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Lebensart

Soziologin: "Mit dem Schenken wird auch ein Machtverhältnis etabliert"

Besinnliche Adventszeit oder Stress beim Geschenke kaufen? Vielleicht mal nichts schenken? Keine gute Idee, meint Soziologin Elfie Miklautz und erklärt, warum Geschenke wichtig sind für unsere Beziehungen.

Deutsche Welle: Frau Miklautz, was ist überhaupt ein Geschenk und wo hat das Schenken kulturhistorisch seinen Ursprung?

Elfie Miklautz: Ein Geschenk ist die Übermittlung eines Gegenstandes oder einer Leistung an jemanden, die unentgeltlich erfolgt – an der Oberfläche jedenfalls. Man muss dafür zumindest kein Geld bezahlen. Kulturhistorisch liegt der Ursprung des Schenkens im Opfer. Menschen versuchten, die Götter günstig zu stimmen, damit sie ihnen gewogen seien. Grundsätzlich ist das Beschenken von jemandem eine Geste, mit der man eine vertrauensbildende Maßnahme setzt. Man brachte damit auch eine bestimmte Art von Ehrerbietung und Anerkennung zum Ausdruck.

Geschenke dienten aber auch dazu, die soziale Stellung in der Hierarchie zu veranschaulichen. Wer besonders aufwendig zu schenken vermochte, war höherstehend als der, der das nicht konnte. Das ist auch heute noch so, dass Sie sich in eine subalterne Position begeben, wenn Sie beschenkt werden und nicht adäquat erwidern können. Mit dem Schenken wird also auch ein Machtverhältnis etabliert und gefestigt.

Inwieweit hat sich die Bedeutung von Geschenken im Laufe der Jahrhunderte dann verändert?

Menschenmassen in einem großen, weihnachtlich geschmückten Kaufhaus (picture-alliance/dpa/D. Bockwoldt)

Hinein ins Getümmel: An Weihnachten wollen besonders viele Geschenke gefunden werden

In einer Konsumgesellschaft wie der unseren, in der der Verkauf von Waren mit der Absicht, Gewinne zu erzielen, im Mittelpunkt des ökonomischen Geschehens steht, wird die Geschenkkultur ausgeweitet.

Es werden immer wieder neue Anlässe kreiert, an denen die Leute sich etwas schenken sollen, Vatertag oder Valentinstag beispielsweise. Die vertrauensbildende Komponente wohnt dem Schenken aber immer noch inne. Das Schenken ist eine initiative Geste, um dem anderen ein Beziehungsangebot zu machen.

Das heißt, wer schenkt, hat immer auch Hintergedanken?     

Ja und nein. Eigentlich geht man ja davon aus, dass ein Geschenk eine uneigennützige Geste ist, mit der wir es eben nicht darauf anlegen, dafür etwas zurückzubekommen. In Wirklichkeit geht es aber genau darum auch. Wenn ich jemandem etwas schenke, dann erwarte ich mir implizit, dass das in irgendeiner Weise beantwortet wird. Und sei es nur mit einem “Danke“.  

Warum beschenken wir uns eigentlich ausgerechnet an Weihnachten so reich?

Das Weihnachtsfest wurde erst im vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung auf den 25. Dezember gelegt. Aber nicht, weil man vermutete, dass Jesus an diesem Tag geboren worden sein könnte, sondern weil man damit heidnische Feste zurückdrängen wollte, die an den Tagen rund um dieses Datum stattfanden. Diese Feste waren mit Ritualen der Statusumkehr verbunden. Sklaven wurden von ihren Herren reichlich beschenkt, es wurde gefeiert, gevöllert, getrunken, die geltende Ordnung gewissermaßen umgekehrt.

Weil diese Tage sehr ausschweifend waren, wollte die Kirche sie sozusagen abmildern und christlich überformen. Das Schenken blieb weiter damit verbunden, genauso wie diese merkwürdige Relevanz, die Statusniedrigeren zukommt, insbesondere den Kindern. Heute ist Weihnachten ja das große Fest der Kinder und das hat genau mit dieser Statusumkehr zu tun. Also dass jene, die normalerweise nichts zu sagen haben, plötzlich in relativ machtvolle Positionen gelangen und beschenkt werden.

