutzt, wenn etwas unglaublich ärgerlich ist oder wie der Muttersprachler auch sagte in die Hose geht. Dann geht es schief oder misslingt, was dann vielleicht wirklich eine Affenschande wäre.

Sprecherin:

Irgendwann gilt jeder Irrtum bei penetranter Wiederholung als Wahrheit. Das ist die Quintessenz des Lexikons. Wir bauen unser Weltbild eben auch aus Vorurteilen zusammen, die wir nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Ein Beispiel: die Vandalen, die uns den schönen Ausdruck Vandalismus beschert haben.

Walter Krämer:

"Die Vandalen müssen ja herhalten als so die Prototypen der sinnlosen Zerstö­rer. Das waren sie aber nicht. Die Vandalen waren – in Anführungszeichen – ein ganz normaler germanischer Stamm, die irgendwann im Lauf der Völker­wanderung in Nordafrika gelandet sind und auch irgendwann einmal eine Expedition gegen Rom unternommen haben und dann die Stadt dabei auch erobert haben, sich aber relativ zivilisiert, im damaligen Rahmen, verhalten haben. Also in keinster Weise aufgefallen sind durch Zerstörungswut. Und irgendwann im 18. Jahrhundert hat dann ein französischer Geistlicher mal diesen damaligen Überfall auf Rom als Beispiel einer brutalen Zerstörungswut ausgegra­ben, was aber nicht stimmt, und seitdem gelten die Vandalen als die Urbilder der sinnlosen Zerstörer."

Sprecher:

Prototypen sind nichts anderes als erste Abdrücke oder erste Muster. Und wenn etwas im Rahmen ist oder bleibt, hat man sich das tatsächlich wie bei einem gerahmten Bild vorzustellen. Es hat eine Begrenzung. Und die Vandalen blieben demnach in den Grenzen des damals Üblichen. Sie waren weder besser noch schlechter als andere Völker.

Sprecherin:

Aber nicht nur die Vandalen müssen für so manches herhalten. Auch der arme Vogel Strauß. Von ihm sagt man ja, dass er bei Gefahr den Kopf in den Sand stecke. Stimmt aber nicht, sieht nur so aus.

Walter Krämer:

"Wenn ein Strauß eine Gefahr herannahen spürt, dann duckt er seinen Kopf auf den Boden, weil er hört die Geräusche, die sich über den Boden viel schneller fortpflanzen als durch die Luft, und kann dann besser durch das Ohr erkennen, aus welcher Richtung die Gefahr naht. Und wenn die dann wirklich in der Nähe ist, dann haut er natürlich ab wie jeder andere Vogel auch."

Sprecherin:

Aber wen kümmert's, wenn doch das angebliche Kopf-in-den-Sand-stecken des Vogels uns Muttersprachlern so gut in den Kram passt.

O-Töne:

"Also, ich benutz es immer in dem Zusammenhang, wenn man ein Problem nicht sehen will oder irgendwelchen Sachen aus dem Weg geht, dann würde ich sagen, steckt man den Kopf in den Sand. / Wenn er nicht mehr weiter weiß, wenn er sich vor irgend'ner Aufgabe drücken will, dann steckt er den Kopf in den Sand und wartet ab, was passiert. Einfach, dass man nicht mehr sehen will, was um einen rum ist. Und dann muss man halt zugucken, dass man die Augen zukriegt."

Sprecher:

Wenn einer den Kopf in den Sand steckt, dann verschließt er also die Augen vor der Wirklichkeit und stellt sich ihr nicht. Der Muttersprachler benutzt in dem Zusammenhang auch den Ausdruck sich vor etwas drücken, meint dasselbe wie den Kopf in den Sand stecken – man entzieht sich der Realität. Der Begriff sich drücken kommt aus der Jägersprache. Das wird vom Hasen gesagt, wenn er sich duckt und heimlich verschwindet.

