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Geschichte

Spätes Gedenken an Trostenez

Jahrzehntelang herrschte hier Schweigen über die Gräueltaten der Nazis. Jetzt soll das größte NS-Todeslager auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR gleich zwei Gedenkstätten bekommen. Auch mit deutscher Hilfe.

Foto von Holocaust-Opfer an Baumstämmen im Wald von Blagowschina. (Foto: DW/Olga Kapustina)

Wald von Blagowschina

Zehn Kilometer südöstlich von Minsk entfernt führt eine schmale Seitenstraße von der stark befahrenen Mogiljower Chaussee zum Wald von Blagowschina - einem der größten Schauplätze von Massenmorden während des Zweiten Weltkriegs in Osteuropa. Der Weg endet abrupt, ein unheimliches Bild entsteht vor den Augen der wenigen Besucher, die sich hierhin begeben: Unzählige weiße und gelbe Zettel mit den Namen der Ermordeten darauf sind an den Bäumen festgenagelt. Pappelflaum tanzt in der Luft. Kieferkronen bewegen sich im Wind. Vögel zwitschern. Der Himmel über Trostenez ist wolkenlos. Für 150.000 Juden aus Belarus, Österreich, Deutschland und Tschechien war diese Natur der letzte Anblick in ihrem Leben.

"Die Menschen wurden mit Zügen und Autos hierher gebracht. Ihnen wurden die Wertsachen abgenommen, Quittungen dafür gegeben. Bis zum letzten Moment sollte der Anschein der Umsiedlung an einen neuen Arbeitsort gewahrt werden", berichteten Augenzeugen der sowjetischen Außerordentlichen Staatskommission im Jahr 1944. Die hierher deportierten Juden, wie jene aus dem Minsker Getto, wurden am Rande einer großen Grube durch Genickschüsse ermordet. Traktoren machten die Leichenberge dem Boden gleich. 34 solcher Gruben gab es. Heute erinnert daran ein 70 Zentimeter großer Gedenkstein. In der Nähe befindet sich ein Müllabladeplatz. Das ewige Feuer - das sowjetische Gedenkzeichen für NS-Opfer, das im Jahr 1963 drei Kilometer vom Erschießungsort entfernt errichtet wurde, brennt nicht mehr.

Gedenkstein in Blagowschina mit der Inschrift: An diesem Ort vernichteten die deutsch-faschistischen Besatzer 1941-1943 mehr als 150.000 sowjetische Kriegsgefangene, Minsker Untergrundkämpfer, Partisanen aus der ganzen Republik, Bürger aus verschiedenen Ecken der Republik, Juden aus dem Minsker Getto und vielen Ländern Europas. (Foto: DW/Olga Kapustina)

Inschrift auf dem Gedenkstein in Blagowschina: "An diesem Ort vernichteten die deutsch-faschistischen Besatzer 1941-1943 mehr als 150.000 sowjetische Kriegsgefangene, Minsker Untergrundkämpfer, Partisanen aus der ganzen Republik, Bürger aus verschiedenen Ecken der Republik, Juden aus dem Minsker Ghetto und vielen Ländern Europas."

Nun soll eine Gedenkstätte, vom Minsker Architekten Leonid Lewin entworfen und mit Hilfe deutscher Gelder finanziert, ein angemessenes Gedenken an diesem Tatort des Holocaust ermöglichen.

"Die Pforte der Erinnerung"

Auf der anderen Seite der Mogiljower Chaussee, wo sich während der NS-Zeit das Gut Maly Trostenez befand, soll im Auftrag der Stadt Minsk eine neue Gedenkstätte entstehen. Dort richteten die Nationalsozialisten im April 1942 ein Lager ein, um den Verpflegungsbedarf ihrer Truppen zu decken. "Arbeitsfähige" Juden und Zwangsarbeiter aus den umliegenden Dörfern wurden bei der landwirtschaftlichen Produktion eingesetzt. Wenige hundert Meter vom Gut, im Wald von Schaschkowka, befand sich eine Verbrennungsgrube, in der mehr als 50.000 Menschen verbrannt wurden. Kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee in Minsk, Ende Juni 1944, wurden bis zu 6.000 Häftlinge in einer Scheune erschossen und anschließend angezündet. An beide Orte erinnern heute Obelisken als Gedenksteine.

