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Bundestagswahl

SPD steht zu 100 Prozent hinter Martin Schulz

Die Sozialdemokraten schreiben Geschichte: Ohne eine einzige Gegenstimme haben sie Martin Schulz zu ihrem neuen Vorsitzenden gewählt. Der will jetzt in den Wahlkampf und ins Kanzleramt ziehen. Aus Berlin Sabine Kinkartz.

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Schulz löst Euphorie in der SPD aus

Einen kurzen Moment lang ist Martin Schulz irritiert. Seit einer knappen halben Stunde redet er auf dem außerordentlichen Bundesparteitag der SPD und fordert gerade mehr Investitionen in Kindergärten, Schulen und Hochschulen, da fangen einige Delegierte an zu lachen. Schulz hält inne, blickt sich um. "Was ist los?", fragt er und blickt ratlos um sich. Wieder Gelächter. Da sieht Schulz, dass auf den großen Bildschirmen in seinem Rücken ein Parteitags-Delegierter gezeigt wird, der ein kleines Kind im Arm hält. Die Parteitagsregie hatte das zur Rede passende Motiv einblenden lassen, was Schulz aber nicht sehen konnte.

"Mann, da bin ich glücklich", entfährt es dem 61-Jährigen. "Ich habe gedacht, ich hätte etwas Falsches gesagt." Schulz wirkt tatsächlich erleichtert. "Junge oder Mädchen?", fragt er in Richtung des jungen Vaters, kann die Antwort aber nicht verstehen. "Ist egal, wird in die SPD aufgenommen", sagt er dann und die 2500 Delegierten und Gäste, die an diesem Sonntag nach Berlin gekommen sind, applaudieren vergnügt.

Begeisterung zum Aufbruch, Wärme zum Abschied

Das tun sie im Übrigen häufig während der rund 80 Minuten langen Rede. Meistens laut und anhaltend, oft von Jubel begleitet und von trampelnden Füßen, die den Boden der Arena, eine Event-Halle in Berlin-Treptow, erbeben lässt. Die Stimmung ist aufgekratzt, euphorisch. Aufbruch liegt in der Luft. Ganz anders als bei Sigmar Gabriel, der vor Schulz fast eine Stunde lang zu den Delegierten gesprochen hat. Da war es viel ruhiger, wenn auch voller Wärme und Dankbarkeit. Eine Wärme, die Gabriel sie in den mehr als sieben Jahren als Parteivorsitzender oft genug hatte vermissen müssen.

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Neu-Mitglied Henry Berthold auf dem SPD-Bundesparteitag

Jetzt, wo er abtritt, liebt ihn die Partei. Das ist deutlich zu spüren. Sie ist ihm dankbar, dass er Ende Januar den Weg frei gemacht hat. Die SPD bewundert aber auch die Art und Weise, mit der Sigmar Gabriel den Staffelstab an Martin Schulz weitergibt. Gabriel fühlt das, er tut aber alles dafür, diese Gefühle nicht zuzulassen. "Einmal müsst ihr da noch durch", sagt er zu Beginn seiner letzten Rede als SPD-Vorsitzender und grinst dann breit. "Es gibt keinen Grund für Melancholie, im Gegenteil. Es dürfte der fröhlichste und optimistischste Übergang zu einem neuen Parteivorsitzenden sein, den unsere Partei in den letzten Jahrzehnten erlebt hat."

SPD erlebt ungeahnte Renaissance

Vor kurzem ist Gabriel zum dritten Mal Vater geworden. Ist es das, was ihn so gelassen macht? Ist es seine neue Aufgabe als Bundesaußenminister? Oder ist es das Gefühl, die eigenen Ambitionen für die SPD geopfert zu haben? Er macht den Eindruck, als sei ihm eine große Last von den Schultern genommen worden. "Das Amt des SPD-Vorsitzenden abzugeben, war sicher eine der schwersten Entscheidungen meines Lebens, aber auch eine der richtigsten ", sagt Gabriel zu seinem Verzicht auf den Parteivorsitz und die Kanzlerkandidatur. "Diese Entscheidung ist dir nicht leicht gefallen", kommentiert die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. "Aber die letzten Wochen haben gezeigt, dass du Recht hattest und du kannst stolz auf dich sein."

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SPD-Delegierte Sarah Ryglewski auf dem Bundesparteitag in Berlin

Die letzten Wochen, damit ist die Zeit seit Ende Januar gemeint. Die SPD erlebt seitdem eine Renaissance, wie sie vor ein paar Monaten noch niemand für möglich gehalten hatte. Auf 20 Prozent der Wählerstimmen war die Partei gefallen, lag weit abgeschlagen hinter der Union. Jetzt rennt die SPD von einem Rekordergebnis zum nächsten, steht auf Augenhöhe mit CDU und CSU. "Die SPD ist wieder da, wir sind wieder da. Das ist eine gute Nachricht für die Menschen im Lande", ruft Martin Schulz den Delegierten zu.  

Nicht eine einzige Gegenstimme

"Zeit für mehr Gerechtigkeit", unter diesem Motto will die SPD den Kampf um das Kanzleramt antreten. Wie ein roter Faden zieht sich das Thema durch die Rede von Martin Schulz. "Wenn wir nicht dafür sorgen, dass es in diesem Land gerechter zugeht, dann wird das niemand anderes machen", gibt sich der frühere Präsident des Europaparlaments kämpferisch. Die SPD feiert ihn dafür, auch mit einem Traumergebnis. 608 Stimmen werden auf dem Parteitag abgegeben, davon sind drei ungültig. Die restlichen 605 Stimmen gehen alle auf das Konto von Martin Schulz. Erstmals in der Nachkriegs-Geschichte der SPD wird ein Vorsitzender ohne Gegenstimmen zum neuen Chef erkoren.

Ein Ergebnis, mit dem Schulz so sicher nicht gerechnet hat. "Ich glaube, dass dieses Ergebnis der Auftakt zur Eroberung des Kanzleramtes ist", zeigt sich der neue Parteichef überwältigt. In den kommenden drei Monaten will die Partei unter seiner Führung ein Wahlprogramm erarbeiten. Es soll im Juni auf einem weiteren Parteitag beschlossen werden und sich um "Gerechtigkeit, Respekt und Würde" drehen. Einzelheiten wollte Martin Schulz auf dem Parteitag nicht nennen. Nur soviel: Familien sollen besser unterstützt werden, die Bildung soll vom Kindergarten bis zur Hochschule kostenlos sein und das Lohngefälle zwischen Mann und Frau soll beseitigt werden.

Deutschland Martin Schulz zum neuen SPD-Chef gewählt (Reuters/F. Bensch)

So sehen Sieger aus: Martin Schulz hofft darauf, jetzt auch ins Kanzleramt einzuziehen

Schulz will weiter zuhören

Vor den von der Union in Aussicht gestellten Steuersenkungen warnte Schulz. Sie würden den Staat 35 Milliarden Euro kosten. "Das ist das Wahlgeschenk-Programm der CDU/CSU und das sind Milliarden, die für wichtige Zukunftsinvestitionen fehlen würden." In den kommenden Wochen will der neue Parteivorsitzende weiter durchs Land touren und mit den Menschen vor Ort sprechen. Dabei werde er gut zuhören und sich für das Wahlprogramm inspirieren lassen. Dabei wird ihm ab und zu wahrscheinlich auch ein Satz von Sigmar Gabriel durch den Kopf gehen. Der gab Schulz in Berlin einen klaren Rat: "Lieber weniger versprechen, aber das, was man verspricht, dann auch halten. Das muss Sozialdemokraten auszeichnen."

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