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Musik

Spende komm raus!

Das Erdbeben auf Haiti hat eine Spendenflut ausgelöst. Millionen Euro gingen an Hilfsprojekte. Nach den Wirbelstürmen dort 2008 waren es nur einige zehntausend. Wann spenden wir und welche Rolle spielen die Medien dabei?

Hände halten Münzen (Foto: dpa)

Gefühl und Verstand ansprechen – das müsse eine erfolgreiche Spendenkampagne leisten, sagt Ulrich Pohl vom Deutschen Spendenrat. „Ich will als Spender auch erklärt bekommen, wofür meine Spende verwendet wird und nicht nur Mitleid erregende Bilder sehen.“ Und: je direkter uns eine Katastrophe oder ein Unglück betrifft, desto mehr spenden die Menschen auch. Klar.

dw-world.de: Wie kommt es denn, dass für manche Hilfsaktionen in sehr kurzer Zeit sehr viel Geld zusammen kommt – und bei manchen kaum was?

Ulrich Pohl, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Spendenrates (Foto: Deutscher Spendenrat)

Ulrich Pohl

Ulrich Pohl: Da gibt es viele Gründe. Beim Tsunami damals war es so, dass sehr viele Touristen in der Gegend unterwegs waren und wir ganz schnell sehr viele Bilder im Fernsehen sehen konnten. Wir haben Betroffene erlebt, die Interviews gegeben haben und wir haben dort eine Region gehabt, die für die Wirtschaft sehr interessant war, so dass eben auch, viele Unternehmen präsent waren. Das heißt, es war eine Beziehung zur Region vorhanden. Und auch ein Interesse weiterhin gute Beziehungen dorthin zu unterhalten. Das ist bei Haiti ganz anders, wenige Touristen, wenige wirtschaftliche Beziehungen, ein vorher schon bettelarmes Land und die Spenden müssen hier vor allem über die Medien eingeworben werden, weil Erfahrungen nicht da sind.

Aber warum haben die Deutschen jetzt so viel mehr gespendet als zum Beispiel 2008, als die Wirbelstürme dort gewütet haben?

Ich glaube einfach weil die Medienpräsenz länger da ist. Leute aus betroffenen Ländern sagen mir immer: wenn CNN abbaut, dann wird es für uns ganz schwierig, dann werden Spenden nur noch wenige Tage vorhanden sein. Und wenn man sich die Medienberichterstattung der letzten Tage anschaut, dann gibt es eigentlich kaum eine Sendung, die das Thema Haiti auslässt. Außerdem werden jetzt ganz viele Entwicklungen vermittelt, die ersten Helfer kommen zurück, die von ihren Aktionen berichten – das war bei den Wirbelstürmen nicht der Fall.

Aber irgendwann haben die Zuschauer doch auch genug davon – oder denken, es wurde schon so viel gespendet, warum ist da immer noch nicht mehr passiert?

Das ist immer die Gratwanderung. Irgendwann wird das passieren und irgendwann werden die Medien ja auch wieder verschwinden. Dann, wenn der Informationswert nicht mehr da ist, wenn die Zuschauer gesättigt sind oder das Leid vielleicht auch nicht mehr sehen können oder weil an irgendeiner anderen Ecke der Welt etwas passiert, das dann durch alle Medien geht. Das wird so sein. Und es gibt natürlich auch die Einstellung: es ist schon so viel an Hilfe dorthin geflossen, ich kann jetzt auch nichts mehr verändern. Das ist vor allen Dingen der Fall, wenn es reichere Länder betrifft, die USA zum Beispiel. Da ist die allgemeine Bevölkerung weniger bereit zu spenden, weil sie meinen, das ist ein reiches Land, die müssten sich selbst helfen können.

Aber als Faustregel gilt: solange die Medien eine Katastrophe als Top-Thema haben, solange spenden die Menschen auch?

Ja – und solange dann auch nach und nach mehr Projekte in den Blick kommen und Menschen nachvollziehen können, dass wenn sie etwas spenden, sie auch etwas bewirken.

Also wenn man nur Elendsbilder sieht, dann geht das auch nach hinten los – weil Menschen denken, meine Spenden bewirken nichts?

Das haben Spendenorganisationen inzwischen gelernt, dass man das Elend nicht von Tag zu Tag noch mal steigert, denn dann kann man am Ende nur melden, dass jetzt alle tot sind. Sie wissen, dass man auch positive Beispiele zeigen muss, wo ist die Hilfe angekommen und wo sie etwas zum Besseren bewirkt.

Wie kommt es, dass wir generell eher bereit sind, den Menschen auf Haiti etwas zu spenden als dem Obdachlosen auf der Straße um die Ecke?

Das hat oft damit zu tun, dass Menschen denken, der Obdachlose wäre auf irgendeine Art und Weise mit schuldig an seiner Situation. So konkret begegnen uns die Menschen von Haiti ja nicht. Und eine Naturkatastrophe ist auch etwas, wo man an keiner Stelle sagen kann, die Leute sind daran mit beteiligt gewesen.

Autorin: Marlis Schaum

Redaktion: Klaus Gehrke