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Jugendarbeitslosigkeit

Spanier als deutsche Azubis? Warum MobiPro gescheitert ist

Das von der Bundesregierung 2013 aufgelegte Programm sollte arbeitslosen europäischen Jugendlichen und deutschen Lehrbetrieben helfen. Jetzt wurde es eingestellt. Aus Madrid Stefanie Müller.

Als MobiPro (Förderung der beruflichen Mobilität von ausbildungsinteressierten Jugendlichen und arbeitslosen jungen Fachkräften aus Europa) ein Jahr nach der Bankenrettung in Spanien, zwei Jahre nach der Staatsrettung Portugals und Griechenlands von der deutsche Bundesregierung auf den Weg gebracht wird, denkt Bundeskanzlerin Angela Merkel vor allem an ihren Amtskollegen Mariano Rajoy und an den eigenen Mittelstand, der dringend Lehrlinge und Fachkräfte braucht. Spaniens Jugendarbeitslosigkeit liegt zu diesem Zeitpunkt bei 60 Prozent.

Screenshot Bundesagentur für Arbeit Programm Mobipro-EU

So wirbt die Bundesagentur für Arbeit für MobiPro (Sreenshot Webseite)

Hilfe für einen Freund und Imagepflege

Rajoy war Merkel bisher immer ein treuer Weggefährte in Europa gewesen. Die Kanzlerin der Austerität will dem Galizier mit MobiPro unter die Arme greifen, damit seine wenig populäre Sparpolitik weniger harte Auswirkungen auf die spanischen Familien habe und sie will ihr Image in Ländern wie Portugal und Griechenland verbessern. Tatsächlich sind es auch hauptsächlich Spanier, die vom Angebot, eine Lehre in Deutschland zu machen oder dort als Fachkraft zu arbeiten, Gebrauch machten. Der überwiegende Anteil der Ausbildungen erfolgte im Hotel- und Gaststättengewerbe. Im Fachkräftesegment förderte Mobipro vor allem  Kranken- und Altenpfleger-Stellen.

Rund 7500 junge arbeitslose Südeuropäer wurden seit 2013 mit MobiPro nach Deutschland in Ausbildungszentren als Lehrlinge bzw. in Betriebe als Fachkräfte verschickt. Als Ergebnis einer Haushaltsanalyse beschloss das Bundeskabinett am 23. März 2016 jedoch, keinen weiteren Jahrgang im Rahmen des Pilotprogramms zu fördern. Die Gesamtkosten für den Bundeshaushalt liegen bis jetzt bei rund einer halben Milliarde Euro, die Abbruchrate der ausländische Lehrlinge ist mit rund 40 Prozent zu hoch.

MobiPro war eine schöne Idee

Für den arbeitslosen Spanier Juan Dominguez war MobiPro wie ein Geschenk des Himmels. Aber leider hielt die Begeisterung des jungen Mannes nur kurz an, weil bei der Ankunft im "Wirtschaftswunder-Land" vor zwei Jahren alles anders war, als er es sich vorgestellt hatte. Wie Dominguez geht es inzwischen fast 40 Prozent der Teilnehmer von MobiPro, mehrheitlich junge Männer. Zwischen 2013 und 2015 lag nach einem Finanzbericht der Bundesregierung die Abbruchrate noch bei rund 35 Prozent. Zusätzliche Sprachkurse und interkulturelle Vorbereitung wurden verstärkt, damit haben sich aber auch die Kosten in kürzester Zeit pro Teilnehmer verdreifacht (siehe Grafik).

