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Sport

Sportvereine wollen Hallen zurück

Integration gelingt auch durch Sport. Doch wie soll das funktionieren, wenn die Sportstätten fehlen? Immer mehr Hallen werden in Deutschland als Flüchtlingsunterkünfte genutzt. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Deutschland Notunterkunft für Flüchtlinge bei Schwerin (Foto: oto: Jens Büttner/dpa)

Einst Turnhalle, nun Notunterkunft für Flüchtlinge in Deutschland

Köln-Buchheim. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund beträgt hier 50 Prozent, bei Kindern und Jugendlichen sind es sogar 70 Prozent. Einige von ihnen sind beim MTV Köln angemeldet, dem größten Breitensportverein der Stadt mit über 5000 Mitgliedern. Sie nutzten das preiswerte Sportangebot in der nahe gelegenen Mehrzweckhalle, doch das ist nun vorbei - die Stadt hat die Halle als Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert. Und das ziemlich kurzfristig, berichtet Holger Dahlke, der Geschäftsführer, im Interview mit der Deutschen Welle: "Mittwochs haben wir erfahren, dass donnerstags die Halle in Buchheim nicht mehr zu Verfügung steht."

Die Angebote müssen nun in einer anderen Halle stattfinden, doch die Anreise - selbst mit öffentlichen Verkehrsmitteln - ist für viele Familien finanziell nicht möglich. Auch andere Sportanlagen des MTV sind betroffen: "Wir haben aktuell vier Dreifachsporthallen nicht zur Verfügung, es ist ein herber Einschnitt", zählt Dahlke auf. "Im Moment ersetzen wir 170 bis 180 Belegungseinheiten. Das ist ein massiver Eingriff und für viele Familien nicht stemmbar." Die Konsequenz: Im letzten Quartal des letzten Jahres gab es einen Kündigungs-Rekord beim MTV Köln. "Wir liegen da bei 400, normal sind 280 bis 290." Das Problem liegt auch darin, dass in diesen Sporthallen Angebote stattfinden, die in keinen anderen Hallen stattfinden können. "Beispielsweise Trampolinturnen, das kann man nicht in einer kleinen Schulturnhalle machen, weil die Leute sonst durch das Dach fliegen", gibt Dahlke ein Beispiel. Zudem müssen die Geräte irgendwo untergebracht werden.

DOSB und DFB schlagen Alarm

So, wie es dem MTV Köln ergangen ist, geht es vielen Sportvereinen in Deutschland. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) schätzt, dass derzeit rund 1000 Turnhallen bundesweit als Notunterkünfte dienen und weiß um den Ernst der Lage. "Inakzeptabel wird es dort, wo man entweder leichtfertig den Weg des geringsten Widerstandes geht und einfach die Turnhallen belegt, oder wo man sich keine Gedanken darüber macht, was gesellschaftlich kaputtgehen kann", warnt DOSB-Präsident Alfons Hörmann. "Wenn sich Menschen nicht mehr in der gewohnten Form bewegen können, wird der Punkt kommen, an dem die Stimmung in den Vereinen und damit auch in den Kommunen kippt."

Interims-DFB-Präsident Rainer Koch vor der DFB-Zentrale in Frankfurt (Foto: Thomas Lohnes/Bongarts/Getty Images)

DFB-Interimspräsident Koch fordert Alternativen

Auch der Deutsche Fußballbund (DFB) schlägt Alarm: "Die Turnhallen können für Erstmaßnahmen zur Unterbringung von Flüchtlingen geeignet sein, aber es müssen sehr schnell Alternativen wie leer stehende Hallen oder umgehend zu errichtende Traglufthallen gefunden werden", sagte Interimspräsident Rainer Koch gegenüber der Zeitschrift Sportbild. "Unter den Flüchtlingen befinden sich viele junge Männer, für die Bewegungsmöglichkeiten gebraucht werden, dafür sind gerade im Winter die Turnhallen unverzichtbar."

Vereine zeigen große Solidarität

Nordrhein-Westfalen als größtes Bundesland mit 19.000 Sportvereinen ist am stärksten betroffen. Nach einer Umfrage des Städte- und Gemeindebundes von Anfang November 2015 sind allein in NRW 400 Hallen belegt. Seither gibt es keine neue Erhebung, erklärt Frank-Michael Rall, Pressesprecher des Landessportbundes NRW der DW: "In diesem Thema ist viel Dynamik. Es ist nicht seriös, aktuelle Zahlen zu nennen. Wir stellen fest, es geht in beide Richtungen." Während es vor Weihnachten nur Beschwerden hagelte, seien in einigen Städten sogar wieder Hallen freigegeben worden. "Fakt ist: Es gibt vereinzelt Vereine, die sagen: Ja, es hat uns Mitglieder gekostet. Ein Drittel der Vereine hat mit dem Thema zu tun, das ist realistisch. Aber wir kennen keinen Verein, der seinen Betrieb einstellen musste."

