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Bildung

Spaß an der Diskussion

Zum siebten Mal wetteiferten Jugendliche aus Osteuropa bei "Jugend debattiert international" um die Rednerkrone. Beim Debattieren auf Deutsch beeindruckten sie die Jury mit der hohen Kunst der Rhetorik.

Deutsch ist nicht ihre Muttersprache, doch die jungen Leute auf dem Podium sprechen es so fließend, dass man ihren Akzent kaum wahrnimmt. "Sollen sportliche Großveranstaltungen bei Menschenrechtsverletzungen im Veranstaltungsland boykottiert werden?", lautet das Thema ihrer Debatte. Für den 16-jährigen Dmytro aus der Ukraine lautet die Antwort eindeutig: ja. "Sollen wir sportliche Erfolge über das Wohl eines ganzen Landes stellen?", fragt er provokativ. Seine drei Mitdiskutanten sehen das anders. Die Diskussion auf dem Podium verläuft kontrovers, jeder kämpft vehement für seinen Standpunkt. Was man den Kontrahenten nicht anmerkt: Es sind gar nicht die eigenen Positionen, die sie vertreten. Sie wurden ihnen zugeteilt.

Alle Jahre wieder treten Jugendliche aus Mittel- und Osteuropa bei "Jugend debattiert international" an, um ihre deutschen Sprachkenntnisse unter Beweis zu stellen. Als die Organisatoren, unter anderem das Goethe-Institut, den Redewettbewerb 2007 ins Leben riefen, hatten sie dabei vor allem im Sinn, die demokratische Diskussionskultur mit Sprachförderung und Schüleraustausch zu verbinden. Das Konzept geht auf: Immer mehr Schüler melden sich für das Projekt an. Im Schuljahr 2012/13 gab es an 160 Schulen rund 1900 Teilnehmer; die 16 Finalisten trafen Mitte Oktober in Budapest aufeinander.

16 Jugendliche, acht Länder, eine Sprache

Finalist Dmytro auf dem Podium (Foto: DW/Michael Münz)

Dmytro aus der Ukraine träumt von einer Ausbildung in Deutschland

"Ich weiß gar nicht, warum meine Eltern damals entschieden haben, mich auf das deutsche Gymnasium in Tschernowitz zu schicken", erzählt Dmytro in perfektem Deutsch. "Aber jetzt weiß ich - es war eine der wichtigsten Entscheidungen in meinem Leben." Denn längst hat der junge Ukrainer konkrete Zukunftspläne: Er will in Deutschland Medizin studieren und dort auch als Arzt praktizieren. "Mir gefällt, dass das Niveau der Wissenschaft hoch ist und man darum einen guten Abschluss machen kann." Um den zu erlangen, schafft er jetzt schon die Grundlagen.

Die Teilnahme an "Jugend debattiert international" gehört sicher mit dazu. "Meine Lehrerin hat mich irgendwann gefragt, ob ich mich nicht beteiligen will", erzählt Dmytro. Erst habe er gezweifelt, ob debattieren - und dann auch noch in einer Fremdsprache - etwas für ihn sei. Aber Runde für Runde hat er gewonnen und ist dann tatsächlich ukrainischer Landessieger geworden.

Beim Finale in Budapest trifft er auf die Konkurrenz aus Estland, Lettland, Litauen, Polen, Russland, Tschechien und Ungarn. Doch von misstrauischer Spannung keine Spur, die Atmosphäre ist locker und freundschaftlich. Die 16- bis 19-Jährigen erhalten Rhetorik-Tipps und üben sich in politischen Debatten. Vor allem aber lachen und reden sie miteinander - in deutscher Sprache.