Sprecherin:

Bleiben wir doch gleich im Bereich der Zoologie. Wenn Sie in Deutschland vielleicht mal einen Behörden-Marathon mitmachen, für den sie dann auch noch Anträge zum Antrag eines Antragformulars benötigen, könnte Ihnen der Ausdruck Amtsschimmel durchaus begegnen. Fragen Sie mal leidgeprüfte Behördengänger.

O-Töne:

"Da lacht der Amtsschimmel, na ja, wenn meinetwegen in irgendeinem Amt alles nach Vorschrift geschieht, ohne nach dem gesunden Menschenverstand zu gehen. Warum das Amtsschimmel heißt, das weiß ich allerdings auch nicht. Also anscheinend, Schimmel ist vielleicht ein Tier, was besonders gehorsam ist und einfach immer dasselbe Einerlei auch erledigt. / Ja, das sind, glaube ich, ziemlich langsame Beamte. Und in dem Zusammenhang wird's ja auch immer benutzt, also es wiehert der Amtsschimmel, wenn irgendein Vorgang sehr lange dauert."

Sprecher:

Amtsschimmel gibt's also immer dann, wenn Bedienstete in Behörden zu sehr auf Formalien bestehen und nach dem Motto arbeiten: Warum einfach, wenn's auch umständlich geht. Aber vom schönen weißen Pferd, dem Schimmel, ist Amtsschimmel nicht abgeleitet.

Walter Krämer:

"Das kommt von den Formularen, die früher in Kanzleien üblich waren. Das waren die Simili-Formulare, und das wurde dann einfach abgekürzt. Oder jemand, der auf Formularien besteht und immer alles gern schriftlich hätte, das war ein Simili-Reiter, jemand der diese Formulare benutzt, und daher kam das Wort Schimmelreiter dann später."

Sprecherin:

Und wie war das noch mit der Sauklaue und dem Schwein?

O-Ton:

"Ja, das hat meistens mein Deutschlehrer gesagt, wenn ich einen Aufsatz geschrieben habe, und er konnte kein einziges Wort entziffern, weil ich halt so 'ne Sauklaue hatte. Dann hat er gesagt, das kann ja kein Schwein lesen, ich schon gar nicht."

Sprecher:

Und warum? Weil Schweine per se schon Analphabeten sind? Nein, die Redensart wird einer norddeutschen Familie namens Swyn zugeschrieben, deren Mitglieder äußerst kluge Leute waren. Hatte selbst ein Swyn beim Entziffern von Schriftstücken Probleme, so hieß es bei den Bauern: "Dat kann kein Swyn lesen". Aus Swyn wurde dann irgendwann Schwein.

Sprecherin:

Entstanden ist das Lexikon allerdings durch einen weitaus schwerwiegenderen Denkfehler. Dabei ging es um die Annahme, dass Raucher das Gesundheits­wesen über Gebühr belasten und deshalb einen Aufschlag auf ihre Kranken­kassenbeiträge zahlen sollten. Walter Krämer hat sich als Professor für empiri­sche Kapitalmarktforschung und Gesundheitsökonomie an der Uni Dortmund mit diesem Thema beschäftigt.

Walter Krämer:

"Mit dem Ergebnis, dass Raucher durch ihr Laster unser Gesundheitswesen netto eher entlasten. Das ist traurig, aber wahr und auch nicht zu übersehen, dass Raucher im Durchschnitt sechs bis zehn Jahre früher sterben als Nicht­raucher. Und das ist eben total ganz falsch. Und das hat uns, wie gesagt, angespornt, nach mehr solcher Irrtümer zu suchen."

Sprecher:

Anspornen ist ein Begriff aus dem Reiten. Manch einer trägt beim Reiten an den Stiefeln Sporen – kleine Eisendornen. Und wenn der Reiter dem Pferd die Sporen gibt, läuft es schneller. So war das auch mit unserem Professor. Dieser Raucher-Irrtum wirkte so wie ein Sporn, der ihn dann veranlasste, schnell und systematisch nach noch mehr Irrtümern zu suchen.

