1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Sport

Special Olympics - Olympia ist für alle da

Rollen, werfen, feiern: Bei den Special Olympics in München messen sich 5.000 geistig behinderte Sportlerinnen und Sportler. Und verleihen dem Olympischen Motto "Dabei sein ist alles" eine ganz neue Bedeutung.

Athleten feiern am Montag (21.05.2012) in München (Oberbayern) die Eröffnung der Special Olympics 2012. In München finden vom 20.05.2012 bis zum 26.05.2012 die nationalen Spiele für Menschen mit geistiger Behinderung statt. Foto: Sven Hoppe dpa/lby +++(c) dpa - Bildfunk+++

Deutschland Special Olympics 2012 in München

Alles dreht sich nur um "Paulchen". So nennt Thomas Fischer die weiße Kugel, etwa so klein wie ein Tischtennisball. "Paulchen" liegt in einer Münchner Schulturnhalle. Und Fischer und seine Konkurrenten aus ganz Deutschland wollen ihre schweren Boccia-Kugeln ganz nah an das kleine Kerlchen heranrollen – oder werfen. Aber dieser sonst so wichtige Boccia-Unterschied ist bei den nationalen "Special Olympics" in München egal. Michael rollt mit einer Hand. Guillaume wirft die Kugel, etwas anderes lässt seine Sitzposition im Rollstuhl auch kaum zu. Thomas Fischer steht aus seinem Rollstuhl auf, macht zwei vorsichtige, von seinen kaputten Knien gezeichnete Schritte und setzt die Kugel sanft mit beiden Händen auf die waldgrüne Bahn. "Ich möchte schon die Goldmedaille gewinnen", sagt der 47-Jährige in seinem schwäbischem Akzent. "Aber wenn es nicht geht, ist es auch nicht schlimm. Hauptsache ich war dabei."

Eine Turnhalle mit Bocciabahnen und vielen Menschen in Sportlerkleidung (Foto: DW)

Sonst Schulturnhalle, nun Olympiahalle: Die Wettkampfstätte der Bocciaspieler in München

"Dabei sein ist alles" – so lautet das olympische Motto. Wohl nie war es so zutreffend wie bei den "Special Olympics". Vom 20. bis zum 26. Mai messen sich in München geistig behinderte Athleten in Boccia und Tennis, in Judo, Golf und vierzehn weiteren Sportarten. 5.000 von bundesweit rund 40.000 geistig behinderten Sportlern sind gekommen, sie haben das Down-Syndrom, Lernschwierigkeiten oder können nicht lesen. Und für viele ist "dabei sein" tatsächlich ihr größtes Ziel: Im Kino. Im Bus. Im Beruf. Im Sport. Im Leben. "Inklusion" nennen das die Fachleute – und weil die "Special Olympics" viele Texte absichtlich in sehr einfachem Deutsch formulieren, haben sie auch für dieses Fremdwort eine leichte Umschreibung: "Inklusion heißt, dass ALLE Menschen selbstverständlich dazu gehören."

Den Start verschlafen, dann aufgeholt

Thomas Fischer arbeitet in einer Werkstatt in Heilbronn: Gemeinsam mit anderen Menschen mit Behinderung stellt er Handykartons her. Jeden Mittwoch trainieren die Sportler aus der Belegschaft auf der hauseigenen Bocciabahn. Und nun steht Fischer in München und will sich und den Zuschauern zeigen, was das Training gebracht hat: Halbfinale, gegen Tobias Westling aus Osnabrück. Jung, stark, und mit Erfahrung bei solchen Turnieren. Tobias sammelt Punkt um Punkt, bald schon sind es neun. Thomas Fischer verschläft den Start, findet nicht ins Spiel. Er hat nur einen Punkt, und knetet nervös seine Hände. Doch dann passiert etwas: Fischers Kugeln klackern die gegnerischen Bälle aus der Bahn. Nun ist er wieder nah dran am "Paulchen". Acht zu neun, ein Punkt noch bis zum Gleichstand – doch dann ein lauter Pfiff. Aus, vorbei, Wettkampfleiter Horst Demmelmayr pfeift ab. Tobias steht durch seinen Sieg im Finale, Thomas Fischer muss sich durch eine Trostrunde quälen.

