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Geschichte

Späte Ehre für Enttarner Eichmanns

Die jüdische Gemeinde in Argentinien tut sich schwer mit dem Fall Adolf Eichmann. Ein Holocaust-Überlebender, der ihn enttarnt hatte, wurde erst jetzt geehrt - postum.

Die Großnichte von Lothar Hermann, Liliana, und die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde von Coronel Suárez, Amanda Kleiner, beim Festakt zur Ehrung von Lothar Hermann im September 2012. Hermann war vor dem Holocaust nach Südamerika geflohenen . 1955 hatte er den entscheidenden Tipp über den Aufenthalt von Adolf Eichmann in Buenos Aires gegeben. (Foto: DW/ G. Weber)

Die Großnichte von Lothar Hermann, Liliana, und die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde von Coronel Suárez, Amanda Kleiner, beim Festakt zur Ehrung von Lothar Hermann im September 2012. Hermann war vor dem Holocaust nach Südamerika geflohenen . 1955 hatte er den entscheidenden Tipp über den Aufenthalt von Adolf Eichmann in Buenos Aires gegeben.

Über Jahrzehnte wusste in der Kleinstadt Coronel Suárez, 500 Kilometer südlich der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, niemand, wer der Mann mit der Sonnenbrille war, der in der Straße San Martín 241 zurückgezogen gelebt hatte. Lothar Hermann, der Blinde, der Deutsche. Er kannte sich im Recht aus und verdiente seinen Lebensunterhalt, indem er alten Menschen durch den Dschungel des argentinischen Rentengesetzes half. Sein Grab trug weder ein Kreuz oder einen Judenstern, nicht einmal seinen Namen.

Die entscheidenden Hinweise auf Adolf Eichmann

Am 28. September ehrte die Stadtverwaltung von Coronel Suárez Hermann offiziell mit einem Festakt im Rathaus und einer Kranzniederlegung auf dem Friedhof. Zu verdanken ist das seiner Großnichte Liliana Hermann. Die 40-Jährige hatte in jahrelanger Kleinarbeit die Familiengeschichte erforscht und war darauf gestoßen, dass es ihr Großonkel gewesen war, der bereits 1955 die jüdische Gemeinde in Buenos Aires (DAIA) vom Aufenthaltsort des Kriegsverbrechers Adolf Eichmann informiert hatte.

Eichmann in Argentinien (Foto: undatiert)

Adolf Eichmann lebte von 1946 bis 1960 unter seiner wahren Identität unbehelligt in Argenintinien

Zwei Jahre später teilte Hermann auch dem Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft Fritz Bauer, der inzwischen Haftbefehl erlassen hatte, den Wohnort Eichmanns mit. Dieser lebte unbehelligt in seiner Nachbarschaft in Buenos Aires. Doch die israelische Regierung, die von Bauer informiert wurde, hatte kein Interesse an der Verfolgung. Wichtiger waren ihr damals gute Beziehungen zur Regierung von Konrad Adenauer. Deutschland zahlte die Wiedergutmachung und war bereit, dem jungen Staat im Nahen Osten High-Tech und Rüstungsgüter zu überlassen.

Südamerika als sicherer Hafen?

Der 1901 im hessischen Quirnbach geborene Lothar Hermann war Jude. 1935 ging er der Gestapo ins Netz und landete wegen Devisenschmuggels im KZ Dachau. Er und drei Geschwister konnten fliehen, der Rest der Familie wurde in Auschwitz und Buchenwald ermordet.

Lothar Hermann und seine Frau Marta Waldmann gelangten 1938 nach Montevideo und zogen schließlich nach Olivos, einem Vorort von Buenos Aires. Dort lebten Mitte der fünfziger Jahre tausende vor dem Naziregime geflüchtete Juden in unmittelbarer Nachbarschaft mit tausenden Nazis, die nach 1945 mit falschen Papieren nach Argentinien gekommen waren. Einmal im Land, nahmen fast alle wieder ihre richtigen Namen an.

Die Grabstätte von Lothar Hermann auf dem Friedhof von Coronel Suárez (Foto: DW/ G. Weber)

Kein Name, kein Stein: So sah die Grabstätte von Lothar Hermann noch Anfang 2012 aus.

