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Europa

Spektakulärer Prozess gegen Diener des Papstes

Der Kammerdiener des Papstes hat Geheimnisse verraten. Dafür will ihn die Justiz des Vatikans ins Gefängnis schicken. Ob hinter der Tat mehr steckt, konnte oder wollte der absolut regierte Zwergstaat nicht ermitteln.

Paolo Gabriele, Kammerdiener des Papstes auf dem Papamobil im Einsatz(Foto:Alessandra Tarantino, File/AP/dapd)

Vatikan Gericht Prozess gegen Kammerdiener Paolo Gabriele

Große Strafverfahren sind im kleinen Gerichtspalast im Vatikan eher die Ausnahme. Normalerweise kümmern sich der Richter und seine zwei Beisitzer um Taschendiebstahl oder Handtaschenraub, die einem der jährlich 18 Millionen Touristen im Kirchenstaat widerfahren sind. Diesmal ist alles anders. Ein riesiges Aufgebot an Journalisten wird über den Prozess gegen den Kammerdiener des Papstes berichten, der an diesem Samstag (29.09.2012) begonnen hat. "Wie lange das Verfahren dauern wird, lässt sich nicht genau sagen", sagte der Sprecher des Vatikans, Federico Lombardi, den Reportern in Rom. "Es soll so schnell wie möglich gehen, aber sorgfältig." Vorgeworfen wird dem Kammerdiener Paolo Gabriele schwerer Diebstahl von Eigentum des Papstes. Die Anklageschrift, die im August auf der Internetseite des Vatikans veröffentlicht wurde, listet geheime Dokumente, aber auch einen Scheck über 100.000 Euro an den Papst als Diebesgut auf.

Angeklagter spricht im Fernseh-Interview

Gerichtssaal im Justizpalast des Vatikans, in dem der Prozess gegen Paolo Gabriele stattfindet EPA/L'OSSERVATORE ROMANO / HANDOUT HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Blick in den Gerichtssaal im Vatikan

Zehn Wochen lang hatten drei Kardinäle, die der bestohlene Papst Benedikt XVI. selbst bestimmte, ermittelt. Die drei Hobby-Kommissare sollten herausbekommen, ob der Kammerdiener alleine gehandelt hatte oder Hintermänner hatte, ob es gar eine Verschwörung innerhalb des Vatikans gegeben hat. Seit Jahresbeginn hatten Veröffentlichungen von geheimen Dokumenten aus dem Umfeld des Papstes für internationales Aufsehen gesorgt. Die Affäre erhielt den Namen "Vatileaks", angelehnt an das Internet-Enthüllungsportal "Wikileaks". Paolo Gabriele wurde im Mai vom Privatsekretär des Papstes, Georg Gänswein, enttarnt. Inzwischen hat der private italienische Fernsehsender "La7" ein Interview mit Paolo Gabriele ausgestrahlt, in dem der fromme Kammerdiener seine Motive offenlegt. Das Interview stammt bereits aus dem Februar, war damals aber nur mit verpixelten Bildern und verzerrter Stimme gesendet worden. Gabriele behauptet in dem Interview, er sei wütend über "eine Mauer des Schweigens" im Vatikan. Es gehe ihm nicht um Geld, sondern um eine gerechtere Kirche, wie auch der Papst sie wolle. "Ich glaube, es ist falsch, wenn die Kirche auf Strukturen aufbauen muss, die den Glauben untergraben", sagte Paolo Gabriele. "Es gibt sehr viel Heuchelei. Dies ist das Königreich der Heuchelei."

Große Unbekannte in den Akten

Vatican spokeman Federico Lombardi speaks at a press conference at the Vatican on August 13, 2012 . Pope Benedict XVI's former butler and another Vatican employee must stand trial for stealing and leaking confidential papers in a scandal that exposed feuds within the Church, a magistrate said Monday. Paolo Gabriele, who was arrested in May on suspicion of stealing secret documents from the pope's office and leaking them to journalists, is accused of aggravated theft, a statement said. Also charged Claudio Sciarpelletti, an analyst and computer programmer in the Vatican state secretariat, whose name had not been disclosed before, with complicity. AFP PHOTO / ANDREAS SOLARO (Photo credit should read ANDREAS SOLARO/AFP/GettyImages)

Ende offen: Papst-Sprecher Lombardi

Was der diebische Diener mit der Mauer des Schweigens genau gemeint haben könnte, lassen die Ermittlungsergebnisse der drei Kardinäle offen. Zumindest der Teil, der in Form der Anklage öffentlich zugänglich ist. Ihren Ermittlungsbericht hatten die Kardinäle zuerst dem Auftraggeber, dem Papst, vorgelegt, der ja gleichzeitig das Opfer der Tat ist. Die Kardinäle hatten verschiedene Zeugen gehört. Deren Aussagen bleiben unter Verschluss. In der Anklageschrift tauchen weitere mögliche Beteiligte nur mit den Kürzeln "B, X, Y" auf. Paolo Gabriele und der ebenfalls beschuldigte Computer-Spezialist Claudio Sciarpelletti hatten behauptet, sie hätten von diesen anonymen Menschen geheime Dokumente erhalten.

