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Filme

Splatterfilm für Intellektuelle

Kein anderer Film des Jahres löst derartig heftige Diskussionen aus wie "Antichrist" von Lars von Trier. Er erschreckt mit Gewaltszenerien und spaltet die Kritiker. Kein Wunder bei so viel Grusel, Blut und Sex.

Die Schauspieler Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe in einer Szene von Lars von Triers Film 'Antichrist' (Foto: MFA+ FilmDistribution e.K.) ***Achtung! Verwendung nur in Zusammenhang mit Berichterstattung über den Film!********

Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe

Als "Antichrist" im Mai in Cannes uraufgeführt wurde, sollen Zuschauer ohnmächtig geworden sein. Alle die noch bei Sinnen waren, zeigten nur zwei Gefühlsregungen: Begeisterung oder Entsetzen. Und die Diskussionen im Anschluss waren genauso extrem. Am Ende des Filmfestivals gab es einen Preis für die beste Hauptdarstellerin: Charlotte Gainsbourg. Jetzt, beim offiziellen Kinostart, gehen die hitzigen Wortgefechte weiter. Vor allem auch in Deutschland, wo der Film gedreht und finanziert wurde.

Filmische Trauerarbeit

Lars von Trier erzählt die Geschichte eines Paares, welches das gemeinsame Kind durch einen Unfall verliert. Während die Eltern Sex haben, öffnet der Kleine das Türchen seines Laufstalles und springt aus dem Fenster des elterlichen Hauses. Die Frau verfällt daraufhin in eine Psychose aus Verzweiflung, Trauer und Schuldgefühlen. Ihr Mann, ein Therapeut, nimmt die Sache schließlich in die Hand und beginnt - entgegen alle Regeln - seine eigene Frau zu behandeln.

Charlotte Gainsbourg in Lars von Triers Film 'Antichrist' (Foto: MFA+ FilmDistribution e.K.)

Warten auf Erlösung: Charlotte Gainsbourg

Gruseliger Psychokampf

Die beiden ziehen sich in eine einsame Waldhütte zurück. Es beginnt ein Zweipersonendrama auf engstem Raum. Der Mann versucht die Ursachen der psychischen Zwänge seiner Frau zu analysieren und sie mit ihren Urängsten zu konfrontieren. Zunächst gelingt das auch, die Frau wähnt sich auf dem Weg der Besserung. Doch plötzlich explodiert die Situation. Die Frau, die früher über mittelalterliche Hexenverfolgungen geforscht hat, traktiert den Mann mit Gewalt. Ein Spiel auf Leben und Tod beginnt und endet in einer überaus blutigen Farce.

Nebelszene aus Lars von Triers Film 'Antichrist' (Foto: MFA+ FilmDistribution e.K.)

Im Nebel herscht das Grauen

So weit die rein äußerliche Handlung von "Antichrist". Das Ganze hat der dänische Regisseur als mystische und mythologische Tour de Force inszeniert und mit allerlei symbolischen Anspielungen und archaischen Gewaltszenerien aufgeladen. Da wabert der Nebel durch den Tannenwald, immer wieder stoßen die beiden auf gebärende oder verendende Tiere. Höhepunkt der artifiziellen Symbolik: ein Fuchs, der spricht: "Chaos regiert", raunzt er von der Leinwand runter.

Einflussreicher Regisseur

Lars von Trier gilt seit vielen Jahren als einer der innovativsten und formal mutigsten Regisseure des Weltkinos. Ob in "Breaking the Waves", "Dancer in the Dark" oder "Dogville" - stets verstand es der Däne, mit seinen Filmen inhaltliche und formale Grenzen zu sprengen, für Diskussionsstoff zu sorgen. Das von ihm mitinitiierte "Dogma"-Manifest, das zu den Wurzeln des Filmemachens zurückführen sollte, ist inzwischen (Film-)Geschichte, beeinflusste weltweit Regisseure. Man musste Lars von Trier auf seinen filmischen Erkundungspfaden nicht immer folgen, um anzuerkennen, dass der Däne zu den aufregendsten Filmkünstlern unseres Planeten gehört.

Sexszene im Film 'Antichrist' (Foto: MFA+ FilmDistribution e.K.)

Sex und Symbole: Gainsbourg und Dafoe beim Akt unter Bäumen

Film als Therapie

Diesmal hat sich von Trier aber in eine filmische Sackgasse manövriert. Viel war im Vorfeld der Dreharbeiten über die depressive Erkrankung des Regisseurs zu lesen. Auch, dass er das Buch zu "Antichrist" als Therapie verfasst habe, um der Krankheit zu entkommen und dass er den Film in erster Linie nicht für das Publikum, sondern nur für sich selbst gemacht habe. Doch nun ist der Film in den Kinos, das Publikum wird damit konfrontiert. Und es hat einen Film zu beurteilen, nicht die geglückte Heilung eines Regisseurs.

Manche professionelle Beobachter loben am neuen Von-Trier-Film ästhetisch gelungene Bildkompositionen oder den Mut, noch nie gezeigte Dinge auf die Leinwand gebracht zu haben. Auch das exzessive Spiel der Hauptdarstellerin und die überreiche Symbolik des Films werden positiv erwähnt. Viele meinen zudem, wenn ein Film Debatten provoziere, sei das schon ein Wert an sich.

Spiel mit den Tabus

Man kann aber auch zu dem Urteil kommen, dass der Däne schlicht und einfach einen Horrorfilm für Intellektuelle gedreht hat. So ist es wohl auch kein Zufall, dass in den Zeitungen in diesen Tagen nicht nur Filmkritiker zu Wort kommen, sondern Autoren wie Daniel Kehlmann und Elfriede Jelinek, die wortreich versuchen, den Subtext des Films zu deuten.

Schauspieler Willem Dafoe, Regisseur Lars von Trier und die Schauspielerin Charlotte Gainsbourg posieren in Eitorf bei einem Pressetermin anlässlich der Dreharbeiten zm Kinofim Antichrist (Foto: dpa)

Der Meister und seine Darsteller: Dafoe, von Trier, Gainsbourg (v.l.)

Natürlich zeigt von Trier in seinem "Antichrist" Bilder, die man normalerweise nur im Splatterfilm zu sehen bekommt. Er zeigt Blut, Sperma und Genitalverstümmelung in Großaufnahme und Zeitlupe, knirschende Knochen und zertrümmerte Hoden. Jemand, der Filme mit solcher Art von Gewaltszenen nicht gewöhnt ist, wird wohl verschreckt und geschockt sein. Ein Nachdenken über das Gesehene wird dadurch nicht gerade erleichtert.

Irritierend ist auch die Verquickung der Trauer- und Verlustthematik mit dem Subtext "Hexenverfolgung". Hier macht der Regisseur nichts anderes als jeder halbwegs ausgebuffte Regisseur von Horrorstreifen. Er umgibt sich mit dem Mäntelchen des Anspruches (ein wichtiges, ein existenzielles Thema!), bettet das aber ein in pseudowissenschaftliche Handlungsstränge und spekulative Bilder. Er setzt auf Schock und Ekel statt auf Denken und Begreifen.

Autor: Jochen Kürten

Redaktion: Marlis Schaum



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