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Sportpolitik

Spitzensportreform - deutscher Sport im Goldrausch

Der Deutsche Sport schwächelt - zumindest was die Medaillen im internationalen Wettkampf angeht. Die umstrittene Reform des Spitzensports soll helfen - doch auf wessen Kosten und um welchen Preis?

Nach den großen Erfolgen des wiedervereinigten Olympiateams in den 1990ern nahm die Medaillen-Ausbeute ständig ab. 1992 waren es 82 Medaillen, 2016 in Rio nur noch 42. In den vergangenen Jahren haderte der deutsche Spitzensport mit der Frage nach seinen Prioritäten: Mitmachen bei der Medaillenjagd der Sportgroßmächte, der Amerikaner und Briten, der Chinesen und Russen? Oder auf eine vielfältige Sportlandschaft bauen?

Die Entscheidung ist von Seiten der beiden großen Geldgeber, dem Bundesinnenministerium (BMI) und dem Deutsche Olympischen Sportbund(DOSB) gefallen: Das Edelmetall soll es sein. Mit Hilfe der umstrittenen Spitzensportreform, die der DOSB im Dezember auf den Weg bringen will, sollen die deutschen Sportler im internationalen Vergleich wieder ganz vorne mitspielen. Dirk Schimmelpfennig, als Vorstand des Leistungssports beim DOSB einer der Urheber der Spitzensportreform, erklärte im Rahmen der 6. Sportkonferenz des Deutschlandfunks: "Wir wollen den Athleten, die die Möglichkeit haben, Weltspitzenniveau zu erreichen, die Rahmenmöglichkeiten geben, um im Vergleich zur Konkurrenz an der Weltspitze - und zwar im sauberen Sport - ihr Maximum zu entwickeln".

Doch was bedeutet die Reform für die Zukunft des Deutschen Sports? Rein ins Abseits oder Aufstieg in den Olymp?

Ohne Potenzial kein Geld

Dem Sieg folgten bislang nicht nur tobender Applaus und Euphorie sondern auch ein sicherer Geldregen für die entsprechende Sportart. Sportliche Erfolge haben sich in der Förderung der Disziplin ausgezahlt, doch auch bei Misserfolg und Niederlagen musste - dank Grundförderung nach dem Gießkannenprinzip -  kein Verband um sein Bestehen bangen.

Brasilien Rio de Janeiro Olympia 2016 Triathlon Schwimmen (Getty Images/AFP/Y. Chiba)

Kein Medaille, wenig Potenzial. Ob der olympische Triathlon in Deutschland künftig ohne Geld untergehen wird?

Doch das soll sich mit Deutschlands Medaillenjagd ändern. Mit 167 Millionen Euro an Fördergeldern fixiert sich der Bund nun auf zukünftige Erfolge. Fehlt dagegen das Potenzial für einen Podiumsplatz, soll es sehr wenig bis gar kein Geld mehr geben, wobei ganze Disziplinen durch das Raster fallen könnten. Das Ziel des Innen- und Sportministers Thomas de Maizière: ein Drittel mehr Gold, Silber oder Bronze bei den nächsten Olympischen Spielen. Deutschland soll in der Nationenwertung wieder einen Spitzenplatz ergattern und sich mit Sportgroßmächten wie Russland, China und den USA messen können.

Vorbilder im Ausland?

Die Reform lehnt sich an das britische System an. Bei denOlympischen Spielen in Rio gewannen die Briten 27 mal Gold, insgesamt 67 Medaillen und lagen auf Platz zwei des Medaillenspiegels - hinter den USA (46 Gold/121 Medaillen) und vor China (26 Gold/70 Medaillen). Das System der USA, bei dem man vor allem auf den professionellen College-Sport als den großen Produzenten von Spitzensportlern baut, ist auf Deutschland nicht anwendbar. Genauso wenig wie das chinesische System, in dem der Staat auf die Propaganda durch den Sport setzt.

