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Filme

Später Erfolg: "Heimat"-Regisseur Edgar Reitz wird 85

Mit seinem "Heimat"-Epos läutet Edgar Reitz 1984 eine Zeitenwende im deutschen Film ein. Von da an wird Geschichte im Kino anders erzählt. Aber der Regisseur war nicht nur glücklich mit seiner Vorreiterrolle.

Es sei regelrecht zur Mode geworden, mit dem Begriff "Heimat" alle möglichen Tagungen zu bestreiten, beklagte sich Edgar Reitz mal in einem Gespräch mit der Deutschen Welle. Es sei unglaublich, wer sich auf einmal alles auf den Begriff "Heimat" beziehe: "Industrieverbände, kirchliche Institutionen, Firmen, die Regionalwerbung machen, regionale Tourismus-Verbände, aber auch ambitionierte literarische Unternehmen wie Literaturhäuser und dergleichen", so Reitz konsterniert.

Zeitweise als Heimat-Experte genervt

Als Reitz das 2009 sagte, lag sein mehrteiliges Filmepos "Heimat", mit dem er bekannt wurde, schon ein Vierteljahrhundert zurück. Seit der Premiere im Jahre 1984 war der Regisseur zu einem gefragten Gesprächspartner geworden: "Alle wollen sie mich immer dafür haben, alle laden sie mich ein, als wäre ich der große Heimatexperte", beklagte Reitz. Dabei handele es sich ja eigentlich nur um den Titel seines Films: "Die Filme sind nun wirklich nicht gemacht worden, um diesen Begriff zu illustrieren." Fast schien es, als ob der weltweite Erfolg, der über Reitz im Anschluss an die "Heimat"-Premiere wie eine Welle hereinbrach, zu einem Fluch geworden war.

Heimat Filmstill Edgar Reitz mit Marita Breuer als Maria Simon (picture-alliance/Mary Evans Picture Library)

Maria Simon (Marita Breuer) ist die zentrale und episodenübergreifende Hauptfigur in "Heimat"

Rückblick: Die Filmfestspiele in Venedig hatten 1984 den deutschen Regisseur eingeladen, um seine gerade fertig gewordene Serie "Heimat" zur Welturaufführung zu bringen. Das allein war schon ungewöhnlich. "Heimat" war ursprünglich fürs Fernsehen produziert worden. Die Festivalmacher hatten erkannt, dass die elf Teile der "Heimat" viel mehr waren, als eine gut gemachte TV-Serie über deutsche Geschichte. Das mehrstündige Epos war auch für die große Leinwand geeignet. Die Uraufführung in der Lagunenstadt geriet zum Triumph - für den Regisseur, aber auch für das bundesdeutsche Kino. 

Fassbinder, Wenders und Herzog waren die Stars

Der Leitwolf des Neuen Deutschen Films, Rainer Werner Fassbinder, war zwei Jahre zuvor gestorben. Volker Schlöndorff hatte 1980 für "Die Blechtrommel" den Oscar gewonnen. Ein paar Monate vor Venedig hatte Wim Wenders in Cannes die Goldene Palme für "Paris, Texas" bekommen. Werner Herzog konnte 1982 mit seinem Südamerika-Epos "Fitzcarraldo" einen Welterfolg feiern. Das deutsche Kino ritt auf einer Erfolgswelle und war in aller Munde. In Venedig wurde der Filmwelt bewusst, dass es da offenbar noch einen weiteren bedeutenden Regisseur gab: Edgar Reitz.

Mahlzeiten, Film von Edgar Reitz, Szene mit mehreren Leuten am Tisch (picture-alliance/United Archives)

Ein Hauch von '68, aber auch Pessimismus: Reitz' Debüt "Mahlzeiten" von 1966/67


Dabei hatten die Wenigsten mit dieser Wiedergeburt des Regisseurs Reitz gerechnet. Bei Cineasten war er bekannt, schließlich gehörte der gebürtige Hunsrücker zu den Unterzeichnern des berühmten "Oberhausener Manifests", das 1962 eine Revolution im deutschen Kino eingeleitet hatte. Doch mit seinen Filmen in den '60 und '70er Jahren hatte Edgar Reitz wenig Glück. An den Kinokassen waren viele gescheitert und auch künstlerisch stand Reitz im Schatten der erfolgreichen Kollegen Fassbinder, Wenders und Herzog.

Erst kein großes Publikum für "Heimat"

Dass Edgar Reitz 1984 also zum stillen Star des deutschen Kinos aufsteigen sollte, damit war damals nicht zu rechnen. Als zu sperrig und zu verkopft galten Reitz' frühen Filme: sein düsteres Debüt "Mahlzeiten", seine Filme zur deutschen Nachkriegsgeschichte "Reise nach Wien" oder "Stunde Null". Das ambitionierte und teure Projekt "Der Schneider von Ulm" war 1978 ein großer Flop an den Kassen und hatte den Regisseur in eine tiefe Sinnkrise gestürzt.

Filmszene Der Schneider von Ulm, von Edgar Reitz mit Hannelore Elsner und Thilo Prückner (picture-alliance/United Archives/IFTN)

Teuer, aber ein Flop an den Kinokassen, der Reitz in die Sinnkrise stürzte: "Der Schneider von Ulm" (1978)

Mit "Heimat" erfand sich der Regisseur noch einmal neu. "Heimat" wurde Mitte der 1980er Jahre zu weit mehr als nur einem bedeutenden Fernseh- und Kinoereignis. Die erfolgreiche TV-Reihe "Heimat" stieß eine breite gesellschaftliche Debatte an, an der sich zahlreiche Intellektuelle beteiligten. Und sie führte zu einer Neudefinition des Heimat-Begriffs in Deutschland.

