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Wirtschaft

Sportwagen in Handarbeit

Ungewöhnliches Design und PS-starker Motor gehören zu ihrem Markenzeichen. Seit 1993 produzieren die Brüder Friedhelm und Martin Wiesmann edle Sportwagen in Kleinserie und trotzen der Automobilkrise.

Der Wiesman GT 4 (Foto: Wiesmann)

Wer kennt schon Dülmen? Wolfsburg, Turin und Detroit fallen jedem beim Stichwort Automobilindustrie ein, aber Dülmen? Hier, am Rande des Ruhrgebietes, steht die gläserne Manufaktur Wiesmann. Streng genommen dürfte man sie gar nicht zur Automobilindustrie zählen, denn riesige Produktionsstätten, in denen Arbeiter, unterstützt von Robotern, hunderttausende von Fahrzeuge herstellen, sucht man vergeblich. In dem futuristischen Gebäude aus Stahl, Glas und Holz laufen keine tausende Autos täglich vom Fließband, sondern wenige PS-starke Boliden. Bei Wiesmann werden Sportwagen in Kleinserie und von Hand gefertigt.

Automobile Ersterfahrung

Die gläserne Produktionshalle der Wiesmann-Sportwagenmaufaktur. (Foto: Wiesmann)

Die gläserne Produktionshalle

1988 gründeten Martin und Friedhelm Wiesmann das Unternehmen. Angefangen hatten die Brüder im elterlichen Autohaus. Danach Managementerfahrung in einer Fabrik für Kinderbekleidung. Bis ihnen die verrückte Idee kam, einen eigenen Sportwagen im 1960er Jahre-Retro-Design zu entwickeln. Das war 1985, erzählt Martin Wiesmann, als er mit seinem Bruder über die Essen Motor Show schlenderte: "Schon als Kind habe davon geträumt, ein eigenes Auto zu konstruieren und zu bauen." Zusammen ärgerten sie sich über stümperhaft zusammengeschraubte Sportwagen: "Es gab viele Kleinserienautos, die schlecht verarbeitet und mit antiquierter Technik ausgestattet waren. Ich dachte mir: Das kannst du besser!" Heute sind ihre eigenen Autos Liebhaberstücke, bei denen PS-starke Aggregate von BMW unter der Haube stecken und über deren langgestrecktes Heck ein kleiner Gecko krabbelt, das Firmenlogo.

Souverän, in kariertem Hemd, schwarzer Jeans und feiner Designerbrille spricht der 58-jährige Martin Wiesmann über die Firmengeschichte. Zum Beispiel, wie es ihm gelungen ist, BMW-Motoren verwenden zu dürfen, obwohl die BMW-Rechtsabteilung zunächst eine Abmahnung geschickt hatte: "Wir sind nach München gefahren und haben dem damaligen BMW-Technik-Vorstand Wolfgang Reitzle persönlich unser Auto und Konzept präsentiert." Mit Erfolg, denn "danach war er von der Qualität unseres Produktes überzeugt. Seitdem werden wir von BMW beliefert."

Futuristische Werkshalle

Das Innere der gläsernen Produktionshalle der Wiesmann-Sportwagenmaufaktur (Foto: Wiesmann)

350 Stunden für ein Auto: Produktionshalle in Dülmen

Heute schwebt über der gläsernen Produktionshalle in Dülmen ein stilisierter, 150 Meter langer Gecko. Wie eine Zunge ragt aus dem gläsernen Maul eine Serpentine, auf der die Autos von der Manufaktur direkt in den Ausstellungsraum rollen. Die Wiesmann-Modellpalette ist bis heute überschaubar geblieben. Dazu gehören der Roadster MF3 (Sechszylinder, 343 PS), der GT4 (Achtzylinder, 407 PS) und der GT5 (V-8 Zylinder, 555 PS, Spitze 408 km/h), der sich von Null auf 100 km/h in 3,9 Sekunden katapultiert. Die Pläne für einen Spyder liegen bereits in der Konzeptionsschublade.

