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Kultur

Späte Enthüllungen

Herta Müller wehrte sich gegen eine Zusammenarbeit mit dem rumänischen Geheimdienst. Der Lyriker Werner Söllner nicht. Das hat er inzwischen öffentlich erklärt. Was ist dran und konnte man sich der Securitate entziehen?

Eine Lastwagenladefläche voller Akten des rumänischen Geheimdienstes Securitate (Foto: AP)

Eine Ladefläche voller Securitate-Akten

Werner Söllner ist nicht nur ein bekannter Lyriker, sondern leitet auch das Hessische Kulturforum. Sein Name kam im Zusammenhang mit der Securitate ins Spiel, als Richard Wagner, der frühere Ehemann von Herta Müller, seine Securitate-Akte einsehen konnte und darin Söllners Namen fand. Werner Söllner hat jetzt erklärt, er sei zur Kooperation mit der Securitate gezwungen worden. Er habe seinen Informanten aber nie geschadet. Wir haben darüber mit Rodica Binder aus der Rumänischen Redaktion der Deutschen Welle gesprochen.

dw-world.de: Frau Binder, glauben Sie Werner Söllners Darstellung?

Rodica Binder: Die einfache Tatsache, dass man mit der Securitate zusammengearbeitet hat, ist schon eine Schande. Nun war in jeder Organisation irgendjemand von der Securitate. Davor konnte man sich durchaus hüten. Gefährlich wurde es, wenn im Verwandten- und Freundeskreis jemand bereit war, diese schmutzige Tätigkeit zu übernehmen. Man muss aber wissen, dass die Securitate besonders die Intellektuellen im Visier hatte und ganz besonders jene, die im Westen gelobt wurden.

Hätte Söllner Nein sagen können?

Ja, genauso wie Herta Müller das getan hat. Allerdings hatte die Securitate ein ausgebautes System, unliebsame Bürger zu drangsalieren. Und sie hat auch Menschen umgebracht. Zum Beispiel wird vermutet, dass der Schriftsteller Rolf Bossert vom Geheimdienst ermordet worden ist.

Glauben Sie, dass Werner Söllner den früheren Ehemann von Herta Müller bespitzelt hat?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich war nicht dabei, als Söllner seine Erklärung abgegeben hat und ich kenne auch dass Securitate-Dossier nicht. Aber man muss klar sehen, dass Menschen mit Kontakt zum Westen deutlich mehr vom Geheimdienst beobachtet wurden. Letztlich ist es eine individuelle Frage, ob jemand dem Druck standhält oder nicht. Man muss sich auf jeden Fall seiner Tat bewusst sein, also dass es Verrat ist und dass man anderen Menschen damit schadet.

Die Schriftstellerin Eva Demski hält zu Söllner und hat gesagt, es gebe in diesem Emigrantenzirkel vermutlich keinen Engel mit schneeweißen Flügeln.

Die Sache ist sehr delikat. Die Dossiers sind nicht vollständig und man wird die Wahrheit vermutlich niemals vollständig erfahren. Die Securitate lebt weiter. Ihre Mitarbeiter können unbehelligt weiterleben. Darauf hat Herta Müller im Sommer ja noch einmal deutlich hingewiesen.

Aber ist es in der Diktatur unter Nicholae Ceausescu denn überhaupt möglich gewesen, eine weiße Weste zu behalten.

Ja, es gibt Menschen, die keine Kompromisse gemacht haben. Man könnte natürlich vermuten, dass jeder Mensch, der in der Diktatur nicht gestorben ist, irgendwie schuldig war, aber das ist nicht so. Ich kenne Menschen, die solche Kompromisse abgelehnt haben. Wenn man sagt, dass es ja gar keine weiße Weste hat geben können, ist das zu relativierend. Mit der Schuld muss jeder selbst umgehen. Für Werner Söllner war es eine große Last und sein Bekenntnis eine große Erleichterung. Zu so einem Eingeständnis gehört viel Courage.

Autor: Günther Birkenstock

Redaktion: Marlis Schaum