Der KZ-Arzt Josef Mengele erhielt von der Deutschen Botschaft einen Pass auf seinen Namen. Auch die Eichmann-Söhne besuchten unter ihrer wahren Identität die Deutsche Schule. Lothars Tochter, die 13-jährige Silvia, lernte Anfang 1955 den Eichmann-Sohn Klaus in einem Kino kennen. Ihr Vater teilte das der jüdischen Gemeinde DAIA mit. Doch auch die unternahm nichts gegen den Mann, der im besetzten Budapest über 400.000 ungarische Juden nach Auschwitz hatte transportieren lassen. Noch im selben Jahr zogen die Hermanns nach Coronel Suárez. "Lothar war bedroht worden und musste sich verstecken", so Liliana Hermann.

Verschwörung gegen Hermann?

Vor wem musste sich Lothar Hermann verstecken? Klar ist das bis heute nicht. Seine Großnichte Liliana glaubt, dass er schon 1955 von denselben Leuten bedroht wurde, die ihn sechs Jahre später misshandeln ließen: die jüdische Gemeinde DAIA und Israel. Denn Lothar Hermann wollte sich nicht mit der Straffreiheit für die Nazi-Kriegsverbrecher abfinden. "Was hat denn die DAIA ab 1955 unternommen, als sie vom Aufenthaltsort Eichmanns erfuhr?", fragt sie und antwortet: "Gar nichts!".

Wie und von wem Eichmann im Mai 1960 am Ende doch noch nach Israel geschafft worden war, steht ebenfalls nicht fest. Liliana hat aus dem Nationalarchiv in Jerusalem Briefe ihres Großonkels erhalten, in denen er von einer ganz anderen Verhaftungsgeschichte als der offiziellen berichtet und damit droht, sie der Öffentlichkeit bekannt zu geben.

Das wiederhergestellte Grab von Lothar Hermann, im Hintergrund ein Foto des vor dem Holocaust nach Südamerika geflohenen Deutschen. (Foto: DW/ G. Weber)

Gedenktafel, Kranz und Foto: Lothar Hermann wird nicht weiter totgeschwiegen.

Im Februar 1961 schreibt er an den israelischen Justizminister Pinchas Rosen und fordert die ausgelobte Belohnung für die Ergreifung Eichmanns. Sechs Wochen später wurde Hermann in Coronel Suárez unter der Beschuldigung, Josef Mengele zu sein, verhaftet und zwei Wochen lang misshandelt. Das hatten Liliana die Nachbarn in Coronel Suárez erzählt, und später wurden ihr sogar die Akten des polizeilichen Geheimdiensts ausgehändigt. Danach waren an dieser Aktion "zwei westdeutsche Geheimdienstler" sowie "Agenten des Staates Israel" und ein Angestellter der DAIA beteiligt. Hermann sollte wieder, wie schon 1955, "eingeschüchtert werden und nicht mehr über die wahren Hintergründe der Eichmann-Aktion reden", so die Großnichte.

Warum wohl hatte Lothar Hermann noch zu Lebzeiten seinen Platz auf dem städtischen katholischen Friedhof für 99 Jahre reserviert und bezahlt und damit verhindert, dass seine Reste jemals auf dem jüdischen Friedhof landen würden, fragt sie.Sie hofft bis heute, dass die jüdische Gemeinde in Buenos Aires endlich ihre Akten freigibt.

Die jüdische Gemeinde schweigt

1972 erhielt Hermann von der israelischen Regierung Golda Meirs die 10.000 Dollar Belohnung, ohne Kommentar. Erst jetzt, 40 Jahre später, wurde Lothar Hermann von der Stadtverwaltung in Coronel Suárez geehrt. Der Bürgermeister Ricardo Móccero legte einen Kranz nieder. Und wo auf anderen Gräbern ein Kreuz steht, wurde eine Fotografie aufgestellt. Sie zeigt den blinden Mann mit einem Bandoneon im Arm. Nicht nur die Presse war erschienen, auch Amanda Kleiner, die Vertreterin der lokalen jüdischen Gemeinde. Sie überreichte eine kleine Gedenktafel.

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