Schafft er's? Die Teamkameraden vom FSV Bad Friedrichshall fiebern mit Thomas Fischer mit (Foto: DW)

Schafft er's? Die Fans von Thomas Fischer fiebern mit

"Die sind so was von ehrgeizig, die kämpfen um jede Kugel, um jeden Treffer", sagt Dietmar Fischer. Er ist Thomas Fischers Vater und zugleich sein Teamchef – Leiter der Bocciamannschaft aus Bad Friedrichshall in Baden-Württemberg. "Gewinnen will natürlich jeder – aber wir sind nicht unglücklich, wenn's nicht klappen sollte." Und dann zitiert der pensionierte Ingenieur die Devise der "Special Olympics": "Lasst mich gewinnen – und wenn ich nicht gewinnen kann, dann lasst mich mutig mein Bestes geben. Und nach dem Motto leben und spielen wir auch." Zuhause in Bad Friedrichshall leitet Fischer senior die Behindertensportabteilung des örtlichen Sportvereins – mit Karate, Gymnastik und natürlich Boccia. Seit es die Abteilung gibt, haben Behinderte und Nichtbehinderte viel mehr miteinander zu tun – "Inklusion" eben.

"Hier siehste keinen Muffelkopp"

Vielleicht liegt es an Menschen wie den Fischers, dass bei den "Special Olympics" eine angenehm familiäre Stimmung herrscht: fröhlich wetteifernd, aber nicht verbissen konkurrierend. Auch Mutter Doris Fischer ist dabei – als "Coach", wie es ihr orangefarbenes T-Shirt verrät. Nach den Wettkämpfen kommt Thomas zu ihr und klatscht mit ihr ab. Und auch die Wettkampfleitung ist Familiensache: Horst Demmelmayr pfeift die Runden an und ab, während seine Frau die Ergebnisse auswertet und sein Sohn die vielen freiwilligen Helferinnen und Helfer einteilt.

Thomas Fischer und Gegner Tobias Westing vor dem Wettkampf (Foto: DW)

Thomas Fischer und Gegner Tobias Westing

Deren gute Arbeit und Laune fällt auch einem Betreuer der Osnabrücker Mannschaft auf: "Hier siehste nur strahlende Gesichter, hier siehste keinen Muffelkopp." Thomas Fischer hat sich wieder gefasst nach der Halbfinalschlappe. Sich konzentrieren, das kann er gut. Mit frischer Stärke fegt er seinen Gegner mit zehn zu eins aus der Trostrunde. Und trifft im Finale – ein komplizierter Spielmodus macht's möglich – wieder auf seinen Angstgegner, Tobias aus Osnabrück. Diesmal geht alles glatt: Thomas Fischer rollt den Ball auf die Bahn, zart dem "Paulchen" entgegen. Der Annäherungsversuch glückt. Vier zu drei. Gold!

Goldmedaille und Kartoffelknödel

Die Fischers feiern den Triumph in einer bayerischen Wirtschaft, in der es Schweinsbraten gibt mit Kartoffelknödeln. "Paulchen" ruht sich aus – er muss am nächsten Tag fit sein für die Damen- und Teamwettbewerbe. Die "Special Olympics" für geistig Behinderte gibt es weltweit seit mehr als 40 Jahren und in 175 Ländern. In München präsentieren sie sich fröhlich, sportlich, und ganz im Geist der Worte, mit denen Bundespräsident Joachim Gauck die Spiele eröffnet hat: "Ein Festival für Leib und Seele, ein Fest für alle gemeinsam."