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Globale Zusammenarbeit

Spanische Arbeitsmigranten in Argentinien

Spanien steckt tief in der Krise. Vor allem junge Menschen suchen nach einer neuen Perspektive im Ausland. Auch die Schwellenländer Lateinamerikas rücken in den Blick der Arbeitsmigranten.

Stadtansicht auf Buenos Aires (Foto: Fotolia)

Spanier suchen sich Jobs in Buenos Aires

Während in Europa der Herbst immer ungemütlicher wird, hat in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires gerade der Frühling begonnen: Im Stadtpark "Bosque de Palermo" blühen die lilafarbenen Jacarandá-Bäume; Jogger, Radfahrer und Skater drehen ihre Feierabendrunden. Auch Sebastian Monteoliva kommt nach der Arbeit hierher, um auszuspannen: "Buenos Aires ist eine gigantische Zementwüste. Es gibt nur wenig öffentliche Plätze oder Grünflächen – das vermisse ich, denn in Spanien gibt es davon sehr viel mehr. "

Die Krise in seinem Heimatland trieb den 31-jährigen Galizier nach Südamerika - und er ist nicht der Einzige: Mehr als eine halbe Millionen Spanier haben ihrer Heimat bereits den Rücken gekehrt, neben europäischen Nachbarländern ist auch Lateinamerika zur Option geworden.

Die Zahl der dorthin Ausgewanderten belief sich im Jahr 2011 auf ungefähr 370.000, etwa zehnmal mehr als noch im Jahr 2008. Laut einer Studie der internationalen Arbeitsagentur Adecco sollen allein in den letzten zwei Jahren mehr als 30.000 Menschen von Spanien nach Argentinien gekommen sein.

Flucht vor der Krise

"Ich bin ein typischer Vertreter der Krisengeneration", sagt Sebastian Monteoliva über sich selbst. Mit 17 brach er die Schule ab, um das erste eigene Geld zu verdienen: "Durch den Immobilienboom gab es gut bezahlte Jobs auf dem Bau. Später zog ich nach Barcelona, jobbte im Hafen oder in Kleiderläden, irgendwas hat sich immer ergeben."

Doch das hat sich geändert. Mittlerweile erreicht die Arbeitslosigkeit in Spanien einen traurigen Rekord. Am meisten betroffen sind junge Leute wie Sebastian. Jeder zweite Erwerbstätige zwischen 20 und 35 ist heute ohne Arbeit: "Dazu werden Sozialhilfen gekürzt. Bevor ich ganz verzweifelte, habe ich beschlossen, nach Argentinien zu gehen." Er hatte Glück und Verwandte in Argentinien halfen ihm mit Kontakten. Nun arbeitet Sebastian beim Organisationsteam für Festivals der Stadt Buenos Aires, sogar mit Festvertrag. Von den 4000 Peso, rund 650 Euro, die er dort verdient, bleibt am Monatsende allerdings nichts übrig. Das Leben in der argentinischen Hauptstadt ist kaum billiger als in Spanien: "Hierhin auszuwandern war natürlich auch ein Risiko – allein das Flugticket war ja schon eine Investition", meint der 31-Jährige.

Neuanfang in Argentinien

Trotzdem: Argentinien, das traditionell über eine starke spanische Gemeinde verfügt, gilt als besonders attraktiv für die neuen Arbeitsmigranten. Und das, obwohl das Land vor gut zehn Jahren selbst eine schwere Wirtschaftskrise erlebte, die Zehntausende nach Europa trieb. Auch wenn ein Teil der über 30.000 Spanier, die in den letzten zwei Jahren an den Rio de la Plata kamen, argentinische Rückkehrer sind, die eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzen, scheint sich der Trend umzukehren. Auch weil Arbeitsvisa für Argentinien einfacher zu haben sind als beispielsweise für Chile.

Vor allem Hochqualifizierte werden gesucht und gebraucht: Akademiker, Wissenschaftler, Ingenieure, medizinisches Fachpersonal – und Spanier, Europäer insgesamt, genießen in der Region einen guten Ruf. Was die Bezahlung angeht, kann Lateinamerika jedoch nicht mit europäischen Auswanderzielen wie Deutschland oder Großbritannien mithalten. "Ein Freund von mir, der als Programmierer arbeitet, hatte ein spannendes Jobangebot aus Buenos Aires. Doch von seinem Lohn hätte er nichts ansparen können. Er hat Schulden in Spanien, muss die Hypothek auf eine Wohnung abbezahlen – deswegen ist er schließlich nach London gegangen", erzählt Kike Gómez. Der 30-Jährige hat in Spanien sogar sehr erfolgreich als Theaterregisseur gearbeitet. Trotzdem ist er vor zwei Jahren nach Argentinien ausgewandert, um dort bei Independent-Produktionen zu arbeiten.

Nicht nur das Geld zählt

Die persönliche Weiterentwicklung stand für ihn im Vordergrund: "Die berühmte spanische Lebensfreude ist weg, man spürt eine Depression, eine Antriebslosigkeit, das hat mich immer mehr belastet." Zukunft gebe es in Europa nur noch in Deutschland oder Großbritannien, ärgert sich Kike. Dorthin würden jetzt all die anderen Länder ihre jungen und qualifizierten Fachkräfte verlieren. "Ich identifiziere mich einfach nicht mehr mit dem, in was sich Europa verwandelt hat – alles dreht sich nur noch um die Wirtschaft, aber Spanien wird niemals mit Deutschland mithalten können. Ich glaube, dass viele genug von all dem haben und einen radikalen Bruch wollen."

Viele Regierungen Südamerikas setzen derzeit auf eine eher sozial ausgerichtete Wirtschaftspolitik - etwas, für das Europa jahrelang stand. Trotzdem will Kiker irgendwann nach Spanien zurückkehren, wenn er dort wieder eine Perspektive für sich sieht. Und Sebastian Monteoliva? Der schwingt sich auf sein Skateboard und dreht eine Runde unter den Jacarandá-Bäumen im Stadtpark von Buenos Aires. Auf die Ramblas von Barcelona wird er frühestens zurückkehren, wenn der Winter vorbei ist: "Aber wie es aussieht, dauert der noch eine ganze Weile."