Für den aktuellen vierjährigen Förderzeitraum standen dem britischen Sport rund 400 Millionen Euro aus staatlichen Lotterieeinnahmen zur Verfügung. Der finanzielle Fokus liegt in Großbritannien vor allem auf medaillenträchtigen Disziplinen wie dem Bahnradsport. Erfolge werden mit Geld belohnt, Misserfolge und geringe Perspektive auf Medaillen mit radikalen Budgetkürzungen gestraft.

PotAS - Erfolge als Rechenaufgabe

Um das System in Deutschland zu reformieren, bauen das BMI und der DOSB vor allem auf die Zauberworte "Zentralisierung und Effizienz" in der Umstrukturierung der Olympia-Stützpunkte. Es soll nur noch 13 - statt wie bislang 19 - Stützpunkte geben. Von den 204 Bundesstützpunkten sollen rund 20 Prozent wegfallen. Diese Maßnahme soll den Athleten die bestmögliche Betreuung bieten. Für viele Sportler könnte dies allerdings auch bedeuten, dass sie aus ihrem Lebensumfeld, Studium und Beruf gerissen werden.

Im Zentrum der Reformkritik steht aber vor allem das computerbasierte Potenzial-Analyse-System (PotAS). PotAS soll 130 Disziplinen anhand von 20 Kriterien und fast 60 Merkmalen auf ihre Medaillenchance bewerten und in drei Leistungsklassen einordnen. Vom "Exzellenzcluster", das sich über optimale Förderung freuen kann, über das "Potenzialcluster" mit eingeschränkter Unterstützung bis hin zum Cluster ohne Perspektive. Welche Merkmale von den Maschinen berechnet werden sollen, wird dabei noch heftig diskutiert. Maximilian Hartung, Säbelfechter und Athletensprecher, kritisierte im Rahmen der Sportkonferenz des Deutschlandfunks, dass das Potenzial einer Disziplin, bzw. ihrer Sportler nicht unbedingt von Software gemessen werden kann: "Hätte es die Sportreform schon vor 20 Jahren gegeben, würde ich jetzt nicht hier sitzen und wäre niemals Weltmeister im Säbelfechten geworden."

Russland Sotschi Olympia 2014 Podium Rodeln Team (Getty Images/AFP/L. Neal)

Bald nur noch Rodler? Die Deutschen räumen regelmäßig im Eiskanal ab und würden weiter optimal gefördert

Es besteht durchaus die Gefahr, dass die Reform auch auf Kosten der Vielfalt in Deutschlands Sportlandschaft gehen wird. Interessante Sportarten wie Synchronschwimmen oder Curling, die aber keine Medaillen versprechen, könnten ohne finanzielle Förderung vielleicht nicht weiterbestehen. Deutschland könnte endgültig zum Land der Rodler, Bobfahrer und Schützen werden - denn da ist die internationale Konkurrenz nicht so hoch.

Die Dopingfalle

Das Streben nach internationalem Prestige und Anerkennung für den Deutschen Sport birgt auch die Gefahr, von Sportlern eine Leistung zu erwarten, die gar nicht erbracht werden kann - zumindest nicht ohne Dopingmittel. De Maizière betonte: "Deutschland soll erfolgreich sein, aber fair und sauber bleiben". Doch genau das scheint fast unmöglich, wenn deutsche Sportler in einem internationalen System konkurrieren sollen, in dem das Lügen und Betrügen möglich ist.

So wurden bei den Spielen in Rio 2016 beispielsweise nur die russischen Leichtathleten ausgeschlossen, während das paralympische Komitee so mutig war, wenig später die gesamte russische Mannschaft zu sperren. Dabei gilt das russische Staatsdopingsystem als bestens dokumentiert. In einer solchen Situation ist es fragwürdig, zunehmend auf Medaillenerfolge zu setzen.

Am 3. Dezember stimmt die Mitgliederversammlung des DOSB endgültig über das vorgeschlagene System ab. 

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