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Politik

Sprachenstau

Die EU hat ein Sprachenproblem. Und eine Generaldirektion für Übersetzungen. Die kommt aber mit der Übertragung von immer mehr Texten in immer mehr Sprachen längst nicht mehr nach.

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Bernd Riegert

Die Regelungswut der Brüssler EU-Beamten bekommt einen empfindlichen Dämpfer. Nicht durch den neuen deutschen Industriekommissar Günter Verheugen, der ausziehen will, wider die Bürokratie in der EU-Kommission zu kämpfen. Nein, die Bürokraten stellen sich selbst ein Bein. Die zahlreichen, voluminösen Richtlinien und Verordnungen bleiben stecken, weil sie nicht rechtzeitig in die mittlerweile 20 Amtssprachen der Union übersetzt werden können. Denn erst wenn die Gesetzeswerke in Polnisch, Ungarisch, Maltesisch und Slowakisch und 16 weitere Sprachen übertragen sind, dürfen sie auch in Kraft treten.

Nächstes prominentes Opfer des Übersetzungsstaus könnte die "Richtlinie über die Eigenkapitalanforderungen für europäische Banken" werden, die lange diskutiert wurde und endlich Anfang 2007 wirksam werden sollte. Das Europäische Parlament kritisiert den Übersetzungsdienst der EU-Kommission. Dieser halte seine Zusagen nicht ein und verpasse alle Fristen. "Wir sind chronisch überlastet", schallt es vielstimmig aus der Generaldirektion für Übersetzungen und Dolmetscher zurück, die immerhin an die 2000 Planstellen zählt. Man habe für die neuen EU-Sprachen rund 450 neue Übersetzer einstellen wollen, die komplizierte juristische Texte aus dem Französischen zum Beispiel ins Lettische übertragen. Viele Posten blieben bisher vakant, weil es auf dem Markt einfach keine qualifizierten Leute gebe, gestand ein Sprecher des Übersetzungsdienstes.

Mehr Texte

Außerdem wächst die Zahl der Seiten, die jährlich übersetzt werden müssen, sintflutartig an. Rund zwei Millionen Blatt sind es im Moment. Der Rückstau wird immer größer. Selbst in den drei internen Arbeitssprachen der EU-Verwaltung, Französisch, Englisch und Deutsch, liegen wichtigen Dokumente oder auch Pressemitteilungen nicht immer vor. Im Herbst hatte der Ministerrat bereits eine Entscheidung über die Richtlinie für die heiß umkämpften Software-Patente auf Eis legen müssen, weil die Papiere nicht in allen EU-Sprachen fertiggestellt waren. Probleme bereiten vor allem die Sprachen der neuen Mitgliedsstaaten, die im Mai beigetreten sind. Noch ist der Übersetzungsdienst dabei, die Hinterlassenschaften der alten, inzwischen ausgeschiedenen Prodi-Kommission abzuarbeiten. Wenn die neue Kommission unter Jose Barroso, die ihr Amt mit drei Wochen Verspätung antrat, erst mal richtig Gas gibt, bekommen die EU-Sprachkünstler ein richtiges Problem, heißt es in der Kommission.

Also werden jetzt wohl alle Versuche, Personal auch in diesem Bereich zu sparen, über Bord geworfen und 20 zusätzliche Planstellen im Eilverfahren ausgeschrieben. Alle revolutionären Überlegungen, die darauf zielen, sich vom Prinzip der babylonischen Vielsprachigkeit zu verabschieden und auf echte Zwergsprachen wie Maltesisch oder Estnisch zu verzichten, scheiterten bislang an Nationalstolz und Eifersüchteleien unter den Mitgliedsstaaten.

Weniger Übersetzungssprachen nicht durchsetzbar

Dokumente nur noch in die weit verbreiteten Sprachen der drei größten Mitgliedsländer Deutschland, Großbritannien und Frankreich zu übersetzen, würde zwar ökonomisch Sinn machen, wäre aber nie und nimmer durchsetzbar. Italiener, Spanier und Polen würden als die Nummern vier, fünf und sechs in der EU sofort auf die Barrikaden gehen. So staut es sich weiter bis die Union an der eigenen Sprachenvielfalt erstickt. In wenigen Jahren kommen Bulgarisch, Rumänisch, wahrscheinlich Kroatisch und irgendwann auch Türkisch hinzu.