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Politik

Spannende Marathonwahl

Die Parlamentswahlen in Indien sind nach drei Wochen zu Ende gegangen. Das Ergebnis der Mammutwahl in der größten Demokratie der Welt mit 660 Millionen Wahlberechtigten lässt noch auf sich warten.

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Wahlkampf mit nassen Füßen

"India's shining" - "Indien leuchtet", verkündet die indische Regierung seit Monaten in einer gigantischen Werbe-Kampagne. Mit dem "Wohlfühl-Faktor" hoffte sie die vorgezogenen Neuwahlen mühelos zu gewinnen. Sie setzte dabei neben dem Wirtschaftsboom mit imposanten, zuletzt sogar zweistelligen Wachstumsraten auch auf die Euphorie über die Annäherung an den Erzfeind Pakistan.

Wahlen in Indien Wähler

Schlange vor einem Wahlbüro in Mandai, Bundesstaat Tripura

Die wichtigste Regierungspartei, die hindu-nationalistische BJP, hatte vergangene Wahlkämpfe hauptsächlich mit anti-muslimischen Parolen bestritten. Diesmal fehlten solche Tiraden allerdings völlig. Im Gegenteil: Mukhtar Abbas Naqvi, Generalsekretär und Sprecher der BJP, ist selber Muslim und hat im Wahlkampf sogar gezielt versucht, Angehörige der größten religiösen Minderheit für die Partei zu gewinnen. Mit Erfolg, meint er: "Heute zeigt sich eine revolutionäre Veränderung in der Einstellung der Minderheiten zur BJP."

Tauziehen um mögliche Koalitionspartner

Ob diese Einschätzung wirklich stimmt, müssen erst die Wahlergebnisse zeigen. Für die Opposition ist sie genauso unglaubwürdig wie die Euphorie über hohe Wachstumsraten. Ihre Hauptkritik: Nur die Mittelschichten haben profitiert, für die Armen und die Menschen auf dem Land hat sich dagegen wenig geändert. In seinem Wahlkreis im nordindischen Lucknow hatte Premierminister Atal Bihari Vajpayee einen Polit-Veteranen als Gegen-Kandidaten: Ram Jethmalani. "Indien leuchtet!? Schauen Sie sich doch in den Slums von Lucknow um, ob Indien leuchtet oder kaputt ist! Das ist doch nur Propaganda", wetterte er.

Viele Wähler scheinen diese Einschätzung zu teilen. Und so ist die siegessichere Regierung zum Ende der Wahlen doch noch einmal in Bedrängnis geraten. Die meisten Prognosen sagen voraus, dass die BJP-geführte Regierungskoalition aus jetzt schon mehr als 20 Parteien die absolute Mehrheit der Parlamentsmandate knapp verfehlen wird. Die wichtigste Oppositionspartei, die Kongress-Partei, liegt allerdings noch deutlich dahinter. Noch vor dem Ende der Wahlen hat in den vergangenen Tagen bereits offen ein neues Tauziehen zwischen beiden Lagern um mögliche Koalitionspartner begonnen.

Sonia Gandhi Kongresspartei Wahlen Indien

Oppositionsführerin Sonia Gandhi

Die Kongress-Partei, machtverwöhnt durch Jahrzehnte der Alleinherrschaft, ist traditionell aber schlecht im Schmieden von Allianzen. Ein weiteres Handicap, auch in den Augen vieler Wähler, bleibt ihre Spitzenkandidatin, die 57-jährige gebürtige Italienerin Sonia Gandhi. Selbst in der Kongresspartei gibt es große Skepsis, ob sie im Falle eines Wahlsiegs das höchste Regierungsamt übernehmen könnte. Daher wird schon spekuliert, ob der Kongress eventuell einen anderen zum Premierminister machen könnte, vielleicht sogar Sonia Gandhis Sohn Rahul, der zum ersten Mal fürs Parlament kandidiert hat.

Hightech-Wahl mit Symbolen für Analphabeten

Bislang basieren die Prognosen auf Befragungen der Wähler beim Verlassen der Wahllokale, die seit Beginn der Wahlen am 20. April regelmäßig veröffentlicht werden. Am Donnerstag (13.5.) soll das Warten ein Ende haben. Dann wird das Endergebnis feststehen. Bisher trudelten in Indien tagelang die Wahlergebnisse nach und nach ein, jetzt ist überall für eine schnelle Auszählung gesorgt: Ganz Indien wählt nämlich mit elektronischen Wahlmaschinen, die die Stimme auf einem Chip speichern. Wahlbetrug wird damit deutlich erschwert - man kann etwa bereits abgegebene Stimmen nicht mehr nachträglich ungültig machen oder ganze Wahlurnen stehlen und durch selbst gefüllte ersetzen, wie das in der Vergangenheit immer wieder vorkam.

Fortschritt und Unterentwicklung, das "leuchtende" und das arme Indien liegen eng beisammen: Die Wähler, viele davon Analphabeten, stimmen zwar elektronisch ab, aber den gewünschten Kandidaten erkennen sie nach wie vor nur am Symbol seiner Partei - denn sie können nicht lesen. Außerdem bleibt noch eine banale Frage zu klären: In Indien gehören Stromausfälle sogar in der Hauptstadt zum Alltag, ganz zu schweigen von den Hunderttausenden Dörfern. Wie kommen die Hightech-Wahlmaschinen damit klar? Kein Problem, beruhigt Suresh Joshi aus Bangalore, dessen Firma die Technik entwickelt hat: "Wenn der Strom ausfällt, funktioniert sie trotzdem, weil sie batteriebetrieben ist!"

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