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Wissen & Umwelt

"Sport ist Mord, Breitensport ist Massenmord"

Professor Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln räumt im Interview mit der gängigen Meinung auf, Sport sei generell gesund. Er warnt vor den Gefahren und fordert einen behutsameren Umgang mit dem Körper.

Zigtausend Läufer starten vor dem Brandenburger Tor in Berlin zum Berlin-Marathon (Bild: AP)

DW-WORLD.DE: Professor Froböse, in den Medien heißt es immer wieder, Sport sei gesund. Die Krankenkassen unterstützen sportliche Aktivität mit Bonusprogrammen. Auf der anderen Seite wissen wir von Knorpelverletzungen bei Fußballern, es gibt Magersucht unter Skispringern, Marathonläufer leiden unter Arthrose in Hüfte oder Knien, Ausdauersportler kämpfen mit den Folgen des Sportherzens. Was ist denn nun wahr: Ist Sport gesund oder nicht?

Es gibt das geflügelte Wort 'Sport ist Mord und Breitensport ist Massenmord'. Da ist sicher etwas dran, weil es viele Menschen beim Sport deutlich übertreiben. Wir haben in unserer Gesellschaft gerade viele Grenzgänger, die den Sport nutzen und missbrauchen, um Grenzen zu begehen oder sogar zu überschreiten. Ich glaube, wir übertreiben es mit der körperlichen Aktivität und insbesondere mit dem Sport insgesamt. Er wird zum einen zu stark professionalisiert, er wird überinterpretiert als ein Muss, um überhaupt leben zu können - und das Gegenteil ist oft der Fall.

Viele Menschen übertreiben, holen sich durch den Sport viel mehr Probleme in ihren Organismus, weil sie überhaupt kein Empfinden dafür haben, was richtig für sie ist, was sie wirklich brauchen. Ich sehe sehr kritisch, was derzeit passiert und sehe die negative Entwicklung des Sports, so dass ich sagen muss: Als Sportwissenschaftler muss ich mich davon ein wenig entfernen.

Der Sportmediziner Prof. Wildor Hollmann hat vor Jahren postuliert, dass dreimal pro Woche eine halbe Stunde Sport reichen würde, um gesund zu bleiben. Gilt das auch heute noch?

Professor Ingo Froböse von der DSHS Köln (Bild: DW)

Sportwissenschaftler Froböse

Mittlerweile gehen wir etwas weiter. Wenn man sich die Evolution der Aktivitätsempfehlungen anschaut, waren wir vor zehn, 15 Jahren auf dem Trip: Es muss dreimal pro Woche intensiv Sport getrieben werden. Heute entfernen wir uns davon. Wir wissen, dass wir 75 Prozent der Menschen nicht zum Sport bringen - die haben keine Lust darauf - für die ist körperliche Aktivität eine Anstrengung, die sie nicht haben wollen.

Dementprechend sind wir, was unsere Empfehlung betrifft, mittlerweile so weit, dass wir sagen: Wir brauchen mindestens fünfmal pro Woche 30 Minuten körperliche Aktivität, wobei diese körperliche Aktivität nicht als Sport verstanden werden darf, sondern verstanden werden kann als - mit dem Rad zur Arbeit zu fahren, mittags einen Runde spazieren zu gehen, im Garten tätig zu werden, sich "Bewegungsportionen" im Büro abzuholen. Das ist auch körperliche Aktivität, und eine Körperzelle weiß wirklich nicht, ob ich nun mit den Nordic-Walking-Stöcken im Wald unterwegs bin, oder ob ich einfach nur auf dem Rad zur Arbeit fahre. Sie weiß nur: Mein Besitzer ist unterwegs, und dementsprechend produziert sie Energie.

Das wichtigste ist, dass wir körperliche Aktivität regelmäßig in den Alltag integrieren. Wenn ich dreimal pro Woche abends Sport treibe, habe ich immer noch 165 Stunden Inaktivität pro Woche. Das ist unser großes Problem, das wir in den Griff bekommen müssen. Da hilft Sport leider nicht so viel.

