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Sport

Sportvereine in Krisenzeiten

15 Prozent aller Sportvereine in Deutschland haben Existenzsorgen. Das geht aus dem aktuellen Sportentwicklungsbericht hervor. Es fehlt an ehrenamtlichen Helfern, tauglichen Sportstätten und Nachwuchs.

Kinder laufen in der Turnhalle der Bernhard-Adelung-Schule in Darmstadt an der Zuleitung eines Heizkörpers vorbei, in dessen Umgebung bereits der Putz abgebröckelt ist. (Foto: dpa)

Marode Sportstätten können Sportvereine in Existenznöte bringen

Die Geschäftsstelle ist gleich neben dem Stadion. Die Zimmer sind klein, überall stehen gelbe Postkisten herum. Es gibt offensichtlich viel zu tun. Die Schwimm- und Sportfreunde Bonn (SSF Bonn) sind mit rund 8000 Mitgliedern der größte Sportverein der Stadt und einer der größten in Nordrhein-Westfalen. Im Verein arbeiten 26 hauptamtliche Mitarbeiter und über 30 so genannte 400 Euro-Jobber. Klingt nicht so, als ob den Schwimm- und Sportfreunden das Wasser bis zum Hals stünde.

Die Zahl der Mitglieder, vom Aquajogging über Kampfsport bis zur Leichtathletik, wachse weiter. Auch die Anzahl ehrenamtlicher Helfer sei in den letzten Jahren konstant geblieben, sagt Maike Schramm, stellvertretende Vorsitzende und Geschäftsführerin. Dem Verein gehe es eigentlich gut, wären da nicht die maroden Sportstätten. "Wir haben zum Beispiel ein vereinseigenes Schwimmbad, das dringend saniert werden müsste. Das ist die Aufgabe der Stadt", ärgert sich Schramm. Genauso stehe es um so manch eine Turnhalle. "Plötzlich wird dann eine Halle geschlossen, weil sie zu marode ist und uns fehlen dann jede Menge Trainingsgelegenheiten."

Eine marode Schwimmhalle mit bröckelnden Wänden und leerem, kaputten Becken. (Foto: picture-alliance)

Der Alptraum vieler Sportvereine - eine marode Schwimmhalle wie hier in Berlin

Die Städte und Kommunen haben kein Geld. Schwimmbäder werden geschlossen, Turnhallen dem Verfall überlassen. Die Konsequenz: Keine Sportstätten, keine Mitglieder, kein Geld, keine Sportvereine. Das sieht nicht nur in Bonn so aus. 15 Prozent aller Sportvereine in Deutschland fürchten sogar um ihre Existenz, heißt es im Sportentwicklungsbericht von Professor Christoph Breuer von der Sporthochschule Köln.

Auslaufmodell Ehrenamt?

Jugendwart Ralf Wallhäuser (li.) und Vorsitzender Rainer Wolff stehen vor dem Judo-Bus des Vereins. (Foto: DW/Benjamin Wüst)

Existenzsorgen: Jugendwart Ralf Wallhäuser (li.) und Vorsitzender Rainer Wolff

Ortswechsel: Auch auf der anderen Rheinseite, beim Beueler Judo-Club, ist die Existenzsorge spürbar. Beim größten Judoclub Deutschlands sind es nicht die Sportstätten, sondern der Mitgliederschwund, der dem Vorsitzenden Rainer Wolff, die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Die Zahl der ehrenamtlichen Helfer nehme kontinuierlich ab, sagt der 53-Jährige. "Wir haben vor 15 Jahren mit den ersten beiden Hauptamtlichen angefangen, weil wir keine Ehrenamtlichen mehr gefunden haben", erklärt Wolff. "Ein 19-Jähriger geht eben lieber mit seiner Freundin ins Schwimmbad, als ab 15 Uhr vier Stunden auf der Judomatte zu stehen."

Mehr noch als das Ehrenamt bereitet Wolff der ausbleibende Nachwuchs Kopfzerbrechen. In den letzten vier Jahren haben sich rund 200 Judoka abgemeldet. Die Zahlen seien eindeutig: Es sind die 7- bis 14-Jährigen die so gut wie gar nicht mehr kommen. Schuld daran sei die Einführung der Offenen Ganztagsschule. Hier werden die Kinder teilweise bis 17 Uhr verwahrt. "Wir reden von Grundschülern, von Zehn- oder Elfjährigen. Die müssen irgendwann auch mal ins Bett, wollen sich vielleicht auch mal noch mit Freunden treffen. Wann sollen die dann noch Sport treiben?"

Sport gegen die "Hummeln im Hintern"

Sabine Benyachou und ihre drei Kinder vor dem Judo-Bus des Vereins. (Foto: DW/Benjamin Wüst)

"Meine Kinder brauchen Sport"

Eine Frage, die sich auch Sabine Benyachou stellt. Sie ist alleinerziehende Mutter. Sie hat kein Auto, aber drei Kinder, die alle gerne nach der Ganztagsschule noch zum Judo wollen. Das geht dann nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln - eine echte Herausforderung. "Wir brauchen ungefähr eine Stunde bis wir in der Halle sind, dann dauert das Training eineinhalb Stunden. Danach sind wir mit Bus und Bahn um acht Uhr zuhause. Da bleibt von dem Tag nicht mehr viel übrig."

Die Schule dauere einfach zu lange, die Zeit sei zu knapp. Den Sport will Benyachou ihren Kindern aber trotzdem ermöglichen. "Die brauchen das", sagt sie. "Wenn die drei Tage nicht zum Training gehen, dann haben die Hummeln im Hintern, dann kriege ich die kaum noch gebändigt." Erst das Judo-Training mache die drei ruhig. "So können sie dann auch in der Schule besser arbeiten und sind nicht so aufgedreht."

Sportvereine in die Schule integrieren

Rainer Wolff ist nun schon seit 30 Jahren im Beueler Judo-Club aktiv. Jetzt sieht er für viele Sportvereine wegen der immer mehr werdenden Ganztagsschulen schwarz. In seinen Augen gibt es aber eine Lösung: Die Sportvereine müssten in das Konzept der Ganztagsschule integriert werden. Dann müsste niemand auf Sport verzichten und die Zukunft der Vereine wäre auch gesichert. "Dann kommen die Kinder um 17 Uhr nach Hause und haben alles erledigt - Schule, Hausaufgaben, Sport. Dann haben sie wirklich Freizeit."

Für diese Vision will Rainer Wolff kämpfen. Er war schon zweimal im nordrhein-westfälischen Landtag in Düsseldorf und hat mit Politikern über das Konzept Ganztagsschule diskutiert. "Aufgeben gilt nicht. Der Verein ist mein Baby, meine Leidenschaft, meine Liebe."

Autor: Benjamin Wüst
Redaktion: Wolfgang van Kann

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