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Europa

Spaniens Feuchtgebiete trocknen aus

Früher war der Nationalpark "Tablas de Daimiel" ein Feuchtbiotop. Heute gibt es dort kaum noch Wasser. Dank illegaler Brunnen und intensiver Landwirtschaft droht der einstigen Oase für Wasservögel die Austrocknung.

Der spanische Nationalpark Tablas de Daimiel (Foto: wikipedia.de)

In den "Tablas de Daimiel" gibt es nur noch wenige Seen

Es ist Mitte November und noch immer schwül-warm. Im kastilischen Hochland, knapp zweihundert Kilometer südlich von Madrid, steuert Santos Cirujano den Geländewagen des Botanischen Gartens von Madrid. Kaum einer kennt das Biosphärenreservat so gut wie er: "Gleich sehen wir das, was früher einmal die 'Ojos de Guadiana' waren", erklärt er. "Vor 52 Jahren haben diese Quellen dazu geführt, dass die Straße hier überschwemmt war. Heute ist alles trockengelegt und Ackerfläche. Hier sind wir am Ursprung des Desasters der 'Tablas de Daimiel'."

Unter der Hochebene von Kastilien-La Mancha gibt es riesige Grundwasservorkommen. Sie sind nummeriert: Nummer 23 speiste früher die Quellen des Flusses Guadiana und versorgte ein Feuchtgebiet riesigen Ausmaßes mit Wasser: die "Tablas de Daimiel" eine fast 20 Quadratkilometer große Sumpf- und Seenlandschaft, ein Biosphärenreservat.

Illegale Brunnen

Purpurreiher (Foto: wikipedia.de)

Die "Tablas" sind auch Lebensraum des Purpurreihers

Heute sind die Quellen versiegt, auf dem Weg zum Besucherzentrum fährt man Kilometerweit durch trocken gefallene Senken – ein trauriger Anblick: "Traurig", fragt Santos Cirujano. "Eigentlich müsste man heulen, dann gäbe es wenigstens ein paar Tropfen Wasser." Noch vor zwanzig Jahren lebten hier tausende Wasservögel – doch seitdem haben sich die Verhältnisse dramatisch verändert. Seit 2005 ist das Biosphärenreservat praktisch ausgetrocknet. Rund um das Naturschutzgebiet haben Bauern die Landwirtschaft immer weiter intensiviert – in einer Gegend, in der der Niederschlag alleine dafür nicht ausreicht. Tausende von Brunnen fördern deshalb Wasser für die Beregnung an die Oberfläche.

"In den sechziger Jahren gab es eine fortschrittsfanatische Politik, man wollte unproduktive Böden unter den Pflug nehmen und dachte, unter der Hochebene gäbe es ein unerschöpfliches Süßwasser-Meer", sagt Santos Cirujano. Niemand habe sich daran gestört, dass illegale Brunnen gebohrt wurden.

Brennender Torf

Doch das Süßwasser-Meer ist endlich; inzwischen müssen die Brunnen immer tiefer gebohrt werden. Die hölzernen Stege im Biosphärenreservat sind nur noch auf einem Prozent der Fläche des Naturschutzgebietes von Wasser umspült. Das Wasser eines der seltenen Vorzeige-Seen stammt – natürlich – aus einem Brunnen.

Im größten Teil des Naturparks bietet sich ein anderes Bild: Wo früher Wasser war, steht heute bestenfalls vertrocknetes Schilf. Von Jahr zu Jahr machen sich mehr fremde Pflanzen breit, das Feuchtgebiet droht von Allerwelts-Kräutern überwuchert zu werden. Als ob das noch nicht genug wäre, haben extreme Sommer in den vergangenen Jahren die Erde aufreißen lassen – riesige Spalten klaffen im Boden.

"Durch die Spalten gelangt Sauerstoff in die Torfschichten im Boden", erklärt Santos Cirujano. "Zusammen mit der Wärme, die sich bei der Zersetzung der Pflanzen im Boden entwickelt, sind dadurch unterirdische Brände im Torf entstanden." Die Torfschichten bestehen aus abgestorbenen Sumpfpflanzen – eine Vorstufe zu Kohle, sozusagen ein junger fossiler Brennstoff.

Brunnenwasser gegen unterirdische Brandherde

Der spanische Nationalpark Tablas de Daimiel (Foto: wikipedia.de)

"Wenn der Park nicht unter Wasser steht, stirbt er"

So lange der Boden durchfeuchtet oder gar von Wasser überstanden ist, ist das Gebiet eine wichtige Kohlenstoffsenke. "Wenn dieser Naturpark nicht unter Wasser steht, dann stirbt er", warnt Rosa Mediavilla vom Staatlichen Institut für Geologie und Bergbau. "Das bedeutet, dass wir eine Kohlenstoff-Senke verlieren würden. Und das, wo der Klimawandel bevor steht. Eines ist klar: Feuchtgebiete wie das der 'Tablas de Daimiel' die Jahrtausendelang als Kohlenstoffsenke gewirkt haben, gibt es nicht viele. Es ist etwas besonders."

Doch jetzt, wo große Flächen trockenen Torfes unterirdisch vor sich hin schwelen, wird der glimmende Torf selbst zur Klimagefahr, der tonnenweise Treibhausgase freisetzt.. Mit Planierraupen versucht man nun, die Spalten im Boden zu schließen – so soll die Sauerstoffzufuhr zu den Bränden gekappt werden. Und aus zwei Brunnen wird Wasser dorthin geleitet, wo die größten unterirdischen Brandherde vermutet werden.

Bis Januar soll eine Leitung fertig sein, die Wasser vom nördlich verlaufenden Tajo in den Park bringt – als Notfall-Maßnahme. Langfristig sollen die Grundwasservorkommen wieder aufgefüllt werden – schon seit 2007 gibt es einen Plan zur Neuordnung der Wasserressourcen rund um den Naturpark. Doch die Umsetzung gemeinsam mit, aber manchmal auch gegen Bauern, ist langwierig - und schon jetzt ist klar, dass das Biosphärenreservat nie wieder so aussehen wird, wie vor zwanzig Jahren.

Autor: Reinhard Spiegelhauer
Redaktion: Andreas Ziemons

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