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Europa

Sparmaßnahmen - Verzweiflung in Griechenland

Die Griechen fühlen sich von ihren Politikern in Stich gelassen. Viele von ihnen empfinden das neue Sparprogramm als zu hart. Zugleich sind sie schockiert über die Gewaltbereitschaft der Randalierer.

Griechenlands Sparpläne sorgen für gute Stimmung an den Aktienmärkten und für schlechte Stimmung in der Bevölkerung. "Wer hat diese Politiker berechtigt, für solche Sparmaßnahmen zu stimmen", sagt ein 45-jähriger Mann, der ein kleines Kosmetikgeschäft im Zentrum von Athen besitzt. Er habe die sozialistische Partei gewählt, weil Papandreou gesagt habe, dass es Geld gebe. "Sie haben uns ein anderes Programm vorgestellt und nicht diese radikalen Sparmaßnahmen. Wir sind pleite. Was nutzt es uns, 600 Euro pro Monat zu bekommen und 500 Euro Steuern für die Stromrechnung zu bezahlen."

Geschäfte in Brand gesetzt

Ein eingeschlagenes Fenster. Foto: REUTERS/John Kolesidis

Eingeschlagene Fenster eines Geschäftes

Der Mann ist sichtlich wütend. Er weist auf die andere Straßenseite: "Schauen sie mal hier, was kann man dazu noch sagen". Zwei Geschäfte sind von Randalieren in Brand gesetzt worden. Arbeiter versuchen die Reste der kaputten Fensterscheiben zu entfernen. Die Besitzer stehen ratlos und verzweifelt daneben. Sie machen die Politiker für das Chaos verantwortlich.

Bei den Unruhen am Sonntag gingen 45 Gebäude in Flammen auf. Es waren die schlimmsten Ausschreitungen seit 2008, als ein Polizist einen 15-jährigen Jungen erschossen hatte. Die Polizei nahm jetzt 142 Personen fest, 35 Zivilisten und 68 Sicherheitskräfte wurden verletzt und mussten in Krankenhäuser eingeliefert werden.

Einen Tag nach den Unruhen riecht es noch immer nach Verbranntem. Die Stimmung ist kritisch. Ein 50-jähriger Mann winkt ab: "Es gibt keine Demokratie mehr. Die Abgeordneten haben gemacht, was die Parteien ihnen diktiert haben. Wir tun, was die Deutschen und die Franzosen wollen. Natürlich müssen wir zurückzahlen, was uns die Europäer geliehen haben." Allerdings bräuchte Griechenland mehr Zeit dafür. Mehr Zeit für die Reformen und nicht so viel Druck.

"Wir sind pleite!"

Polizisten versuchen die Randalierer zu stoppen. Foto:Petros Giannakouris/AP/dapd)

Polizisten versuchen die Randalierer zu stoppen

Ähnlich denkt eine 40-jährige Rechtsanwältin. Sie sieht mitgenommen und deprimiert aus. Mit zwei Freunden steht sie vor einem völlig verbrannten Gebäude. Polizei und Feuerwehr haben das Gelände davor abgeriegelt. Das Feuer ist zwar längst gelöscht, aber die Gefahr, dass das Gebäude einstürzt, ist groß.

"Wir sind pleite", sagt die Juristin und blickt dabei auf die Mauerreste. "Das ist kriminell. Die Leute werden ihre Jobs verlieren. Die Demonstranten waren friedlich. Das war eine Provokation." Die Rechtsanwältin denkt nach, hebt den Kopf und ergänzt dann mit fester Stimme: "Wir haben kein Angst mehr. Was können sie uns noch antun. Sollen die Banken doch unsere Wohnungen wegnehmen!? Sie können es tun, na und?"

Die letzte Würde verteidigen

Ein Demonstrant mit der griechischen Flagge um die Schultern steht vor dem Parlamentsgebäude in Athen. Foto: EPA/SIMELA PANTZARTZI

Protest vor dem Parlamentsgebäude

"Das schlimmste kommt noch", prophezeit ein junger Mann, der aus Rumänien stammt und das Gespräch mitgehört hat. Mehr möchte er aber nicht sagen, weil er kein Grieche sei. Die 40-jährige Rechtsanwältin spricht mit lauter Stimme weiter: "Wir hoffen auf ein Wunder. Am liebsten würden wir die Zeit zurückdrehen - vor die Krise. Aber so was ist ja nicht möglich. Daher glaube ich, dass es besser wäre, wenn wir nicht mehr in der Eurozone bleiben würden." Ihrer Ansicht nach sollte Griechenland zur Drachme zurückkehren. Dann würden sich die Griechen gegenseitig helfen. Jetzt sei es ein Fass ohne Boden und diese Unsicherheit sei nicht mehr ertragen.

Ein 55-jähriger Arbeitsloser versucht nicht ganz zu resignieren, aber er hat so gut wie keine Hoffnung mehr. "Das einzige was wir noch verteidigen können, ist unsere Würde. Alles andere hat man uns weggenommen. Unsere Renten, unsere Löhne, unsere Zukunft."

Autorin: Maria Rigoutsou
Redaktion: Ralf Bosen

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