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Amerika

Sportplatz statt Schießplatz

In den Slums von Bogotá herrschen Gewalt und Kriminalität. Durch Sanierungsprojekte und Infrastrukturmaßnahmen soll den sozialen Spannungen der Nährboden entzogen werden.

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In dem Slums von Bogotá fehlt es häufig an der nötigsten Infrastruktur

Auf der staubigen Straße zwischen unverputzten ein- bis zweistöckigen Backsteinhäusern spielen Kinder. Hunde dösen im Schatten. Das Abwasser aus den Häusern fließt in Rinnsalen die Straße entlang, die sich bei Regen in eine breite Schlammpiste verwandelt. Abends liegt das Viertel am Stadtrand von Bogotá größtenteils im Dunkeln – Straßenlaternen gibt es nicht. Wer nicht unbedingt mehr raus muss, verlässt das Haus nicht. Dann gehören die Straßen und Plätze den Jugendbanden, die sich durch Drogenhandel und Erpressung finanzieren.

So sah es bis vor einigen Jahren in den unkontrolliert wachsenden Slums im Südosten von Bogotá aus. Hier stranden Jahr für Jahr hunderte Familien. Menschen, die vor den Kämpfen zwischen der Guerrilla und dem Militär aus anderen Landesteilen geflohen sind – oder die auf Grund wirtschaftlicher Interessen von ihrem Land vertrieben wurden, zum Beispiel durch expansive Bergbauunternehmen. Kolumbien ist das Land mit den meisten Binnenvertriebenen: zwischen zwei und drei Millionen Menschen haben ihre Heimat im eigenen Land verloren.

Bogotá platzt aus allen Nähten

Die Binnenflüchtlinge stellen die Städte vor unlösbare Aufgaben, konstatiert der für Lateinamerika zuständige Abteilungsdirektor der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), Stefan Zeeb. "Wir reden von 70.000 bis 100.000 Menschen, die jedes Jahr zusätzlich in die Stadt strömen und die versorgt werden müssen, um nicht weitere Konflikte zu verursachen – da stößt die Stadtverwaltung an ihre Grenzen."

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Kriminelle Jugendbanden beherrschen oft die Straßen und Plätze in den Stadtrandgebieten

Bogotá mit seinen fast sieben Millionen Einwohnern ist eine der am schnellsten wachsenden Großstädte Südamerikas. 15% der kolumbianischen Bevölkerung konzentrieren sich in der Hauptstadt. Im Rahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit finanziert die KfW in den Slums von Bogotá Projekte zur Stadtrandsanierung. Klingt sehr technisch, ist es aber nicht. "Der Kern der Maßnahme ist immer der Mensch", betont Zeeb.


Hohe Mordrate

Die Menschen in den Slums von Bogotá sind zum Teil schwer traumatisiert, gezeichnet durch Vertreibung und Entwurzelung. Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung ist an der Tagesordnung. Das starke soziale Gefälle führt zu hohen Kriminalitätsraten. Bogotá verzeichnete vor zehn Jahren noch die weltweit höchste Mordrate – 40 Opfer pro 100 000 Einwohner im Jahr. Zum Vergleich: in New York liegt die Rate bei sieben, in Berlin statistisch bei 2,5 Morden pro 100.000 Einwohner.

Die von der KfW mitfinanzierten Projekte zielen ab auf Gewaltprävention durch Verbesserung des Wohnumfeldes und die Stadtrandsanierung. Mit den Mitteln aus Deutschland wurden Straßen asphaltiert, Abwasserkanäle gebaut, Schulen saniert oder überhaupt erst gebaut und öffentliche Plätze hergerichtet. Dabei trägt Deutschland rund ein Drittel der Kosten – die restlichen Mittel stellt die kolumbianische Seite. "Das wichtige ist natürlich, die Bevölkerung mit der eigentlich zuständigen Stadtverwaltung zusammenzubringen, die in diesen Stadtrandgebieten auch nicht immer präsent ist", erläutert Stefan Zeeb.


Eigenverantwortung stärken

Genauso wichtig sei die Einbindung der Bevölkerung in die Sanierungsprojekte. Gemeinsam mit den Nachbarschaftsorganisationen wird entschieden, welche Bauvorhaben in den Vierteln umgesetzt werden sollen. Die Menschen sollen aber vor allem langfristig Verantwortung die Projekte übernehmen.

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So werden kleinere Baumaßnahmen von den Nachbarschaftskomitees oft in Eigenarbeit ausgeführt. "Auf diese Weise findet eine richtige Aneignung der neu geschaffenen öffentlichen Räume durch die Bürger statt", hat Stefan Zeeb von der KfW beobachtet. "Die Menschen kümmern sich hinterher ganz anders um den Unterhalt und den Betrieb dieser Schulen, Kindergärten oder auch Sportplätze."


Dabei geht es nicht nur um die Pflege des Rasens oder der Gebäude. Wichtig sei, betont Stefan Zeeb, dass die Menschen die öffentlichen Plätze auch nutzen. Und das Konzept geht auf. Fußballturniere, Stadtteilfeste, Tanzaufführungen, Konzerte werden organisiert. Wo Nachbarn miteinander feiern oder Sport treiben, entsteht eine neue Kultur des friedlichen Umgangs. Die Jugendbanden haben in diesen Vierteln an Einfluss verloren. In Bogotá ist die Mordrate in den letzten zehn Jahren halbiert worden – und daran haben die von der KfW finanzierten Projekte einen nicht geringen Anteil, betont Stefan Zeeb. "Wenn man sieht, unter welchen Bedingungen die Menschen in diesen Stadtvierteln in Bogotá leben und auch sieht, was man mit vergleichsweise wenig Geld bewirken kann an neuer Hoffnung und an neuer Begeisterung und Unternehmertum bei dieser Bevölkerung, dann ist jeder Euro gut investiert."


Mit dem Bau von Kindergärten und öffentlichen Sportplätzen wird der bewaffnete Konflikt in Kolumbien nicht gelöst. Aber zumindest gelingt es dadurch, der alltäglichen Perspektivlosigkeit und Gewalt in den Slums den Nährboden zu entziehen. Auf Anfrage der kolumbianischen Regierung sollen ähnliche Projekte auch in anderen Großstädten umgesetzt werden. Auch die Stadtverwaltung von Guatemala hat großes Interesse an Projekten zur Stadtrandsanierung.

Autorin: Mirjam Gehrke

Redaktion: Oliver Pieper