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Bücher

Spießerschreck Pippi Langstrumpf

Pippi Langstrumpf wird 70 Jahre alt. Alle bewundern das stärkste, eigenwilligste und unabhängigste Mädchen der Welt. Aber kann unsere Lieblingsheldin überleben?

"Gestatten: Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf!" - wenn Pippi sich mit vollem Namen vorstellt, dann kann das dauern. Nicht nur

im Deutschen

ist das so, sondern in jeder der 70 Sprachen, in die ihre Abenteuer bis heute übersetzt wurden. Im Schweden des Jahres 1945 erblickte sie das Licht der Welt: Am Krankenbett ihrer kleinen Tochter Karin hatte Astrid Lindgren die Geschichte von Pippi erfunden. Im November erschienen die Geschichten um Pippi erstmals als Buch. Die Widmung in dem Exemplar, das die kleine Karin von ihrer Mutter bekam, ist auf den 26. November datiert.

Bis heute gingen 66 Millionen Pippi-Bücher über den Ladentisch. Allein in Schweden entstanden mehr als 40 Filme mit sieben verschiedenen Pippi-Darstellerinnen. Als literarische Figur wird das Mädchen mit den frech abstehenden, roten Zöpfen und den Sommersprossen in diesen Tagen 70 Jahre alt.

Was finden die Menschen nur an dem kleinen Mädchen mit den verschiedenfarbigen Strümpfen und dem selbstgenähten Kleid, deren Mutter ein Engel und deren Vater als Südseekönig überaus beschäftigt ist? Ganz allein lebt sie in der Villa Kunterbunt zusammen mit dem Affen Herrn Nilsson und ihrem Pferd Kleiner Onkel. Im Nachbarhaus wohnen Annika und Thomas. Seit Pippi in die Villa Kunterbunt eingezogen ist, haben die beiden keine Langeweile mehr, denn mit Pippi kann man ganz wunderbar spielen, zum Beispiel "Sachensucher". Was das ist, erklärt Pippi in einem Buch so: "Jemand, der Sachen findet, wisst Ihr? Was soll es anderes sein? Die ganze Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich nötig, dass jemand sie findet. Und das gerade, das tun die Sachensucher." In die Schule geht Pippi nicht, denn - mal ehrlich - "wer braucht schon Plutimikation?"

Emanzipiertes Rollenbild

"Pippi Langstrumpf ist eine wahre Kinderheldin", analysiert der Münsteraner Psychologie-Professor Alfred Gebert, "vor allem Mädchen können sich mit ihr identifizieren." Immerhin: Pippi ist stark, frech und hilfsbereit. Sie lebt ganz alleine in einer großen Villa. Sie muss nicht zur Schule gehen und kann trotzdem alles erreichen, was sie will. Pippi kommt hervorragend alleine klar - oder zumindest fast, denn ihre Freunde spielen eine wichtige Rolle in ihrem Leben.

Prof. Herbert Scheithauer

Entwicklungspsychologe Prof. Herbert Scheithauer

Das Rollenbild sei sehr emanzipiert, sagt Gebert gegenüber "BILD". Seine Vermutung: "Wer Pippi Langstrumpf als Kinderheldin hatte, wird sich im Beruf wahrscheinlich gut gegen Männer durchsetzen können und alles für seine Freunde tun."

Ähnlich sieht das Herbert Scheithauer, Entwicklungspsychologe an der Freien Universität Berlin. Die Wirkung von Kinderbüchern auf die Entwicklung der kindlichen Psyche sei nicht zu unterschätzen: "Bei Pippi Langstrumpf geht es um das Einhalten und Nichteinhalten von Regeln, um menschliche Stärken und Schwächen - und um Freundschaft." Besonders kleinere Kinder könnten sich gut mit Pippi identifizieren, zugleich aber auch von ihr distanzieren. Ein weiterer Reiz der Pippi-Geschichten liege in der Umkehrung des Stärkeverhältnisses Erwachsene-Kind, so Scheithauer im Deutschlandfunk. Pippi Langstrumpf ist für ihn einfach "zeitlos".

Ein Rezept für das Leben

Pippi verkörpere alles, was Kinder sich für ihr eigenes Leben wünschen: Selbstbestimmung, Abenteuer, Superkräfte. "Kinder brauchen Helden wie Pippi Langstrumpf. Sie richten sich an ihnen auf", meint die Kieler Kinderpsychologin Svenja Lüthge in einem Beitrag der Tageszeitung "Die Welt".

Pippi Langstrumpf wird 70

Stark und eigenwillig: Pippi Langstrumpf wird 70

Die etwas chaotische Pippi habe die Fähigkeit, unsicheren Kindern Halt zu geben. "Pippi hat ein Rezept für das Leben. Sie ist den Erwachsenen ebenbürtig und traut sich sogar, Schabernack mit Erziehern und Polizisten zu treiben." Gleichzeitig habe Pippi einen untrüglichen Gerechtigkeitssinn und ein großes Herz für Schwache. "Für Kinder ist sie damit das ideale Vorbild."

Stören sich Kinder daran, dass Pippi eine der unrealistischsten Astrid Lindgren-Figuren ist? "Im Gegenteil", urteilte der - inzwischen verstorbene - Hannoveraner Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann ebenfalls in der "Welt". "Kinder lieben die übernatürlichen Eigenschaften ihrer Helden. Das sieht man ja auch bei Harry Potter." Die Autorin stimuliere das Ich-Ideal, die Vorstellung ihrer kleinen Leser vom richtigen Verhalten und Erleben. Dazu bediene Lindgren sich der fantastischsten Spinnereien, ehe sie die Kinder behutsam in die reale Welt zurückzuführe. Wie gut dies tue, habe schon Sigmund Freud festgestellt: "Wenn sich das Ich-Ideal und das Ich versöhnen, feiert die Seele ihr Fest." Solch ein Fest seien die Pippi-Geschichten - für Kinder wie für Erwachsene.

Hat Pippi eine Zukunft?

Die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren

Geboren 1907, gestorben 2002: Astrid Lindgren beflügelte in ihrem langen Leben die Phantasie zahlloser Kinder - und wurde dafür mit Preisen geehrt

Bergmann schrieb das Buch

"Erziehen im Informationszeitalter"

. Nicht zuletzt, weil sich das Leben heutiger Großstadtkinder vom Idyll der Pippi-Geschichten weit entfernt hat, äußerte er "Zweifel, dass es noch weitere Pippi-Lesergeneration geben" werde. Die Begeisterung für Pippi werde abflauen, so Bergmann. Seine Kollegin Svenja Lüthge ist da optimistischer: "Astrid Lindgren beschreibt ein ganz besonderes Kindsein, dass nur ganz wenige erleben dürfen. Heute können die meisten Kinder ihren Freiheitsdrang ja gar nicht mehr ausleben. Umso besser, wenn sie in diese herrliche Traumwelt mitgenommen werden."

Lüthge erwartet, dass Pippi auch noch in 10, 20 oder gar 30 Jahren geliebt wird. "Allerdings nur, wenn wir Eltern unsere Liebe zu Lindgrens Welt an die nächsten Generationen weitergeben." Aus kinderpsychologischer Sicht sei dies unbedingt zu empfehlen: "Pippi Langstrumpf steht für Zuneigung, Freundschaft und Mut. Und sie zeigt, dass man handeln und seine Schwierigkeiten mit Mut überwinden kann. Das ist es doch, was wir unseren Kindern beibringen sollten."

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