Mit 130 Millionen Euro startete MobiPro vor vier Jahren. 2014 war man auch wegen der vielen Anfragen und verstärkten Begleithilfen schon bei Ausgaben von 360 Millionen Euro.  Die Absprungrate stieg jedoch weiter, weil die gröβte Barriere, die Sprache, nicht in sechs Monaten gelernt werden konnte. "Viele der Teilnehmer sind Schulabbrecher bzw. Langzeitarbeitslose. Nur die wenigsten sind sprachbegabt und haben wirklich ein Interesse an Deutschland. Ohne diese beiden Voraussetzungen kann man nicht erwarten, dass die Kandidaten nach einem sechsmonatigen Sprachkurs in Spanien ihre Vorgesetzten in Deutschland verstehen oder sich Deutschen verständlich machen können", sagt eine Sprachlehrerin, die noch in dem inzwischen umstrittenen Projekt arbeitet und deswegen nicht namentlich genannt werden will. 

Die deutsche Regierung scheiterte an der Realität

Domínguez hörte vor zwei Jahren in einem der vielen MobiPro-Internetforen von dem Programm. Er ging auf die Infoseite jobofmylife.com, wo ihm von offizieller Seite visuell eine sehr gute "coole" Arbeit und irgendwie indirekt auch Spaß versprochen wurde. Zudem wurde alles bezahlt: der sechsmonatige Sprachkurs in Spanien, der Sprachkurs in Deutschland begleitend zu der Lehre, der Transport aus der Heimat zum Lehrbetrieb, ein Teil des Umzuges und dann auch noch zwei Flüge im Jahr nach Hause. Das Lehrgeld ist mit 818 Euro sogar wesentlich höher als das deutscher Lehrlinge. "Da konnte man doch gar nicht Nein sagen", findet Domínguez, der sich im Sommer 2015 auf das Abenteuer Deutschland und eine dreijährige Lehre als Elektro-Monteur einließ.

Aber der 24-jährige will schon nach zwei Monaten in Süddeutschland wieder zurück nach Malaga, wo er herkommt und auch immer noch bei seinen Eltern wohnt: "Ich fühlte mich in Deutschland einfach schrecklich einsam." So ging es auch fünf der sieben spanischen Lehrlinge, die in Merklingen bei Andreas Hintz in seinem 'Hotel Ochsen' im September 2016 als Auszubildende eingestellt wurden. Der Hotelchef ist nicht verärgert, aber verzweifelt: "Wir brauchen dringend Azubis. Sonst gibt's in 20 Jahren in Deutschland keine Gastronomie mehr."

Schuld an dem Misserfolg haben beide Seiten

Alphons Brenninkmeijer, Spanien-Verantwortlicher der viel in Ausbildung investierenden C&A-Stiftung Portica, glaubt, dass Programme wie MobiPro nur funktionieren, wenn die Teilnehmer in Familien vor Ort integriert werden: "Nur dann leben sie in der Kultur und schotten sich nicht ab. Zudem ist es notwendig, dass auszubildende Unternehmen und Lehrlinge vorher interkulturelle Kompetenzen aufzuweisen. Diese müssen gelehrt und dann auch abgefragt werden. Das ist übrigens auch wichtig für die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt."

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Der geplatzte Traum von der Chance Deutschland

Vicente Milán, Geschäftsführer der TTA Personal GmbH, vermittelt seit Jahren spanische Fachkräfte ohne staatliche Hilfen nach Deutschland und investiert viel in die Vorauswahl auf beiden Seiten: "Die Betriebe und Fachkräfte müssen selber finanzieren, sonst ist der Wille durchzuhalten nicht gegeben und die Leute springen beim kleinsten Problem ab." Denn Strafen waren bei MobiPro nicht vorgesehen. Niemand der Teilnehmer muss etwas zurückzahlen, wenn er nach ein paar Monaten in Deutschland wieder zurück will.

Alejandro Stranz von Humanus Consulting in Barcelona glaubt auch, dass im Vorfeld besser auf die Motivation und Ausbildung der Kandidaten hätte geachtet werden müssen: "Die Auswahl hätte viel gezielter erfolgen müssen. Es wurde fast jeder zugelassen. Jemand, der aus der hintersten Ecke von Andalusien oder Galizien kommt, wird es in einem Land wie Deutschland kaum lange aushalten, wenn man die engen Familienbande in Spanien bedenkt."

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