Sprecherin:

Nach dem Irrtum von den Potemkinschen Dörfern zum Beispiel. Fürst Gregor Alexandrowitsch Potemkin war ein wichtiger Berater der Zarin Katharina von Russland. Auf einer Reise Katharinas durch die Krim soll Potemkin Hollywood-­reife Papp-Kulissen aufgebaut haben, die wie wirkliche Dörfer aussahen. Damit wollte er seine Misserfolge bei der Besiedlung des Landes vertuschen. Unter diesem Vorwurf leidet das Image des armen Fürsten schon seit über 250 Jahren.

Walter Krämer:

"Hat er nie gemacht. Das wurde später einfach erfunden und ihm in die Schuhe geschoben von seinen Neidern am Hof. Die Redensart von den Potemkinschen Dörfern, das ist heute halt der Standardausdruck für irgendjemand, der einen Türken baut. Und das ist wohl bis zum Ende aller Zeiten nicht mehr auszurotten."

Sprecher:

Der Ausdruck Potemkinsche Dörfer gilt noch heute als Sinnbild für's Lügen und Betrügen. Was das nun mit Türken bauen zu tun hat? Das ist eine lange Geschichte. 1895 wurde der Kaiser-Wilhelm-Kanal – heute der Nord-Ostsee-Kanal – von Wilhelm II. eingeweiht. Da gab's natürlich auch ein Galadiner für die Kriegsschiffe aller seefahrenden Nationen. Die wurden bei ihrem Eintreffen anständig begrüßt – mit der jeweiligen Nationalhymne. Nur beim türkischen Kriegsschiff ging das gründlich schief. Die Noten der türkischen Hymne waren verschwunden. Und so spielte die Kapelle kurz entschlossen das Lied "Guter Mond, du gehst so stille ..." Und seitdem nennt man solche Art von Täuschungsmanöver einen Türken bauen. Jedenfalls geht so die Legende.

Sprecherin:

In den Bereich Legende fällt wohl auch so manche Sache aus der Sparte "des Volkes Wetterkunde". Oder fragen Sie doch mal Leute, wo es in Europa am meisten regnet. Da werden Sie nur eine Antwort bekommen.

O-Töne:

"In England. / Also spontan würde ich England sagen. / Ich würd sagen, in England. Man kennt England immer nur verregnet. Selbst in den Asterix-Heften. Man überschreitet den Kanal, und schon regnet's. / Ich würd' sagen, in England. Aber das ist vielleicht auch das Gerücht, das da umgeht, dass es da ständig regnet."

Sprecherin:

Aber Englandfahrer, Schirm zugeklappt. Im angeblich so sonnendurchströmten Italien regnet es mehr als auf der Insel. Nachzulesen im Lexikon unter dem Buchstaben E, Stichwort England. Dass sich Vorurteile mit einem Lexikon aus der Welt schaffen lassen, daran glaubt Walter Krämer allerdings nicht.

Walter Krämer:

"Das wäre schön, wenn es so wäre. Aber diese Illusion habe ich eigentlich, nachdem ich herausfinden musste, dass die öffentliche Meinung wie ein Tanker oder ein Elefant nur ganz schwer ihre Richtung ändert. Das heißt, wenn die Leute auch zehnmal die Wahrheit auf die Nase gebunden bekommen, sie ändern ihre Meinung, ihr Verhalten trotzdem nicht."

Sprecher:

Und jetzt werden Sie vielleicht fragen, wie man etwas so Abstraktes wie die Wahrheit einem Menschen ganz konkret auf die Nase binden kann. Das spielt natürlich darauf an, dass die Nase schließlich ganz nah bei den Augen liegt. Wenn also etwas auf der Nase ist, dann kann man es ganz genau erkennen. Machen Sie ruhig mal eine Probe und binden sich ein Stück Stoff auf die Nase. Und so verhält es sich in unserem Fall mit der Wahrheit – die wäre eigentlich ganz leicht zu erkennen, als ob sie einem auf der Nase liegen würde.

