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Asien

"Spion" Indiens stirbt in pakistanischer Klinik

In Pakistan ist der seit langem als "indischer Spion" einsitzende Sarabjit Singh getötet worden. Mithäftlinge sollen ihn in der Haft schwer verletzt haben. In Indien ist die Empörung über seinen mysteriösen Tod groß.

Für viele Inder war er unschuldig. Deshalb beteten Millionen von ihnen vergangene Woche für die Genesung von Sarabjit Singh. Doch umsonst. Der als indischer Spion Verurteilte, der seit mehr als zwanzig Jahren in Pakistan inhaftiert war, starb an seinen schweren Hirnverletzungen. Vor knapp einer Woche sollen ihn mehrere Mithäftlinge in einem Gefängnis im pakistanischen Lahore zusammengeschlagen und mit Ziegelsteinen schwer verletzt haben. Eine Untersuchung soll in den nächsten Wochen die genauen Geschehnisse klären. Zwei Rädelsführer sollen bereits identifiziert worden sein.

Das Schicksal des 49-jährigen Sarabjit Singh steht symbolhaft für das Auf und Ab in den indisch-pakistanischen Beziehungen. Singh wurde 1990 an der Grenze gefasst und für die Bombenanschläge in den pakistanischen Städten Faisalabad und Lahore verantwortlich gemacht. Vierzehn Menschen waren hierbei ums Leben gekommen. Seitdem war der Vater von zwei Töchtern in Pakistan inhaftiert.

"Nur ein einfacher Bauer"

Seine Familie hatte immer behauptet, der einfache Bauer aus Bhikhiwind in Punjab habe in betrunkenem Zustand unwissentlich die Grenze zwischen beiden Ländern überquert. Seine Identität sei verfälscht worden, um einen Schuldigen für die Anschläge zu präsentieren. Das Gericht in Pakistan sah es allerdings anders. Mehrfach wurde sein Gnadengesuch abgelehnt. Die Todesstrafe wurde aber aufgrund eines Moratoriums nicht vollstreckt.

Der indische Informationsminister Manish Tewari betonte, dass die indische Regierung seit 2005 versucht habe, die Freilassung Sarabjit Singhs zu erreichen. Singh selbst hatte über seinen Anwalt zuletzt mehrfach mitteilen lassen, dass sein Leben in Gefahr sei.

Indien seinerseits hat in den vergangenen Monaten zweimal das Todesurteil gegen pro-pakistanische Extremisten vollstreckt. Im November 2012 wurde der einzige überlebende Attentäter der Anschläge von Mumbai 2008, der Pakistaner Mohammed Ajmal Kasab, hingerichtet. Vor wenigen Wochen starb Afzal Guru, ein Separatist aus Kaschmir, am Strang. Er war wegen seiner Verwicklung in das Attentat auf das indische Parlament in Neu Delhi 2001 verurteilt worden.

"Schreckliche Tragödie"

Indiens Außenminister Salman Khurshid (Foto: DW)

Indiens Außenminister Salman Khurshid sieht "das gegenseitige Vertrauen erschüttert"

Nach Bekanntwerden des Todes von Sarabjit Singh beschimpfte seine Schwester, Dalbir Kaur, die pakistanische Regierung als "Mörder". Der indische Außenminister Salman Khurshid erklärte, die Beziehungen zwischen Indien und Pakistan würden "durch diese schreckliche Tragödie zweifellos belastet". Eine nachhaltige und langfristige Beziehung zwischen zwei Nationen könne nur auf einer guten Beziehung zwischen den Menschen beider Länder aufgebaut werden. Doch das gegenseitige Vertrauen sei "durch die heutigen Ereignisse erschüttert worden".

Für den indischen Oppositionspolitiker Narendra Modi von der hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP), der von vielen als Herausforderer von Premierminister Manmohan Singh bei den Parlamentswahlen 2014 gesehen wird, war der Tod Singhs ein willkommener Anlass, sich auf Twitter zu Wort zu melden: "Die Zentralregierung ist nicht in der Lage, auf unmenschliche Taten Pakistans eine harte Antwort zu finden. Die Enthauptungen unserer Soldaten in Kaschmir und der Tod von Sarabjit Singh sind nur zwei aktuelle Beispiele."

Weiterer Rückschlag für Dialog

Inder jubeln über die Hinrichtung eines wegen Terrorismus verurteilten Verurteilten aus Kaschmir (Foto: Reuters)

Inder jubeln über die Hinrichtung eines wegen Terrorismus verurteilten Verurteilten aus Kaschmir

Seit einigen Monaten stocken die Gespräche zwischen Indien und Pakistan. Anfang Januar waren zwei indische Soldaten nach einem Scharmützel mit pakistanischen Soldaten geköpft an der "Line of Control", der umstrittenen Grenze in Kaschmir, aufgefunden worden. Daraufhin hatte Indien den Dialog mit Pakistan, also die regelmäßigen Treffen von Vertretern beider Länder zu unterschiedlichen Sachfragen wie Handel oder Visa-Erleichterungen, auf Eis gelegt.

"Der Fall Sarabjit Singh wird die ohnehin schon schlechten Beziehungen zwischen Indien und Pakistan weiter trüben. Und wenn es eine Möglichkeit für die Wiederaufnahme des Dialogs gab, so wird dies nun nicht so schnell wieder möglich sein", befürchtet Hasan Askari Rizvi, Autor und politischer Kommentator aus Pakistan.

Savita Pande, Pakistanexpertin der renommierten Jawaharlal-Nehru-Universität in Neu Delhi, sieht das ähnlich. "Nichts hat einen so großen Einfluss auf Indiens Außenpolitik wie die öffentliche Meinung. Der Angriff auf Sarabjit Singh ist eine gravierende Menschenrechtsverletzung und deshalb ist Indien auch so erzürnt." Seit ihrer Unabhängigkeit 1947 haben Indien und Pakistan drei Kriege gegeneinander geführt.

"Häftlinge als Pfand bei Verhandlungen"

Genaue Zahlen, wie viele Häftlinge aus Indien und Pakistan jeweils in den Gefängnissen des Nachbarstaates festgehalten werden, gibt es nicht. Menschenrechtsorganisationen beider Länder beklagen immer wieder, dass viele keinen oder nur mangelhaften Rechtsbeistand bekämen und gefoltert und schikaniert würden. Oft werden Verfahren über Jahrzehnte verschleppt.

Hasan Askari Rizvi bedauert die Haltung beider Regierungen, die die Gefangenen als eine Art Pfand bei bilateralen Verhandlungen einsetzen würden. "Es gibt zum Beispiel eine Expertengruppe mit Vertretern beider Länder - Richter und Anwälte - die sich regelmäßig trifft, um über die Gefangenen zu verhandeln. Doch dazu müssen Pakistan und Indien ihren Dialog aufrecht erhalten und die Gefangenen auch austauschen."

Doch in der indischen und pakistanischen Gesellschaft sei das Misstrauen groß, bedauert Rizvi: "Es gibt oft einen Aufschrei, wenn die Regierungen darüber diskutieren, Gefangene freizulassen, und damit wird jeder Vorstoß verhindert." Indien und Pakistan haben angekündigt, die Sicherheit von Häftlingen in den jeweiligen Gefängnissen zu überprüfen.

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