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Wirtschaft

"Spekulationen und Psychologie"

Am Sonntag (27.10.) wählt Brasilien einen neuen Präsidenten. Sigrid Zirbel vom BDI erklärt im Gespräch mit DW-WORLD, wie der erwartete Sieg des sozialistischen Kandidaten "Lula" das Land verändert könnte.

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Die Brasilianer fiebern der Stichwahl entgegen

DW-WORLD: Erwarten Sie, dass ein Sieg von Luiz Inácio da Silva - genannt "Lula" - bei der zweiten Runde der brasilianischen Wahlen die marktliberale Reformpolitik des heutigen Präsidenten Cardoso in Richtung Sozialismus verändert?

Sigrid Zirbel: "Lula" hat sich seit der letzten Wahl stark verändert und hat mit dem linksradikalen Präsidententschafts-Kandidaten der Jahre 1990, 1994 und 1998 nur noch wenig gemein. Seine Arbeiter-Partei vereint verschiedene Meinungsströme, die von radikal links bis zu sehr moderat reichen. Er ist darauf angewiesen, mit Zentrums- und konservativen Parteien eine Allianz zu schließen, um regieren zu können. (Da seine Partei nicht über die Mehrheit im Parlament verfügt; d. Red.). "Lula" selbst hat bereits angekündigt, die Haushaltsdisziplin fortzusetzen, internationale Verträge einzuhalten sowie viele der angestoßenen Reformen fortzuführen.

Wie hoch schätzen Sie nach den ökonomischen Rahmenbedingungen das Risiko eines brasilianischen Staatsbankrotts (nach dem "Argentinien-Modell") ein, unabhängig vom Wahlergebnis im Lande?

Nach den Entwicklungen der vergangenen Monate gewinnt man schnell den Eindruck, dass die Märkte sich gegen den Kandidaten "Lula" ausgesprochen haben. Dies bewirkte einen enormen Einbruch des Realkurses und eine gewaltige Erhöhung der Verschuldung, die zu großen Teilen an den Dollarkurs geknüpft ist. Es handelt sich vorwiegend um Spekulation und Psychologie, die mit der realen wirtschaftlichen Situation Brasiliens wenig zu tun haben. Im Gegensatz zu Argentinien hat Brasilien frühzeitig eine flexible Wechselkurspolitik eingeführt. Die Regierung Cardosos hat die Wirtschaft liberalisiert, eine vernünftige Geldpolitik verfolgt und in der Hauhaltspolitik viel Disziplin bewiesen.

Sehen Sie grundsätzliche Unterschiede zwischen den Kandidaten José Serra und "Lula" für die deutsch-brasilianischen Verhältnisse?

Das deutsch-brasilianische Verhältnis hat eine lange Tradition und gilt als sehr eng; Deutschland ist der wichtigste Wirtschaftspartner Brasiliens innerhalb der EU. "Lula" gilt als sehr europafreundlich.

Wie beurteilen Sie die Gefahr einer Rückkehr zu hoher Inflation in Brasilien?

Die Begrenzung der Inflation hat einen hohen Stellenwert in der brasilianischen Wirtschaftspolitik und gehört zu den erklärten Zielen beider Kandidaten. Präsident Cardoso hat es mit dem "Plano Real" geschafft, die Inflation auf einem niedrigen Stand zu halten (7,5 Prozent im Februar 2002) und sogar in den letzten Monaten noch weiter zu senken (fünf Prozent im August 2002). Es ist zu hoffen, dass auch die neue Regierung diese konsequente Geldpolitik fortsetzen wird.

Warum ziehen die brasilianischen Wahlen dieses Jahr weltweit wesentlich mehr Aufmerksamkeit der Medien auf sich als in vergangenen Jahren, inwiefern fürchtet die Weltwirtschaft einen Bankrott Brasiliens?

Unserer Ansicht nach gibt es zwei Gründe, die für eine erhöhte Aufmerksamkeit der Medien sorgen: die argentinische Krise und die äußerst guten Chancen, dass ein linksgerichteter Kandidat Präsident des größten südamerikanischen Landes wird. Die Entwicklungen in Argentinien und der wahrscheinliche Wahlsieg "Lulas" wurden von den Finanzmärkten als Gefahr für eine Kettenreaktion in Südamerika verstanden und machten diese Wahl für die Medien attraktiv. Darüber hinaus wird in "Lula" eine stark polarisierende Kraft gegenüber den USA gesehen, was z. B bei Themen wie der gesamtamerikanischen Freihandelszone ALCA zu Spannungen führen kann.

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