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Deutschlehrer-Info

Spaß am Streit fördert die Demokratie

Freie Meinungsäußerung will gelernt sein, wenn sie im eigenen Heimatland noch Neuland ist. Mehr als 2.300 Schüler aus Mittel- und Osteuropa nahmen 2011 am Wettbewerb "Jugend debattiert international" teil.

Das Finale von Jugend debattiert international in der Technischen Universität in Kiew

Nur eine(r) kann gewinnen

Das Museum gleicht einem Mahnmal. Die Bilder an den Wänden dokumentieren eine Katastrophe – genau genommen die größte atomare Katastrophe, die Europa je erlebt hat: Tschernobyl 1986. Ein Videofilm zeigt die schrecklichen Auswirkungen der Explosion des Atomreaktors in der ukrainischen Stadt Tschernobyl: leere Geisterstädte; Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten; Kinder, die an Krebs erkrankten.

 

Der Eingang zum Tschernobyl-Museum in Kiew.

Gedenken an Tschernobyl: das Museum in Kiew

 

Doch nicht alle Teilnehmer des Finales " Jugend debattiert international" haben an diesem Morgen im Oktober die Zeit für einen ausgedehnten Besuch der Gedenkstätte. Einige sind lieber etwas länger im Hotelbett geblieben, statt sich die Gründe und Folgen des nuklearen Gaus erklären zu lassen. Kein Auge haben sie in der Nacht davor zu bekommen. Die Aufregung vor der eigenen Rede war zu groß. Aber gleich müssen sie alle bei klarem Verstand sein.

 

Auch Vytautas Jankauskas aus Litauen ist erst gegen drei Uhr nachts eingeschlafen und daher morgens nicht mit ins Museum gefahren. "Es ist auch wichtig, gut zu schlafen. Zu viel zu wissen ist auch nicht immer gut", sagt der 18-Jährige. Obwohl es in der Finaldebatte um den Ausstieg aus der Atomenergie gehen wird, hat Vytautas auf die dafür sicher hilfreichen Eindrücke aus dem Museum verzichtet. Jetzt muss er sich erstmal auf das Halbfinale vorbereiten.

 

"Besser vorbereitet als die Muttersprachler"

 

Einen Platz in der Schlussdebatte müssen sich die Teilnehmer in der Woche in Kiew erst noch erstreiten. Von den 16 jungen Frauen und Männern werden am Ende nur vier hinter den Rednerpulten stehen. Und davon ist Vytautas nur noch eine Debatte entfernt. Am Abend weiß er, dass seine Entscheidung richtig war. Er gehört zu den vier Finalisten. Einen Nachteil gegenüber Aleksander Brzozowski aus Polen, Maria Melnikova aus Russland oder Annett Lymar aus Estland hat er nicht. Auch sie waren nicht im Museum.

 

Dennoch sind sie alle gut vorbereitet. "Sie wissen, dass sie die deutsche Sprache vielleicht in letzter Hinsicht nicht wie Muttersprachler beherrschen und sind dadurch noch fleißiger", sagt Ansgar Kemmann von der Hertie-Stiftung, einer der Veranstalter des Wettbewerbs. Er leitet " Jugend debattiert" in Deutschland. Die deutschen Schüler seien manchmal etwas nachlässiger, wenn es um die Vorbereitung der Themen gehe.

 

Deutsch vom Kindergarten bis zur Uni

 

Die meisten Teilnehmer in Kiew sprechen fließend Deutsch. Viele lernen die Sprache bereits seit dem Kindergarten, sie waren schon in Deutschland, lesen in ihrer Freizeit deutsche Literatur oder hören deutsche Musik. Fast alle möchten an einer deutschen Uni studieren.

 

Gruppenfoto aller Teilnehmer mit dem deutschen Botschafter in Kiew

Dabei sein ist schon ein Gewinn für die Debattanten

 

Der Spracherwerb steht daher weniger im Mittelpunkt des Wettbewerbes. Ziel von " Jugend debattiert international" ist es vielmehr, die Demokratie zu fördern. Dazu sei die Fähigkeit, seine Meinung zu äußern und debattieren zu können, eine wichtige Grundlage, so die Veranstalter. "Die Jugendlichen aus Mittel- und Osteuropa wissen, welches Geschenk es ist, dass sie jetzt diese Möglichkeit haben. Die Deutschen haben es manchmal vergessen", sagt Kemmann.