Reitz brachte es später auf den Punkt: "Das Wort 'Heimat' an sich ist unschuldig. Dass reaktionäre Volkstümler oder die Nazis dieses Wort benutzt haben, darf uns nicht abschrecken. Im Gegenteil: Warum sollte man es ihnen überlassen?" Man könne den Begriff nicht einfach als ideologisch abtun, fand Reitz: "Dieses Wort bezeichnet eine Realität, eine reale Erfahrung. Es ist in jedem Menschenleben verschieden. Manch einer hat sich sehr weit entfernt oder muss erst Umwege gehen, doch ohne ein Verhältnis zu einer Heimat findet er keine Identität."

Filmisches Konzept einer "Geschichte von unten"

Was Jahre später als "Geschichte von unten" populär geworden sei, so der Reitz-Biograf Thomas Koebner, habe der Regisseur damals vorgemacht: "Reitz rekonstruiert nicht die an den Akten und Entscheidungen des Regierungshandelns ablesbare Historie (…), sondern ersinnt einzelne Lebensläufe (…): gekennzeichnet durch Jugend und Alter, Fremd-Selbstbestimmung, Aktivität und Passivität, Einsamkeit und Geselligkeit."

Edgar Reitz, deutscher Regisseur 1991 (Imago/teutopress)

Edgar Reitz, 1991, in dem Jahr bevor "Die zweite Heimat" in die Kinos und ins Fernsehen kam

In der ersten Staffel der "Heimat" erzählt Reitz die Geschichte einer Familie in dem kleinen fiktiven Hunsrück-Dorf Schabbach. Man sieht nicht Hitler oder Goebbels in Nürnberg und Berlin aufmarschieren, sondern erlebt nur die Reaktionen der Dorfbewohner auf diese Ereignisse in der Ferne. In den 13 Teilen der zweiten Staffel, "Die zweite Heimat - Chronik einer Jugend" (1992), greift Reitz die deutsche Geschichte der '60er und '70er Jahre auf, der Zuschauer erlebt nicht die Aktionen der Baader-Meinhof-Gruppe in Frankfurt und Berlin, sondern wieder nur die Reaktionen auf diese Ereignisse aus der Perspektive einer Handvoll Münchner Studenten.

Geschichte der "kleinen" Leute?

Geschichte ist bei Reitz nicht die pure Abbildung vermeintlich historischer und gesellschaftlicher Höhepunkte, sondern die Darstellung der Lebenswirklichkeit ganz normaler Menschen. Im Rückblick auf das letzte Jahrzehnt deutscher Film- und Fernsehgeschichte wird dieser ästhetische Anspruch eklatant deutlich. In zahlreichen deutschen Filmen späterer Jahre wurde Historie meist auf ein plakatives Ereignis reduziert: "Event"-Fernsehen ist ein noch heute viel genutztes Schlagwort.

Reitz im Schneideraum mit Teammitgliedern bei der Sichtung von Material zu Die zweite Heimat (picture-alliance/United Archives)

Reitz im Schneideraum mit Teammitgliedern bei der Sichtung von Material zu "Die zweite Heimat"

Deutsche Film-Produzenten wie Bernd Eichinger ("Der Baader-Meinhof-Komplex") oder sein TV-Kollege Nico Hoffman drehten viele dieser typischen Event-Movies ("Der Tunnel", "Dresden", "Die Flucht" etc.). Meist zeichneten sie sich durch eine oberflächliche Melodramatik aus: Geschichtskino und -fernsehen, leicht verdaulich, und kaum zum Kern der Dinge vordringend. Erst in den letzten Jahren zeichnet sich wieder ein gegenteiliger Trend ab.

Aufsplitterung in viele Nebenschauplätze

Edgar Reitz setzte mit seiner Herangehensweise damals andere Schwerpunkte. Er hat keine Filme über politische Figuren, wie Hitler oder Goebbels inszeniert, sondern über private Schicksale von Müttern und Töchtern im Hunsrück, über Studenten in München: "Niemals kann eine Figur den ganzen Raum für sich beanspruchen, denn das würde sie wieder zum dramatischen Instrument machen, das den anderen die Luft wegnimmt", beschrieb Reitz sein Konzept der Handlungs-Aufsplitterung in viele Nebenschauplätze.

Die andere Heimat Filmstill, Edgar Reitz, mit Planwagen und Menschen bei der Auswanderung (picture-alliance/Concorde Filmverleih/C. Lüdeke)

2012 schuf Reitz mit dem 230-Minuten-Film "Die andere Heimat" noch einmal ein Meisterwerk

"Was mich interessierte, war das Nachzeichnen von Biografien, waren die Spuren der Menschen in ihrer historischen Zeit", so Reitz: "Immer ging es in 'Heimat' um die Freude des Wiedersehens und die Trauer des Abschiednehmens." Geschichte wurde bei diesem Regisseur auf zwingende und überwältigende Art nachvollziehbar. Gerade auch für ein aufgeschlossenes, jüngeres Publikum. Auch für die älteren Generationen, denen es 1984 um authentisches Erinnern ging, wurde die Fernsehreihe "Heimat" zur Offenbarung.

Reitz: "Heimat hat etwas mit Erinnerung und Kindheit zu tun..."

"Heimat ist etwas Verlorenes", sagt Reitz, "und hat mit Erinnerungen zu tun, mit Kindheit, mit den frühen Erfahrungen, die ein Mensch macht. Und ist etwas, was man als Erwachsener immer wieder auf eine sehnsüchtige Weise sucht." Edgar Reitz hat mit seinen Filmen nicht nur Kino- und Filmgeschichte geschrieben, sondern auch deutsche Kulturgeschichte. Als Regisseur ist er eine der prägenden Personen des öffentlichen Kulturlebens Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Jetzt feiert er seinen 85. Geburtstag.

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