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Kultur

Sperriges Revolutionskino: Michail Kalatozov

Der gebürtige Georgier bekam 1957 für seinen Film "Wenn die Kraniche ziehen" die Goldene Palme in Cannes. Zwei weniger bekannte Frühwerke des Meisterregisseurs sind jetzt auf DVD zu entdecken.

Bis heute ist Kalatozov, der als Mihail Konstatinoviv Kalatozisvilli 1903 in Tiflis geboren wurde, der einzige Regisseur, der für die Sowjetunion den weltweit bedeutendsten Festivalpreis erringen konnte. "Wenn die Kraniche ziehen" faszinierte 1957 die Filmwelt. Ein poetisches wie politisches Werk, das in den künstlerischen Blütejahren nach Stalins Tod entstand, der sogenannten Tauwetter-Periode.

Damals war es Autoren, Regisseuren und Künstlern für wenige Jahre möglich, die starren Grenzen der sozialitischen Kunstvorgaben zu durchbrechen. Nach seinen "Kranichen" drehte Kalatozov noch drei weitere Filme, zuletzt die Großproduktion "Das rote Zelt" in der neben Sean Connery auch Hardy Krüger zu sehen war. Der Regisseur starb 1973.

Michail Kalatozov (Foto: Edition Filmmuseum)

Michail Kalatozov

Biografische Linien bestimmten seine Filmografie

Kalatozov gehört zu denjenigen Regisseuren, denen man nachsagt, dass sie ganz zu Beginn und zum Ende ihrer Karriere ihre bedeutendsten Arbeiten ablieferten. Bei Kalatozov hat das mit den biografischen Linien seines Lebens zu tun. Von großem Interesse ist somit der Blick auf seine Filme aus den Jahren 1930/1932, die jetzt erstmals auf DVD innerhalb der Edition Filmmuseum vorliegen. Für das Projekt taten sich Filmmuseen und -archive in München, Wien und Tiflis zusammen. Beide jetzt vorliegenden Filme waren in der Sowjetunion lange verboten und schlummerten Jahrzehnte in Archiven.

Der Georgier, der in den 1920er Jahren in den Filmstudios von Tiflis das Filmhandwerk von der Pike auf lernte, war von Beginn an stark an den formalen Möglichkeiten des Mediums interessiert. Der gut einstündige Film "Das Salz Swanetiens" lässt sich weder als Dokumentar- denn als Spielfilm einordnen, eine Art filmischer Hybrid. Er erzählt vom entbehrungsreichen Leben eines von der Außenwelt fast völlig abgeschlossenen Volkes in den kaukasischen Bergen. Geschildert werden Riten und Gebräuche der Einwohner sowie das harte Leben in der Einsamkeit fernab der "Zivilisation".

Emotionalisierung der Zuschauer gefordert

"Die Gegenstände der uns umgebenden physikalischen Welt liefern das Material für den Film“ schrieb Kalatozov damals und fuhr fort: "Grundlegendes Ziel jedes stilistischen Verfahrens ist die Umarbeitung des Materials zur Erreichung eines emotionalen Effekts." Das macht deutlich, um was es dem Regisseur ging: Nicht der streng dokumentarische oder ethnografische Blick stand im Vordergrund, sondern die Emotionalisierung der Zuschauer.

Filmszene Das Salz Swanetiens von Michail Kalatozov (Foto: Edition Filmmuseum)

Filmische Begegnung mit einem Bergvolk abseits der "Zivilisation": Das Salz Swanetiens

Sie sollten mitgerissen werden von den Geschehnissen auf der Leinwand, die ja im Grunde genommen nicht besonders spektakulär waren. Kalatozov erreichte das mit einer breiten Palette formaler filmischer Mittel der damals noch jungen Kunst: "Abweichung, Experiment, neue Perspektiven, extreme Untersicht, radikale Großaufnahmen und grafisch-flächige Totalen, harte Belichtungen und Kontraste, Filmtricks, rasche Kamerabewegungen und betonte Statik, verschiedenste Montagetechniken", zählt der Filmhistoriker Alexander Schwarz im Booklet der DVD-Ausgabe auf.

Ärger mit den Zensoren

Das stieß den sowjetischen Filmzensoren allerdings sauer auf. Schon ein paar Jahren nach den kühnen Filmexperimenten eines Sergej Eisenstein ("Panzerkreuzer Potemkin", 1925) waren in Moskau die Hüter des realen Sozialismus wieder am Ruder. Die Kunst hatte fortan ausdrücklich der Arbeiterpartei zu dienen. Ein Film wie "Das Salz Swanetiens" mit seiner Formenvielfalt und seinen spielerischen Elementen passte da nicht in die Vorgaben.

Filmszene Nagel im Stiefel von Michail Kalatozov (Foto: Edition Filmmuseum)

Schauprozess im Film "Nagel im Stiefel"

Ähnlich erging es Kalatozovs nächstem Film "Nagel im Stiefel". Obwohl unter der Richtlinie des Agitpropfilms entstanden, verstieß auch dieses Werk gegen das starre Kinokonzept der roten Machthaber. In "Nagel im Stiefel" geht es um Auseinandersetzungen während des Revolutionskrieges: Weiße und Rote Truppen stehen sich gegenüber. Ein Versorgungszug der Kommunisten wird von den Gegnern aufgehalten, ein einzelner Soldat der Roten erhält den Befehl Hilfe zu holen. Bei seinem kilometerlangen Fußmarsch stoppt ihn dann "ein Nagel im Stiefel", schwer humpelnd kommt er kaum noch voran.

Es kommt zum Schauprozess gegen den Soldaten. Doch der rechtfertigt sich: Er habe den Auftrag nicht ausführen können, weil das Material (schlechte Stiefel) zum Führen eines Krieges nicht geeignet sei. Fazit des Films: Wer schlechtes Material herstellt, dass der eigenen Armee schadet, ist ein Verräter des Volkes - und nicht der arme, einzelne Soldat.

Propaganda versus Formalismus

Auch wenn dem heutigen Zuschauer die propagandistische Botschaft des Films ein wenig dick aufgetragen erscheint - die mitreißende filmische Umsetzung beeindruckt noch heute. Den Filmzensoren gefiel das damals freilich nicht. "Nagel im Stiefel" verschwand für sieben Jahrzehnte im Giftschrank.

Auch für Kalatozov endete zunächst die Karriere als Regisseur. Er arbeitete in den nächsten Jahren in verschiedenen Positionen in der Filmwirtschaft, vornehmlich als Studioleiter. Ab 1939 saß er auch wieder auf dem Regiestuhl. Für einige Jahre war er nach dem Zweiten Weltkrieg stellvertretender Filmminister der Sowjetunion. Erst seine letzten Arbeiten ab Mitte der 1950er Jahre erreichten wieder die künstlerische Kraft seiner frühen Filme. Mit "Wenn die Kraniche ziehen" wurde er schließlich zu einem der berühmtesten Regisseure der sowjetischen und russischen Filmgeschichte.

Michail Kalatozov: Das Salz Swanetiens, Georgien 1930, 62 Minuten. Nagel im Stiefel, Georgien 1932, 64 Minuten, beide liegen auf der DVD der "Edition Filmmuseum" (84) vor.


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