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Deutschland

Späte Einsicht und neue Herausforderung

Nach mehr als 50 Jahren hat sich der Arzneimittelhersteller Grünenthal endlich für den Skandal um das Beruhigungsmittel Contergan entschuldigt. Doch die Betroffenen fordern mehr als nur Worte.

Es sei eine späte Einsicht, doch Hubert Hüppe, Behindertenbeauftragter der Bundesregierung, begrüßt die Entschuldigung des Arzneimittelherstellers im Conterganskandal nach mehr als 50 Jahren. "Es wurde Zeit, aber es ist gut, dass sie es tun und sich endlich dazu bekennen, auch zu ihrer Schuld als Unternehmen", sagte er im DW-Interview. Für viele Betroffenen sei es im Nachhinein sicherlich gut, dass das Unternehmen die Schuld auf sich nehme und sich endlich entschuldigt habe.

Gegner des Denkmals für die Contergan-Opfer (Foto: dpa)

Demonstranten fordern die Firmeneigentümer, die Familie Wirtz, zum Umdenken auf

Weitaus reservierter reagierte der Bundesverband Contergangeschädigter. "Es ist deutlich geworden, dass man bedauert, was damals passiert ist", sagte seine Sprecherin Ilonka Stebritz gegenüber der Deutsche Welle. Dennoch entschuldige man sich kaum für die Herstellung des giftigen Medikaments. "Da verwendet die Firma Grünenthal nach wie vor die gleichen Worte wie immer", so Stebritz. "Das Wort Entschuldigung fällt erst, wenn es um die Kommunikation geht, die halt über 50 Jahre lang Schweigen darstellte."

Größter Arzneimittelskandal der Bundesrepublik

Anlässlich der Einweihung eines Denkmals für Contergangeschädigte in Stolberg bei Aachen hatte sich der Grünenthal-Geschäftsführer Harald Stock bei den Opfern des größten Arzneimittelskandals in der Geschichte der Bundesrepublik entschuldigt. In den 50er Jahren hatte die Firma Grünenthal das Beruhigungsmittel Contergan auf den Markt gebracht. Es war rezeptfrei erhältlich und richtete sich besonders an schwangere Frauen. Doch der Wirkstoff Thalidomid hatte schwere Missbildungen zur Folge. Weltweit kamen etwa 10.000 Kinder mit Fehlbildungen vor allem an Armen und Beinen zur Welt. Allein in Deutschland waren es rund 5000. Etwa 40 Prozent von ihnen starben bei oder kurz nach der Geburt. 1961 nahm Grünenthal das Medikament schließlich vom Markt, ohne je die eigene Schuld einzuräumen. Grünenthal verpflichtete sich aber in einem Vergleich, der Stiftung für Geschädigte 100 Millionen DM zu zahlen. 2009 folgten noch einmal 50 Millionen Euro.

Das Denkmal für die Contergan-Opfer (Foto: dpa)

Dass das Denkmal ein Kind darstellt, sorgt für Zündstoff

Nun also, die erste Entschuldigung. Doch auch das Denkmal, zu dessen Einweihung die entschuldigenden Worte fielen, ist durchaus umstritten. So wurde der wenig prominente Standort in einem Kulturzentrum der kleinen Stadt bemängelt und kritisiert, dass dem Unternehmen mit der Übernahme der geringen Kosten für das Projekt eine preiswerte PR-Aktion gelungen sei. 5000 Euro hatte Grünenthal gezahlt.

Die Kinder von damals sind heute erwachsen

Die Kritik des Bundesverbandes Contergangeschädigter geht darüber hinaus. "Unsere Mitglieder haben ganz klar 'Nein' zu dieser Skulptur mit dem Namen 'Das kranke Kind' gesagt", erklärte Stebritz. Bei den Betroffenen könne man nicht von kranken Menschen sprechen. "Krankheiten kann man heilen, aber eine Conterganschädigung kann man nicht heilen. Uns wachsen weder die Beine noch die Arme wieder nach", erklärte sie. Zudem seien sie schon lange keine Kinder mehr. "Wir sind erwachsene Menschen, 50 Jahre und älter."

Der contergangeschädigte Matthias Berg an seinem Arbeitsplatz (Foto: dpa)

Die Contergankinder von damals sind heute erwachsen

Mit dem Alter wachsen auch die Herausforderungen für die Betroffenen. Eine Studie, die von den Bundestagsfraktionen CDU, SPD und FDP in Auftrag gegeben worden war, stellte diesen Sommer heraus, dass die Folgeschäden von Contergan weitaus schwerwiegender sind, als bisher angenommen. "Es ist eine schwierige Situation dadurch entstanden, dass sich die unterschiedlichen Behinderungen jetzt im Alter wesentlich stärker auswirken", erklärte Hüppe. Daraus müssten nun rasch politische Konsequenzen gezogen und schnelle Unterstützung angeboten werden.

Betroffene fordern finanzielle Unterstützung

Stebritz findet die Situation der Contergangeschädigten in Deutschland derzeit immer noch desolat. "Wir haben Versorgungsdefizite sowohl im Heil- und Hilfsmittelbereich als auch im Bereich der Finanzierung von Umbauten sowohl in Autos als auch in der häuslichen Umgebung." Gerade vor dem Hintergrund, dass die Contergangeschädigten immer älter würden, sei es wichtig, Zuschussmöglichkeiten für teure Bedürfnisse zu schaffen. "Mit einem normalen Kassengebiss können wir zum Beispiel nichts anfangen. Wir setzen unsere Zähne eben auch als Werkzeuge ein", erklärt Stebritz. So zum Beispiel beim Öffnen von Flaschen. Da reicht den Betroffenen ein normales Gebiss nicht, weil es zu schnell zerbricht.

Die erstmalige Entschuldigung des rheinischen Arzneimittelherstellers nehme sie trotz allem als menschliche Geste wahr, so Stebritz. Allerdings müssten den Worten nun auch Taten folgen.

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