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Politik & Gesellschaft

Später Freispruch für Spaniens Gurke

Spanische Gurken sind doch nicht für den Ausbruch der EHEC-Seuche verantwortlich. Dieser Freispruch kommt für die iberischen Bauern allerdings reichlich spät: Sie können ihre Feldfrüchte kaum mehr in Europa verkaufen.

Gurkenscheiben (Foto: Fotolia)

Unschuldig, aber nicht unbedenklich: Die Gurke

Die Spanier geben dem deutschen Krisenmanagement die Schuld dafür, dass der Absatz ihrer Gurken und Tomaten in Europa fast zum Erliegen gekommen ist. Seitdem in Hamburg EHEC-Erreger auf Gurken aus dem Süden Spaniens entdeckt worden waren, hatten immer mehr EU-Länder ihre Grenzen für spanisches Gemüse geschlossen und die Landwirtschaft des Landes in ihre schlimmste Krise der jüngeren Geschichte gestürzt. Tonnenweise mussten frisch geerntete Feldfrüchte geschreddert, untergepflügt oder auf den Müll geworfen werden. Die Branche beziffert die Verluste der Gemüsebauern auf bis zu 200 Millionen Euro pro Woche.

Am Dienstag (31.05.2011) räumte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks ein, dass die auf spanischen Gurken entdeckten EHEC-Erreger offenbar nicht für die Erkrankungswelle im Norden Deutschlands verantwortlich waren. Dies habe eine Laboruntersuchung bei zwei von drei sichergestellten spanischen Gurken ergeben.

Keine Entwarnung für die Verbraucher

Damit liege die Quelle der lebensgefährlichen Erkrankungen nach wie vor im Dunkeln, sagte die Gesundheitssenatorin. In Hamburg waren vergangene Woche auf drei spanischen Gurken sowie einer Gurke unbekannter Herkunft EHEC-Erreger entdeckt worden. Allerdings konnte der EHEC-Typ erst jetzt identifiziert werden. Und seitdem ist klar: Die Bakterienstämme auf dem spanischen Gemüse stimmen nicht mit dem Typ O104 überein, der zu dem lebensbedrohenden Hämolytisch-Urämischen Syndrom (HUS) führt. HUS ist eine schwere Komplikation bei EHEC-Kranken, die schlimmstenfalls zu Blutveränderungen und Nierenversagen führt.

Ein Mitarbeiter eines Bio-Supermarktes sortiert Gemüse in ein Regal (Foto: dpa)

Derzeit schwer verkäuflich: Frischer Salat und rohes Gemüse

Den Freispruch für die spanischen Gurken wollte Prüfer-Storcks jedoch keinesfalls als Entwarnung verstanden wissen: Die belasteten Gurken seien in jedem Fall nicht ungefährlich, da sie einen EHEC-Erreger trügen, sagte die Chefin der Hamburger Gesundheitsbehörden. Auch die offizielle Verzehrwarnung sei richtig, denn der Schutz von Leben müsse wichtiger sein als wirtschaftliche Interessen. Damit gilt weiterhin der dringende Rat des Robert-Koch-Instituts (RKI), vor allem in Norddeutschland vorsichtshalber keine rohen Gurken, Tomaten oder Salat zu essen.

Diplomatische Verstimmungen und Handelsstreit

In Spanien hält man den "Boykott" spanischer Gurken und Tomaten nicht nur für ungerechtfertigt, sondern auch für einen Verstoß gegen EU-Regeln. "Deutschland ist das stärkste Land in der EU, aber es darf nicht nach Lust und Laune vorgehen", meint der Ministerpräsident von Andalusien, José Antonio Griñán. Die spanische Agrarministerin Rosa Aguilar schlägt in dieselbe Kerbe: "Wir sind enttäuscht von der Art, wie Deutschland mit dieser Krise umgegangen ist", sagte sie und kündigte an, auf EU-Ebene Entschädigungen für alle europäischen Landwirte zu verlangen, die wegen EHEC Verluste haben. Niemand habe sich in ihrem Land direkt mit EHEC infiziert. Dies zeige, dass die Ursache auch woanders liegen könne. Spanien fordert, dass der komplette Handel mit seinem Gemüse sofort wieder aufgenommen werden müsse.

Die "Gurkenkrise" löste nicht nur diplomatische Verstimmungen aus, sondern auch einen Handelsstreit. So wirft Spanien anderen EU-Staaten vor, die Krise nur als Vorwand zu nutzen, um die eigenen Bauern vor unliebsamer Konkurrenz aus Spanien zu schützen. "Wir haben erfahren, dass Frankreich auch spanische Pfirsiche an der Grenze zurückweist", berichtete die andalusische Agrarministerin Clara Aguilera. Der Export von Pflaumen, Heidel- und Himbeeren aus Spanien stoße ebenfalls auf Hindernisse.

Schnelltest soll die Suche erleichtern

Die Suche nach der EHEC-Infektionsquelle muss nun wieder bei Null beginnen. Hamburgs Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks sagte, im Hygiene-Institut der Hansestadt würden auch etliche andere Lebensmittel untersucht. Möglicherweise hilft dabei ein neuer Schnelltest aus Münster, der den lebensgefährlichen Darmkeim innerhalb weniger Stunden nachweisen kann - sowohl bei Menschen als auch auf Gemüse. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin hat ein spezifisches Erkennungssystem für den aktuellen EHEC-Keim in Lebensmitteln entwickelt. Diese Tests sollen helfen, die Quelle für die Infektionen mit dem EHEC-Stamm O104 aufzudecken und die risikobehafteten Lebensmittel schnell aus dem Markt zu nehmen.

Die Zahl der Todesopfer in Deutschland liegt inzwischen bei 15 - davon sind 13 Frauen.

Autor: Rolf Breuch (afp, dapd, dpa, rtr)
Redaktion: Julia Elvers-Guyot

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