Keine unabhängige Justiz im europäischen Sinne

Das Justizwesen des Zwergstaates Vatikan, der nur knapp 600 Staatsangehörige hat, ist nicht unabhängig. Der Papst ist nach dem Grundgesetz des Vatikans zugleich Chef der Verwaltung, oberster Richter und alleiniger Gesetzgeber. Er kann Richter ernennen und entlassen, wie es ihm gefällt. Außerdem kann er Strafen abändern und Täter begnadigen. Der Vatikan ist eine absolute Wahl-Monarchie, in der der Papst eine für europäische Verhältnisse außergewöhnliche Machtfülle genießt. Trotzdem werde der Prozess gegen den Kammerdiener und seinen Mitwisser öffentlich sein, kündigte Papst-Sprecher Federico Lombardi an. Wenige Zuschauer und acht Medienvertreter sind im winzigen Gerichtssaal zugelassen. Es dürfen allerdings keine Video-, Bild- oder Tonaufnahmen gemacht werden. Die Strafprozessordnung und auch große Teile des Strafrechts hat der Vatikan von Italien übernommen. Ein Angestellter des Vatikans hat die Rolle des Staatsanwaltes übernommen. Eine italienische Rechtsanwältin vertritt den Angeklagten Gabriele, so Vatikansprecher Lombardi. Vorsorglich wurde bereits ein psychiatrisches Gutachten angefertigt, das den 46-jährigen Gabriele als Person mit "instabiler Identität" und einem Hang zum Verfolgungswahn schildert, so die "Katholische Nachrichtenagentur".

Strafe wird in italienischem Gefängnis verbüßt

Privatsekretär Georg Gänswein, Papst Benedikt XVI. und Kammerdiener Paolo Gabriele im Papamobil (Foto:Alessandra Tarantino, File/AP/dapd)

Ende einer Dienstfahrt: Kammerdiener Gabriele (vorne), Privatsekretär Gänswein (hinten links) und der Chef im Papamobil

Als Höchststrafe drohen dem Kammerdiener, der bereits seit vielen Jahren im Vatikan arbeitet, acht Jahre Haft. Die würde er voraussichtlich aber in einem italienischen Gefängnis verbüßen. Das Gefängnis auf dem Gelände des Vatikans, das nur über zwei Zellen verfügt, ist seit Jahren nicht mehr in Betrieb und dient als Lagerraum. Es gibt nur noch einen Arrest-Raum, in dem der Kammerdiener einen Teil der Untersuchungshaft verbracht hat, bevor er in seiner Wohnung im Vatikan unter Hausarrest gestellt wurde. Nur an Sonntagen durfte er Arrest-Raum und Wohnung verlassen, um die Messe zu besuchen. Ein enger Vertrauter der Familie von Paolo Gabriele sagte der italienischen Nachrichtenagentur "ANSA", der Kammerdiener sorge sich jetzt vor allem um seine Kinder. "Sie sind durch den Medienrummel schwer belastet", so der Vertraute. Die drei Kinder und Paolos Frau leben noch in der Wohnung im Vatikan.

Doppelmord in der Schweizer Garde war schwerster Fall

Bei früheren Straftaten im Vatikan hat das Justizwesen, das nur aus wenigen Personen besteht, die Ermittlungen und Verfahren oft sofort an italienische Instanzen übertragen. Italien ist vertraglich zur Übernahme von Straftätern verpflichtet. 1981 wurde der Papst-Attentäter Ali Agca von Italiens Justiz abgeurteilt, denn für den Petersplatz vor dem Petersdom, auf dem das Attentat verübt wurde, ist die italienische Polizei zuständig. Der Platz gehört zwar zum Staatsgebiet des Vatikan, ist aber vertraglich Italien polizeilich unterstellt worden, vor allem um die Touristenströme zu ordnen. 1998 untersuchte die vatikanische Justiz den Doppelmord an dem Kommandanten der Schweizer Garde, der Leibgarde des Papstes, und seiner Ehefrau selbst. Als Mörder wurde ein Schweizer Gardist ausgemacht, der nach der Tat Selbstmord begangen haben soll. An der Version des Vatikans blieben Zweifel, auch weil italienische Ermittler nicht zugelassen wurden. Paolo Gabriele, der jetzt angeklagte Kammerdiener, hat auf den Mordfall in der Schweizer Garde in seiner These von "der Mauer des Schweigens" im Vatikan ausdrücklich Bezug genommen.

Die "Mauer des Schweigens" bröckelt in einem anderen spektakulären Fall, berichtete die "Badische Zeitung" bereits im April. Der Vatikan hat sich nach 30 Jahren bereit erklärt, an der Aufklärung einer Entführung mitzuwirken, in die die Mafia und die Vatikanbank verwickelt sein sollen. 1983 war die 15-jährige Vatikan-Bürgerin Emanuela Orlandi entführt worden und ist seither verschwunden. Die Ermittlungen der Justiz im Vatikan verliefen im Sand. Erst jetzt will der Vatikan mit italienischen Behörden zusammenarbeiten, kündigte Papst-Sprecher Federico Lombardi an. Auch diesen Entführungsfall hatte der Kammerdiener Paolo Gabriele bei seinen Vernehmungen offenbar erwähnt, heißt es in italienischen Medien.

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