Gut 110 Mitarbeiter werkeln in der lichten Produktionshalle und den zugehörigen vollverglasten Büros. Dreher, Schweißer, Elektroniker und Sattler benötigen durchschnittlich 350 Stunden, bis ein Wiesmann fertig gestellt ist. Rahmen, Tanks, Auspuffanlagen und Karosserie - alles wird in Dülmen hergestellt, be- und weiterverarbeitet. "Wir haben sogar eine eigene Kälteanlage entwickelt", erklärt Wiesmann stolz, "normalerweise geht ein Autohersteller zu einem Zulieferer, der ihm eine komplette Klimaanlage entwickelt und diese direkt ans Montageband liefert. Aber es gab niemanden, der uns für eine kleine Stückzahl beliefern wollte."

Die Wiesmänner erfüllen fast jeden Gestaltungswunsch ihrer Kundschaft. Jeder lieferbare Lack wird aufgetragen, jedes beliebige Leder genäht, gern auch mit dekorativem Stich und passend zu Handtasche und Aktenkoffer. Bis heute soll es in der Unternehmensgeschichte noch nie zwei identische Kabelbäume gegeben haben. Eine Selbstverständlichkeit angesichts eines Basispreises von rund 103.000 Euro für den Roadster und 180.000 Euro für den GT5.

Luxusboom trotz Krise

Martin Wiesmann, der Gründer der gleichnamigen Sportwagen-Manufaktur

Firmengründer Martin Wiesmann

1993 ging der erste serienreife Wiesmann-Roadster auf die Straße, bis jetzt wurden 1.400 Sportwagen hergestellt. "2003 haben wir noch 50 Autos pro Jahr gebaut", das sei zu wenig gewesen, sagt Wiesmann. Ein neues Gebäude musste her und der Firmengründer verweist auf die vor knapp einem Jahr eröffnete Manufaktur. Hier soll die Jahresproduktion auf bis zu 250 Sportwagen hochgefahren werden. Die Hälfte ist für den Export bestimmt. Das Absatzpotential liegt laut Marktforschung bei über 1.200 Fahrzeugen per anno. "Aber zu einem solchen Produkt gehört eine gewisse Verknappung dazu", sagt Wiesmann. In 19 Ländern ist man derzeit mit Vertriebs- und Servicestützpunkten vertreten, kürzlich wurde nahe Ferrari in Mailand ein Filiale eröffnet. Das Geschäft brummt. Weltweit. Trotz Ozonloch und CO²-Diskussion: "Wir bauen ein emotionales Auto", so Wiesmann, "keines, das zu allererst dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit Rechnung trägt."

Das Klientel der Wiesmänner entspricht ganz dem Klischee: männlich, über 50 Jahre alt, mehrere Sportwagen, gefülltes Bankkonto. Ob ein Wiesmann mehr einen Spielzeugcharakter für die Käufer hat? "Das ist etwas übertrieben", meint Wiesmann, "aber es ist eine besondere Art, die Freizeit auf schönen Land- und Bergstrassen zu genießen." Mittlerweile spielt der Benzinverbrauch auch für Wiesmann-Käufer eine Rolle, räumt der Firmenchef ein, "nicht nur wegen des finanziellen Aspekts, sondern auch, weil es nicht mehr in die Zeit passt, viel Benzin zu verbrauchen." Auch die Wiesmann-Klientel sei daran interessiert, den CO²-Ausstoß zu reduzieren und die Umwelt zu schonen: "Aber das steht beim Kauf nicht im Vordergrund."

Einer Wirtschaftskrise sieht Martin Wiesmann gelassen entgegen: "Als Kleinserienhersteller im Luxussegment sind wir als Nischenanbieter nur bedingt konjunkturabhängig." Mit dem Geschäftsergebnis im laufenden Jahr sei man sehr zufrieden. Schließlich schaffe man für die Kundschaft "greifbare und bleibende Werte."

Autor: Michael Marek
Redaktion: Rolf Wenkel