Deutschland, Kinder auf Trampolin in einer Kölner Turnhalle (Foto: Oliver Edelmeier, MTV KÖln)

Trampolinspringen findet beim MTV Köln nun woanders statt

Alle Vereine zeigten eine große Solidarität und Hilfsbereitschaft. Dennoch fordert der Landessportbund NRW die Kommunen auf, die Augen auch nach anderen Unterbringungsmöglichkeiten aufzuhalten. "Es gibt so viele leer stehende Behörden, Immobilien, Krankenhäuser, alte Schulen, Kulturstätten. Auch da gibt es sanitäre Anlagen, Strom, Licht. Denkt doch auch bitte mal an diese Kulturimmobilien und andere Einrichtungen. Es ist ja nicht nur die Sporthalle, die zur Verfügung steht. Es ist oft nur der schnellste Weg für die Kommunen."

Sport für Flüchtlinge als Mittel der Integration

Um den Menschen in ihrer Notsituation zu helfen, hat der Landessportbund NRW bereits wiederholt Förderprogramme für Sportangebote gestartet. 250.000 Euro wurden an 500 Vereine ausgegeben, die Sport für Flüchtlinge anbieten. Denn der Sport hat auch einen gesellschaftlichen Auftrag: Menschen in Bewegung zu bringen, Schulkinder in Bewegung zu bringen. "Wenn das dauerhaft ausfällt, können wir den gesellschaftlichen Auftrag nicht erfüllen. Deshalb muss der Sport seine Sportstätten zur Verfügung haben", so Pressesprecher Rall. "Gern gibt er sie als Notlösung ab, aber bitte nicht als Dauerlösung."

Noch einen Schritt weiter geht Holger Dahlke. Wenn die Hallen nicht mehr nutzbar seien, dann sei natürlich auch das Sportangebot für Flüchtlinge davon betroffen, betont der MTV-Geschäftsführer. "Da wird das konterkariert, was wir als gemeinnütziger Sportverein für die Gesellschaft leisten. Ich möchte das fast schon pervers nennen, was da passiert, wenn man dann in den Blick nimmt, dass andere Bereiche der Gesellschaft überhaupt nicht, oder kaum behelligt werden." Der MTV ist einer der Vereine, die Fördergelder beim Landessportbund und bei der Stadt Köln beantragt haben. "Das ist eine nette Geste, nicht mehr und nicht weniger. Gut gemeint, aber hilft uns mittel- und langfristig überhaupt nicht weiter", so Dahlke, der auf anfallende Kosten für den Fahrtkostenzuschuss der ehrenamtlichen Trainer, Personalkosten und ausfallende Mitgliedereinnahmen hinweist. Diese könnten noch steigen, wenn auch die kleinen Turnhallen belegt werden. "In den großen Hallen werden flächenintensive Sportarten wie Handball, Volleyball, Badminton, Basketball betrieben, also wenige Nutzer pro Quadratmeter. Bei den kleinen Hallen ist es genau umgekehrt. Da haben wir schnell mal 20, 25 Personen. Das sind alles zahlende Mitglieder. Wenn die alle austreten, haben wir herbe Einnahmeverluste."

"Willkommenssport" wird torpediert

Holger Dahlke, Geschäftsführer MTV Köln (Foto: MTV KÖln-Archiv)

MTV-Chef Dahlke: "Vereine wehren sich ja nicht"

Grundsätzlich seien beim MTV Köln alle Angebote offen für Flüchtlinge, berichtet Dahlke. "Wir haben eine ganze Reihe an Flüchtlingen integriert, vier bis sechs Leute pro Gruppe. Eine Volleyballmannschaft besteht fast zur Hälfte aus Flüchtlingen." Dazu gibt es ein exklusives Angebot im Bereich Basketball und ein Fußball-Angebot für die in der benachbarten Dreifachhalle untergebrachten Flüchtlinge. "Wir versuchen, das so unbürokratisch wie möglich zu machen." Man würde auch noch viel mehr anbieten, doch fühlt man sich wenig unterstützt von der Politik. "Man hat nicht den Eindruck, dass das hier gut organisiert ist. Letztendlich torpediert man das, was ehrenamtliche und gemeinnützige Vereine leisten könnten in dem Bereich."

Allein in Köln sind über 11.000 Flüchtlinge untergebracht, und es kommen immer wieder neue Menschen hinzu. Bei der anhaltenden Zuwanderung sei das Ende der Fahnenstange lange nicht erreicht, ahnt Dahlke. "Man geht den Weg des geringsten Widerstandes. Die Vereine sind ja immer bereit, sie wehren sich nicht, im Gegensatz zu anderen, die gern mal eine Klage anstreben, wenn ihnen die Flüchtlinge zu nahe auf die Pelle rücken." Das Argument, man habe Obdachlosigkeit zu vermeiden, ärgert ihn. "Das finden wir unfair denen gegenüber, die sich hier ehrenamtlich engagieren. Es reicht eben nicht zu sagen: Wir schaffen das! Wir müssen eine Idee haben, wie das funktioniert."

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