Vier Finalisten udn die Organisatoren stehen auf der Bühne (Foto: DW/Michael Münz)

Beim Finale wurden Gewinner gekürt und Freundschaften geschlossen

Mit Rammstein nach Rostock

Aus dem polnischen Stettin ist Justina angereist. Sie erinnert sich noch gut an ihre erste Begegnung mit der deutschen Sprache: "Als kleines Kind habe ich ein Musikvideo von Rammstein im Fernsehen gesehen und gedacht, dass mir die Sprache gefällt", lacht sie, und so hat Justina zwölf Jahre lang in der Schule Deutsch gelernt. Mit einer Fremdsprache habe sie auf jeden Fall bessere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt, ist sie überzeugt.

Justina wurde 2012 Vierte bei "Jugend debattiert international", dieses Jahr sitzt sie in der Jury. Inzwischen studiert sie Musik in ihrer Heimatstadt. Sie setzt aber darauf, dass sie mit dem Erasmus-Programm einen Studienplatz in Rostock bekommt und dann dort bleiben kann. Schon jetzt fährt sie häufig nach Deutschland. "Nicht immer der Kultur wegen, manchmal auch zum Shoppen", lacht sie etwas verlegen. Wenn Justina wirklich nach Rostock ziehen sollte, ist eines sicher mit dabei: ihr Rammstein-Poster. "Das hängt tatsächlich immer noch in meinem Zimmer."

"Man muss Deutsch denken "

Teilnehmer des Wettbewerbs 'Jugend debattiert international' in Budapest, in der Bildmitte Jan aus Polen, (Foto: Goethe-Institut)

Jan aus Polen (Mitte) war gut vorbereitet - und schied trotzdem im Halbfinale aus

Auch Jan will in Deutschland studieren. Dem 16-Jährigen aus Polen wurde die deutsche Sprache "in die Wiege gelegt", sagt er. Seine Mutter, eine studierte Germanistin, arbeitet im Goethe-Institut in Krakau und brachte ihm deutsche Filme und Musik mit. Trotz aller Vorkenntnisse ist Jan im Halbfinale ausgeschieden. "Sollen in Europa Empfänger von staatlichen Stipendien verpflichtet werden, nach dem Studium eine gewisse Zeit im eigenen Land zu arbeiten?", lautete das Debattenthema, das ihm offenbar kein Glück gebracht hat. Dabei hatte er sich gut vorbereitet: im Internet recherchiert, Zahlen rausgesucht. Aber das Wichtigste sei ohnehin, Deutsch nicht nur zu sprechen, sondern Deutsch zu denken, um bei dem Wettbewerb weiter zu kommen.

Dass Jan im Halbfinale keinen Erfolg hatte, trägt er mit Fassung. Nur wenige Stunden nach seinem Ausscheiden schaut er schon wieder nach vorne: "Ich überlege, in Mainz oder Heidelberg Jura zu studieren." Aber noch hat er ein Jahr Zeit, bevor er sich entscheiden muss.

Lieblingswort mit 38 Buchstaben

Siegerin Dominika aus Tschechien (Foto: Goethe-Institut)

Die 17-jährige Dominika aus Tschechien debattierte sich auf den ersten Platz

Die Redezeit im Finale ist inzwischen abgelaufen. Die Jury hat sich zur Beratung zurückgezogen. Dmytro wartet nervös auf das Ergebnis, findet aber schon jetzt, dass sich die Teilnahme gelohnt hat: "Ich bin froh, so viele tolle Leute kennengelernt und mit ihnen debattiert zu haben." Am Ende wird er nur Vierter, Siegerin wird die 17-jährige Dominika aus Prag. Dmytro ist sichtbar enttäuscht, dass er bei allem Engagement nicht besser abgeschnitten hat. "Engagement" ist übrigens eines seiner Lieblingswörter in der deutschen Sprache, "weil es für Deutsch nicht so typisch ist". Und noch ein zweites Wort hat es ihm angetan. Aber um das aussprechen zu können, muss er zunächst sein Mobiltelefon rausholen, dort hat er es gespeichert. "Hottentottenpotentatentantenattentäter", liest er langsam vor: Es ist das erste deutsche Wort, das Dmytro in Budapest wirklich schwer über die Lippen kommt.

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