 

 

Strahlende Gewinnerin kommt aus Estland

 

Diese Freude am Streitgespräch wird schließlich auch im Finale deutlich, in dem die vier Teilnehmer in zwei Gruppen eingeteilt werden – Befürworter und Gegner des Atomausstiegs. Annett vertritt gemeinsam mit Vytautas die Pro-Seite. Ruhig und sachlich trägt   sie die Argumente für ein Ende der Atomenergie vor. Die Gegenseite hört gelassen zu. Aleksander und Maria notieren sich Stichpunkte, um dann angemessen zu reagieren und eigene Argumente vorzubringen.

 

Die vier Finalisten von Jugend debattiert international während der Finaldebatte

Annett, Vytautas, Aleksander und Maria sind im Finale

 

Nach knapp 20 Minuten ist die Debatte beendet. Die Vorsitzende der Jury verkündet nach einer Beratungspause das Ergebnis. Für die Bewertung sind vier Kriterien ausschlaggebend: Sachkenntnis, Ausdruckvermögen, Überzeugungskraft und Gesprächsfähigkeit. Über grammatikalische Fehler wird hinweg gesehen.

 

Die   Jury kommt zu dem Ergebnis, dass alle bezüglich der Sachkenntnisse "eine ganz tolle Leistungen gezeigt" haben. Eine jedoch sei dadurch aufgefallen, dass er im Verlauf der Debatte den besten Überblick gehabt habe, am Flexibelsten und am Schnellsten reagierte. "Das war für uns Annett", erklärt die Vorsitzende und kürt die Estin damit zur Siegerin des diesjährigen Finales. Annett geht sichtlich überrascht zur Bühne. Mit jedem Schritt sieht man, wie all die Anspannung der vergangenen fünf Tage nun von ihr abfällt. Auf der Bühne angekommen, strahlt sie.

 

„Je weiter nach Osteuropa, je größer die Zurückhaltung“

 

Zum fünften Mal wurde " Jugend debattiert international" nun in acht Länder der Region veranstaltet: den drei baltischen Staaten, Russland, Polen, Tschechien, Ungarn und der Ukraine. Veikko Frauenstein vom Goethe-Institut koordiniert das gesamte Projekt. Er war auch bei den Endrunden aller acht Länder dabei und hat die Finalisten während der fünf Tage begleitet. Jeder Teilnehmer bringe aus seiner Heimat eine andere Debattierkultur mit. "Je weiter man nach Osteuropa kommt, umso größer ist dann auch die Zurückhaltung", sagt er. Dennoch sehe er bei allen Debattanten mehr und mehr den Willen, die freie Meinungsäußerung zu lernen.

 

Annett kann dies nur bestätigen. Sie selbst fände es wichtig, dass jeder die Chance bekäme, seine Meinung frei zu äußern, ohne dafür diskriminiert oder verfolgt zu werden. Vytautas glaubt, dass man in seiner Heimat Litauen seine Meinung frei äußern könne. Sein Landsmann Martynas hingegen sieht Litauer ein bisschen weniger forsch: Lieber würden die schweigen, statt einem anderen zu nahe zu treten. Die Russin Maria Melnikova sagt angeblich immer ihre Meinung, egal welche Konsequenzen das hat.

 

Themenauswahl mit Diplomatie

 

Doch dass der freien Meinungsäußerung in vielen Ländern Mittel-und Osteuropas noch Grenzen gesetzt sind, spüren auch die Organisatoren von "Jugend debattiert international" . Daher wählen sie für die Debatten eher unverfängliche Themen. Auch wenn das ärgerlich sei, müsse das sein, sagt Frauenstein. "Wir müssen ja auch an unsere Schüler denken und auch diplomatisch damit umgehen."

 

Die Schüler haben unabhängig von den Themen ihren Spaß und werden für Wortgefechte bestens gerüstet. Daher ist für die meisten schon die Teilnahme an der Finalwoche in Kiew ein Gewinn.

 

 

Autorin: Janine Albrecht

Redaktion: Raphaela Häuser

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