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Politik

Spekulationen über Rebellen im Iran

Sie nennen sich "Dschundallah". Ihre Forderung: Die Freilassung von 16 Gesinnungsgenossen. Sonst, so drohen sie, würden sie ihre neun Geiseln - iranische Soldaten – töten. Wer steckt dahinter?

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Die entführten Soldaten bitten in einem TV-Video um ihre Freilassung

Bisher war die Entführergruppe "Dschundallah" (Brigade Gottes) im Iran nicht aufgetreten. Einer gleichnamigen Organisation werden allerdings zahlreiche Terroranschläge in Pakistan zugeschrieben. Ob eine Verbindung zwischen den beiden Gruppen besteht, ist bisher unklar. "Die Gruppierung ist ganz neu. In den iranischen Zeitungen war nie die Rede davon. Man weiß noch nicht, ob die Gruppe pakistanisch oder iranisch ist", sagt Ali Schirazi, ehemaliger Mitarbeiter der Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients an der Freien Universität Berlin. In jedem Fall handele es sich bei den Entführern aber um Sunniten, sagt er.

In der Vergangenheit hatte der Iran Großbritannien beschuldigt, für Unruhen im Land verantwortlich zu sein. Ein Vorwurf, der in diesem Fall nicht haltbar wäre, glaubt Johannes Reissner von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. "Mir ist nicht bekannt, dass größere Mächte dahinter stehen", sagt er. Die Soldaten wurden in der Provinz Belutschistan an der Grenze zu Pakistan entführt. Auseinandersetzungen mit Drogenschmugglern seien hier, im Osten des Irans, nichts Besonderes, erklärt Reissner. "Das hängt in erster Linie damit zusammen, dass sich Drogenschmuggler gegen Ordnungs- und Sicherheitskräfte wehren."

Anschlag auf Wagenkolonne

Schirazi ist sich da nicht so sicher. Er spekuliert über einen möglichen Zusammenhang mit dem Anschlag auf eine Wagenkolonne des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad im Dezember 2005. Nach dem Anschlag hatte die iranische Regierung lediglich bestätigt, dass es in der sunnitischen Provinz Sistan-Belutschistan einen "Überfall bewaffneter Banditen" auf einen Konvoi gegeben habe. Sie dementierte aber, dass sich der Präsident in der Wagenkolonne befunden habe, und dass der Angriff ein Attentat auf ihn gewesen sei. Ob westliche Geheimdienste in die Entführung und den Überfall verwickelt seien, könne er nicht sagen, erklärt Schirazi. "Die Belutschen haben einige Organisationen, die gegen die Regierung arbeiten. Dass sie vom Westen unterstützt werden, ist annehmbar, aber ich habe keine Beweise dafür", sagt Schirazi.

Verdacht gegen Großbritannien

Udo Steinbach Leiter des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg

Udo Steinbach, Leiter des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg

Der Terrorismus-Experte Udo Steinbach vom Hamburger Orient-Institut hält Theorien von westlichen Drahtziehern eher für abwegig. "Es liegt im Nahen Osten immer nahe, solche Anschuldigungen vorzubringen, wenn man Vorgänge sonst nicht erklären kann." So bezichtigte der Iran Großbritannien, hinter Unruhen und Attentaten in der südwestiranischen Provinz Chusistan zu stehen. Dort kamen im Oktober bei zwei Bombenanschlägen vor einem Einkaufszentrum sechs Menschen ums Leben, mehr als 100 wurden verletzt.

Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad

Mahmud Ahmadinedschad beschuldigt Großbritannien

Laut der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur Irna sagte Ahmadinedschad, die Geheimdienste hätten aufgedeckt, dass auch Briten beim Anwerben von Terroristen für Sabotageakte in Chusistan beteiligt gewesen seien. Weitere Anschläge waren diesen Attentaten vorausgegangen. Für die Regierung in Teheran ein besonderer Grund zur Sorge, denn in der Provinz liegt ein Großteil der iranischen Ölvorkommen. Obwohl Teheran auf die Unruhen mit hartem Durchgreifen und Hunderten von Verhaftungen reagierte, wurden die Anschläge bisher nicht vollständig aufgeklärt. Immer wieder werden aus iranischen Sicherheitskreisen Behauptungen laut, britische oder von den Briten ausgebildete und bezahlte Agenten steckten hinter der Gewalt.

Mögliche Beteiligung

An den Gerüchten über eine britische Beteiligung könnte was dran sein, glaubt Reissner. "Die Grenzen sind ja nicht dicht. Eine gezielte Aufwiegelung seitens der Briten ist wohl nicht anzunehmen, aber irgendeinen Anlass für die iranischen Behauptungen mag es gegeben haben, auch wenn er schwer zu recherchieren ist." Auffällig sei, dass nach "fürchterlichem Getöse" - der Iran hatte mit einem Importstopp britischer Güter gedroht - nach iranisch-britischen Gesprächen in Genf plötzlich Ruhe herrschte. "Da wurde irgendetwas beigelegt. Nicht umsonst gab es diese Gespräche in Genf", erklärt Reissner seinen Verdacht.

Steinbach sieht in Chusistan eher hausgemachte Probleme. Teheran versuche in der erdölreichen Region, wo ein Großteil der im Iran lebenden Araber angesiedelt ist, eine Re-Iranisierung. Auch Kurden beklagen, dass sie von Teheran vernachlässigt werden. "Ich glaube, dass es in letzter Zeit Diskriminierungen gegen in der Region lebende Araber gegeben hat", erklärt Steinbach die Unruhen. "Aber ehe man zugibt, dass es innere Unruhe gibt, wird das Problem auf einen äußeren Feind geschoben."

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