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Kultur

Spiel mir das Lied vom Soundtrack

Die CD am Ende? Wohl noch nichts vom boomenden Soundtrack-Markt gehört. Und der lebt nicht nur von der Nostalgie seiner Fans.

CD Cover vom Film Afyon Oppio

Wer erinnert sich an die Musik des reißerischen, italienischen Polizeifilms "Der Tod trägt schwarzes Leder"? Und warum sollte sich jemand für die Filmmusik zu einem zweitklassigen Science Fiction-Thriller wie "The Big Game" interessieren?

Die Musik ist gut

"Vom Film kann man nur abraten, der würde selbst Freunden des Trash nicht gefallen", erklärt Christian Riedrich, Inhaber von Chris’ Soundtrackcorner, einem der führenden Online-Shops für Soundtracks in Europa: "Allerdings ist die Musik von Francesco de Masi wirklich gut, der gehört ja zu den bekanntesten italienischen Soundtrack-Komponisten."

"The Big Game" von Francesco De Masi war die erste Eigenveröffentlichung von Chris Soundtrackcorner aus Berlin, es folgte ein Sampler mit Polizeifilm-Musik von Stelvio Cipriani. Die Eigenveröffentlichungen sind nur ein Nebengeschäft für Riedrich, das er sich aus purer Begeisterung für rare und wertige Soundtracks leistet.

Sehnsucht und Pop

CD Cover The Big Game

Natürlich sind bei Chris’ Soundtrackcorner auch Veröffentlichungen der goldenen Ära im Programm, ebenso wie aktuelle Soundtracks aus Deutschland, Europa und den USA. Der Fokus aber liegt auf den 1960er und 1970er Jahren – jene mit Utopien aufgeladene Sehnsuchtsepoche der Popkultur, die nicht aufhört, neu entdeckt und wiederverwertet, umgeschrieben und re-interpretiert zu werden.

In den Soundtracks jener Zeit und ihrer besten Komponisten (Ennio Morricone, Jerry Goldsmith, John Barry oder Lalo Schifrin) findet sich schließlich in kondensierter Form fast das gesamte Spektrum an damals zeitgenössischer Musik – von Beat und Rock über Jazz und Funk bis zur neutönenden Avantgarde. An jene Virtuosität und Spielfreude im Umgang mit Stilen und musikalischen Sprechweisen reichen zeitgenössische Top-Komponisten kaum heran. Die strenge Formatierung von Filmmusik lässt dies heute wahrscheinlich auch nicht mehr zu.

Musik im Winter

CD Cover Im Winter ein Jahr

Dennoch gibt es immer wieder Ausnahmen. Es sind jedoch weniger die Soundtracks aktueller Mainstream-Produktionen, die Beachtung finden, sondern Scores von Autorenfilmen. Niki Reisers Soundtrack zu "Im Winter Ein Jahr" war laut Riedrich 2008 "der absolute Verkaufsschlager, aber nur so lange er nicht über Amazon erhältlich war".

Ähnliches gilt für die mehrfach prämierte, neue deutsche Komponistengeneration von Dieter Schleip bis Annette Focks. Ihre Soundtracks verkaufen sich in erster Linie über die großen Versandhändler. Und mit deren Preispolitik kann Chris’ Soundtrackcorner nicht konkurrieren – daher die Spezialisierung auf Nischengenres.

Downloads sind verpönt

Wenn Riedrich einen gegenwärtigen Boom im Soundtrack-Markt verzeichnet, dann ist das natürlich relativ. Denn die durchschnittliche Auflage eines Retro-Soundtracks bewegt sich zwischen 500 und 1000 Stück in europäischen Ländern wie Italien, wo Labels wie Digitmovies, GDM, Beat Records oder Cinevox eine besonders aktive Veröffentlichungspolitik betreiben.

In den USA sind es Firmen wie Varèse Sarabande, Intrada, FSM, SAE oder La-La Land, die zwischen 1500 und 3000 Exemplare herstellen. Trotz Krise der Tonträger-Industrie gilt: Auf dem Soundtrack-Markt ist die CD als Sammler-Objekt weiterhin begehrt, Downloads sind hingegen verpönt.

The Beat goes on

CD Cover La Polizia Chiede Aiuto

Ob bei Soundtrack Corner oder bei alteingesessenen Händlern wie Tarantula oder Soundtrack Club / Barbarella Media in Deutschland, bei Intermezzo Media in Italien, bei Movie Grooves in England und Screen Archives in den USA – Filmmusikkäufer frönen nicht nur nostalgischen Interessen.

Nicht zuletzt hat ihre Sammelleidenschaft eine Wertschätzung der Komponisten hervorgebracht, die diesen zu einem Ansehen jenseits ihrer Funktion als akustische Illustratoren des Filmbildes verholfen hat. So gilt in den meisten Fällen: Mag der Film auch längst vergessen sein, die Musik lebt weiter auf CD.

Autor: Olaf Karnik
Redaktion: Marcus Bösch