Sprecherin:

So ohne weiteres auf der Hand liegt die Wahrheit beim Begriff des Duckmäusers wiederum nicht. Generationen von Muttersprachlern haben geglaubt, das hätte irgendwas mit geduckten Mäusen zu tun.

Walter Krämer:

"Das ist ein mittelhochdeutsches Wort – ich weiß nicht mehr, wie es genau ursprünglich mal hieß – aber hat mit Maus überhaupt nichts zu tun."

Sprecher:

Aber auf welche Spezies von Menschen dieser Begriff angewendet wird, darüber ist man sich weitgehend einig.

O-Töne:

"Jemand, der auch den Kopf einzieht und ... ja, halt seine Meinung nicht kund­tut, lieber kuscht, sich unterordnet. Du bist ein Duckmäuser, also wenn man sich gegenüber seinem Chef nicht durchsetzt oder auch den Kollegen nicht die Meiiiiinung ins Gesicht sagt. / Wenn einer zu allem möglichen >Jaaa und Amen sagt, selbst wenn's ihm gegen seinen Strich geht."

Sprecher:

Wenn jemand ein Duckmäuser ist, ist er eigentlich ein Duckelmuser – ein Mensch, der wie eine Katze beim Mäusefangen herumschleicht, sich also möglichst unauffällig benimmt. Und wie bewerkstelligt der Duckmäuser das? Indem er zu allem Ja und Amen sagt – wie in der Bibel in der Johannes-Offenbarung. Das heißt, er ist mit allem einverstanden, auch wenn er das als unangenehm empfindet. Einer Katze, deren Fell entgegen der Lage ihrer Haare gestreichelt wird, ist das unangenehm. Und nichts anderes meint der Ausdruck gegen den Strich gehen. Etwas geht einem gegen den Strich –meint, es stört einen.

Sprecherin:

Mein Lieblingsirrtum im Buch ist übrigens der mit dem Zitat des römischen Dichters Juvenal "Mens sana in corpore sano" – übersetzt in den Lateinstunden mit "In einem gesunden Körper steckt ein gesunder Geist". Auch ein Irrtum, der aber bei unserer Turnlehrerin immer dafür herhalten musste, uns frühmorgens sklaventreiberisch durch die Turnhalle zu scheuchen. Juvenals Zitat wurde nämlich stark aus dem Zusammenhang gerissen. Das machte man damals schon so. Der römische Dichter hatte gemeint, es wäre zu wünschen, dass in einem gesunden Körper ein gesunder Geist stecken möge. Mit anderen Worten. Es wäre toll, wenn all die Fitnessbegeisterten noch was im Kopf hätten und nicht nur in den Muskeln.

Fragen zum Text

Wenn jemand bildlich den Kopf in den Sand steckt, dann …

1. gräbt jemand im Sand nach Schätzen.

2. will jemand sich Schwierigkeiten nicht stellen.

3. sucht jemand die Lösung von Problemen.

"Du hast eine Sauklaue" bedeutet, dass …

1. jemand eine unförmige Hand hat.

2. jemand die Klauen eines Schweins sammelt.

3. die Handschrift von jemandem unleserlich ist.

Ein Duckmäuser ist …

1. eine Maus, die sich bückt.

2. jemand, der nicht wagt, seine Meinung zu sagen.

3. eine besondere Entenart.

Arbeitsauftrag

Schreiben Sie eine kleine Geschichte über einen Duckmäuser, der auf einem Amt einen Wasseranschluss für sein Haus beantragen will. Verwenden Sie dabei möglichst viele der "Irrtumswörter" aus dieser Alltagsdeutsch-Folge.

Autorin: Sigrun Stroncik

Redaktion: Beatrice Warken

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