Auch auf der 60 Hektar großen Fläche soll eine weitere neue Gedenkstätte entstehen. "Das Interesse gab es schon lange. Aber erst vor drei Jahren haben wir den Auftrag und die Finanzierung bekommen", sagt die Leiterin des Minsker Instituts für Landschaftsgestaltung, Anna Aksjonowa gegenüber der Deutschen Welle. Sie betont: Es sei spät, aber besser als nie. "Immer weniger Zeitzeugen sind noch am Leben, von Jahr zu Jahr wird es schwieriger, Informationen zu bekommen. In zehn Jahren wäre es wohl zu spät", sagt Aksjonowa. In wenigen Wochen sollen die Bauarbeiten auf dem Gelände des früheren Guts beginnen. Das zentrale Element des Ensembles bildet das dreieckige Mahnmal "Die Pforte der Erinnerung". Laut dem Architekten Konstantin Kostjutschenko steht das Dreieck für Spannung, Verschlossenheit, Freiheitslosigkeit in Raum und Zeit, aber auch für Ewigkeit und Andenken.

Entwurf des Mahnmals Die Pforte der Erinnerung, das am Ort des ehemaligen NS-Todeslagers in Trostenez bei Minsk (Weißrussland) errichtet wird. (Foto: IBB)

So soll "Die Pforte der Erinnerung" auf dem ehemaligen Gelände von Maly Trostenez einmal aussehen

"Der Weg des Todes"

Der Architekt und Künstler Leonid Lewin nähert sich dem Thema Krieg auf philosophische Art und Weise. In seinem Entwurf "Der Weg des Todes" für den Wald von Blagowschina greift der 76-jährige das Paradox des Krieges auf. "Während in anderen Ländern Menschen Kaffee tranken und ins Kino gingen, erschossen Männer hier wehrlose Frauen, Kinder und Alte. Für diejenige, die den Himmel zum letzten Mal sahen, war unbegreiflich, warum sie sterben mussten", sagt Lewin der DW. Das Leben dieser Menschen sei auf den Kopf gestellt worden.

Leonid Lewin, Architekt aus Minsk, hat die neue Gedenkstätte in Trostenez entworfen (Foto: DW/Olga Kapustina)

Architekt Leonid Lewin

Auf dem 500 Meter langen Weg zum Erschießungsort sollen die Besucher stilisierte Eisenbahnwaggons passieren, an denen die Namen aller Opfer zu lesen sind. Im Wegverlauf stehen Skulpturen, die die Umkehr alles Vorherigen verdeutlichen sollen: auf dem Dach stehende Häuser, umgekippte Menorot (jüdische Kerzenleuchter), mit den Wurzeln nach oben gedrehte Bäume. Der Weg endet auf einem leeren, schwarzen Platz - dem Erschießungsort. "Das Mahnmal soll die Besucher möglichst tief berühren. Das Schlimmste wäre, wenn es einen gleichgültig lässt", sagt Lewin.

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinden in Belarus hat die Erinnerung an den Krieg zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Leonid Lewin war noch ein Kind, als die Deutschen in Minsk einmarschierten. So ganz genau könne er sich daran nicht erinnern, doch manche Bilder hätten sich in sein Gedächtnis eingebrannt, sagt er: Wie die Mutter die Koffer einpackte, wie sie in der Evakuierung in Kirgisien an Hunger starb, wie er von einer Familie aufgenommen wurde, wie der Sieg kam und sein Vater von der Front zurückkehrte.

Modell des Entwurfs „Der Weg des Todes“ von Leonid Lewin (Foto: IBB / Evgenij Pomytkin)

"Der Weg des Todes": Der Entwurf von Leonid Lewin. Er soll mit deutscher Unterstützung realisiert werden.

Deutsche Unterstützung

Für eine zügige Realisierung und die Sicherstellung einer Grundfinanzierung des Projekts von Lewin sorgt vor allem das Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) in Dortmund und Minsk. Auch Bundespräsident Joachim Gauck zeigte bereits sein Interesse an der Initiative zur Errichtung der Gedenkstätte. Das Auswärtige Amt und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sollen die Finanzierung ermöglichen. Die Unterstützer aus Deutschland wünschen sich, dass die Gedenkstätten auf beiden Seiten der Chaussee nicht miteinander konkurrieren, sondern einander ergänzen.

Mitte Juni reiste der Geschäftsführer des IBB Dortmund, Peter Junge-Wentrup, aus diesem Grund nach Minsk. Er kam erleichtert zurück. "Ich bin sehr froh, dass die Stadt Minsk bereit ist, den Entwurf von Lewin in die bisherige Planung für die Gedenkstätte in Trostenez aufzunehmen", sagt er. Die entsprechenden Beschlüsse sollen bis Herbst gefasst sein. Im September 2013 wird das Projekt in den deutschen Städten vorgestellt, aus denen Juden nach Minsk deportiert wurden: Berlin, Hamburg, Bremen, Düsseldorf, Köln und Frankfurt. Peter Junge-Wentrup hofft, dass im nächsten Sommer, 70 Jahre nach der Befreiung von Belarus, der Grundstein für die Gedenkstätte "Der Weg des Todes" gelegt wird.

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