Nun hat Ihr Institut auch "Prävention" im Titel. Zur Prävention gehört auch Aufklärungsarbeit. Warum wird denn immer nur in der einen Richtung aufgeklärt, nämlich dahingehend, dass die Leute Sport treiben sollen, nicht aber über die Gefahren?

Es ist wie bei allen Dingen: Die Dosis macht das Gift. Die Wissenschaft, die Sportwissenschaft, auch die Medizin, hat sich bisher immer von dem Gedanken leiten lassen, ihre Empfehlungen aus den Erkenntnissen aus dem Spitzensport zu entwickeln. So wie beim Auto, wo man aus der Formel 1 die Serienreife ableitet.

Genau so ist man beim Sport auch vorgegangen, hat aber verkannt, dass die Biologie doch anders ist als ein Motor, als eine mechanische Größe, dass sie ganz andere Anpassungsmöglichkeiten hat und von niederschwelligen Angeboten unwahrscheinlich profitiert. Diese Forschungsergebnisse kennen wir erst seit den letzten Jahren.

Wir sind noch weit davon entfernt, den Körper zu verstehen, und deswegen haben wir uns immer von der falschen Seite genähert, indem wir sagten: 'Sport, Sport, Sport!'. Allerdings müssen wir natürlich aufgrund unserer Umweltbedingungen kompensieren. In der Steinzeit hatten wir noch keine Rechner, die uns vieles abgenommen haben oder Förderbänder am Flughafen, Rolltreppen in Einkaufszentren. Und entsprechend müssen wir etwas für unsere Natur tun, die nunmal heißt: Aktivität und Bewegung. Denn nur was genutzt wird, entwickelt sich. Meine Oma hat immer gesagt: 'Wer rastet, der rostet'. Da ist auch was dran!

Haupteingang der DSHS Köln (Bild: DW)

Hinterfragt auch kritisch den gesundheitlichen Nutzen des Sports: Die Deutsche Sporthochschule Köln


Welche Sportarten würden Sie Otto-Normalverbraucher empfehlen. Wo würden Sie sagen: das ist gesund, das ist verträglich, und davon lassen Sie besser die Finger?

Ich sehe zum Beispiel mit großem Argwohn die Entwicklung, dass immer mehr Menschen Marathon laufen wollen. Wo geht das hin? Ich selbst laufe relativ viel, würde aber nie Marathon laufen, denn das ist eine Grenzüberschreitung. Die meisten Marathonläufer ähneln fast Herzkranken, wenn sie in den ersten vier Wochen nach dem Lauf deren Blutwerte, deren Entzündungsparameter ansehen.

Das gesunde Maß ist das entscheidende. Und das liegt etwa bei fünfmal 30 Minuten pro Woche. Dazu gehört moderate Aktivität. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen wieder regelmäßig ein bisschen Gymnastik machen würden: fünf oder zehn Minuten zu Hause am offenen Fenster Sauerstoff tanken, Licht tanken und die Muskeln kräftigen.

Unsere Muskulatur erfährt im Alltag viel zu wenig Beanspruchung. Und dazu täten wir schon viel für das Herz-Kreislauf-System und das Immunsystem, indem wir Ausdauer treiben, in Form von einem Spaziergang abends mit dem Partner. Das ist für mich eine körperliche Aktivität, die für die meisten ausreicht. Für besser trainierte reicht das zwar nicht mehr aus, aber für 75 Prozent ist das genau die richtige Empfehlung: einfach sich moderat und mit Spaß zu bewegen - ohne Last und ohne Schweiß auf der Stirn.

Das Interview führte Tobias Oelmaier
Redaktion: Fabian Schmidt

Professor Ingo Froböse (*1957) ist Leiter des Zentrums für Gesundheit und Leiter des Instituts für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation an der Deutschen Sporthochschule Köln.