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Deutschland

Spätfolgen der Deutschen Einheit

Warum gibt es im Osten Deutschlands mehr Anhänger für Protestbewegungen wie Pegida oder für die AfD? Unter anderem wegen negativer Erfahrungen nach der deutschen Vereinigung, sagt die Ostbeauftragte der Bundesregierung.

Iris Gleicke ist so etwas wie das offizielle Gesicht der Ostdeutschen in der Bundesregierung: Die 50-jährige SPD-Frau aus Thüringen ist die "Beauftragte für die neuen Bundesländer". Nach der Wende ging sie mit ihren Erfahrungen aus der DDR-Bürgerbewegung in die Politik und kämpft seitdem dafür, dass die Deutsche Einheit auch wirklich alle Bürgerinnen und Bürger mitnimmt. Ihre persönlichen Erlebnisse versteckt Gleicke dabei nicht hinter ihrem öffentlichen Amt - sie erzählt auch gerne von sich.

Sie habe es den Männern im Westen gezeigt, dass man als berufstätige Alleinerziehende beides - Karriere und Kind - gut hinbekommen könne, sagt sie, während sie in Berlin eine neue Studie vorstellt: "Deutschland 2014 - Sind wir ein Volk?"

Die Erfahrungen vieler Ostdeutscher nach der Wende könnten erklären, warum es im Osten ein - so die Studie - stärkeres Misstrauen gegenüber der Politik gebe. Das zeige sich in der - verglichen mit dem Westen - höheren Zustimmung zu politischen Protestbewegungen wie Pegida oder Parteien wie der AfD. Gleicke versteht auch, dass sich manche Ostdeutschen nicht wahrgenommen fühlen und auf "die da oben" schimpfen. Sie will damit allerdings nicht entschuldigen, wenn Ostdeutsche "braunen Rattenfängern auf den Leim gehen".

PEGIDA Demonstration in Dresden 09.02.2015 (Foto: AP)

Sachsens Landeshauptstadt Dresden ist zum Symbol für die Protestbewegung Pegida geworden

Verletzende Debatten

Ein gutes Beispiel dafür, wie solch eine Haltung entstehen könne, so Gleicke, sei die jüngste Diskussion über den "Unrechtsstaat DDR". Natürlich sei die DDR eine Diktatur gewesen. Aber das sei eine Aussage allein über das System und nicht über die Menschen, die darin gelebt haben. Diese nehmen nämlich sonst die Diskussion als "Entwertung der eigenen Biografie" wahr. "Dass meine eigenen Eltern anständige Menschen waren", das dürfe sie wohl sagen.

Auch bei den Lebensbedingungen sei vieles noch nicht gleich, betont Gleicke. Wenn öffentliche Debatten das ausblendeten, könnten Ostdeutsche nur den Kopf schütteln. Löhne, Alters- und Mütterrente: alle unterschiedlich in Ost und West, zählt Gleicke auf. Dass der in ganz Deutschland nun in Kraft getretene Mindestlohn in ganz Deutschland einheitlich sei, wertet sie als "überfälliges Signal".

Außerdem wirkten bei den Ostdeutschen die Erfahrungen mit der Treuhand-Gesellschaft nach. Die sollte die planwirtschaftlich gesteuerten DDR-Betriebe in die Marktwirtschaft überführen - tatsächlich sei sie in den 1990er Jahren aber zum "Synonym für Abwicklung und Absturz" geworden. Die Treuhand habe "nicht nur Fehler, sondern grandiose Fehlleistungen vollbracht", urteilt Gleicke.

Symbolbild Mindestlohn: Verkäuferin in der Filiale eines Backhauses im Landkreis Leipzig (Foto: dpa/picture alliance)

Gleich in Ost und West, auch für Bäckereiverkäuferinnen: Der Mindestlohn

Politisch nicht zu Hause

Mit ihren Einschätzungen steht sie nicht allein da. In der Sache stimmen ihr die Wissenschaftler aus dem Westen zu, die die Studie im Auftrag der Ostbeauftragten der Bundesregierung erstellt haben. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der deutschen Vereinigung haben sie in einer repräsentativen Telefonbefragung zwischen September und Oktober 2014 mit 2000 Personen gesprochen.

Es gebe Besonderheiten unter der Ostdeutschen, die Phänomene wie die AfD und Pegida indirekt erklären könnten. Die Forschung habe nämlich ergeben, dass Menschen in Ost und West ihre Lebensumstände ähnlich gut einschätzten. Aber sie verorteten sich politisch anders, sagt Richard Hilmer vom Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap. Außerdem trügen Ostdeutsche mittleren Alters ein größer empfundenes "Sorgenpaket zu den Themen Altersvorsorge, Kinder, Zuwanderung und Integration".

Skeptischer, kritischer, distanzierter

Fast drei Viertel der Westdeutschen, aber nur knapp die Hälfte der Ostdeutschen fühlten sich gegenwärtig in der Bundesrepublik "politisch zu Hause" - so benennt Studienleiter Everhard Holtmann ein weiteres Ergebnis der Umfrage. Und: 28 Prozent der Menschen im Osten hätten kein Vertrauen in die Demokratie. "Das sei das Potential, aus dem sich soziale Bewegungen bilden können", erklärt Oscar W. Gabriel von der Universität Stuttgart.

Die Sichtweise der Ostdeutschen sei "durchgängig skeptischer, kritischer und distanzierter", fasst Gleicke zusammen. Dennoch, darauf legt sie Wert, sei die Deutsche Einheit eine "gute und gelungene Entwicklung". Die Studie zeige, dass schon viel erreicht wurde, auch wenn Gleicke Defizite nicht beschönigen will - zum Beispiel, dass die Wirtschaftskraft im Osten noch lange nicht auf Westniveau liegt. Sie wünscht sich eine breite Debatte über die Frage "Sind wir ein Volk?", wie es im Titel der Studie heißt. Sie selbst will jetzt dafür kämpfen, dass bis 2019 das Rentenrecht in Ost und West vereinheitlicht wird, so wie der Koalitionsvertrag es festgelegt hat.

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