Ein Kind packt neben dem Weihnachtsbaum ein Geschenk aus, während ihm die Eltern dabei zusehen. (Imago/Westend61)

Dass Kinder meist im Mittelpunkt der Festtage stehen, ist historisch begründbar

Der Aspekt der Umkehrung der herrschenden Ordnung findet sich auch in anderer Weise im weihnachtlichen Schenken: Wir inszenieren zu Weihnachten eine Art Gegenwelt, in der man etwas bekommt, ohne etwas dafür leisten zu müssen. Im Gegensatz zur kapitalistischen Marktlogik, in der Berechnung, Profit und Eigennutz das Tun bestimmen, geht es im Schenken um uneigennütziges, großzügiges Verausgaben. Wir machen Kinder glauben an eine Welt, in der das Wünschen - ganz wie im Märchen - noch geholfen hat, und vergegenwärtigen uns damit unsere eigene Sehnsucht.

An die Geschenkeflut zu Weihnachten haben wir uns längst gewöhnt, fast jeder macht mit, und ist vor Weihnachten mitunter ziemlich gestresst. Warum ist es so schwierig, das passende Geschenk zu finden?

Das liegt vermutlich daran, dass es dazu Empathie braucht. Ich muss mich in den anderen hineinversetzen und mir überlegen, was ihn tatsächlich erfreuen könnte. Wenn man mal von der Mittelschicht ausgeht, könnte man sagen, dass wir uns die Dinge natürlich auch selbst kaufen könnten, und zwar passgenauer zu unseren Wünschen. Damit ein Geschenk tatsächlich Freude macht oder gar überrascht, muss es schon sehr speziell der Person und der Beziehung, in der man zu ihr steht, entsprechen.

Symbolbild - Weihnachten und Schenken (Imago/Westend61)

Eine schöne Verpackung kann die Freude übers Geschenk noch steigern

Bei manch einem kann das falsche Geschenk unterm Weihnachtsbaum schon mal die ganze Stimmung an Heiligabend ruinieren. Was steckt dahinter, wenn jemand wegen eines Geschenkes beleidigt oder enttäuscht ist?

Die Person hat dann möglicherweise realisiert, dass sich der andere nicht die Mühe gemacht hat, wahrzunehmen, wer man ist und worüber man sich freuen könnte. Das erzeugt eine Irritation auf der Beziehungsebene, weil man merkt, der andere hat keine Ahnung oder keine Lust gehabt, sich damit auseinanderzusetzen. Enttäuschung ist die Folge.

Aber verlangt man nicht auch gewissermaßen das Unmögliche von anderen, wenn das perfekte Geschenk erwartet wird?

Unmögliches zu verlangen ist immer gut (lacht). Das Geschenk als solches ist ja auch schon eine Figur des Unmöglichen. Nämlich in dieser Form des sogenannten reinen Geschenks, das ohne irgendeine Erwartung gegeben wird.

Wollen Sie damit sagen, diese Art von Geschenk gibt es überhaupt nicht?

In der subjektiven Wahrnehmung gibt es das, objektiv betrachtet gibt es das nicht. Weil irgendeine Form von Anerkennung auf jeden Fall damit verbunden ist - und sei es eben Dankbarkeit. Oder zumindest insofern, als sich der Schenkende in seiner eigenen Großzügigkeit sonnen kann.

Ganz generell gefragt: Was ist denn überhaupt ein gutes Geschenk?

Elfie Miklautz (privat)

Prof. Elfie Miklautz

Sicher eines, das nicht die eigenen Wünsche an die andere Person in den Mittelpunkt stellt. Ich denke da etwa an Kinder, die ein Musikinstrument bekommen, in der Hoffnung, dass sie dann fleißig üben, oder an Frauen, die irgendein weibliches Accessoire erhalten, in der Hoffnung, dass sie sich diesem Bild von Weiblichkeit annähern mögen. Viele Geschenke sind an unserer Wunschvorstellung vom anderen orientiert. Das ist eine selbstbezogene Art des Schenkens.  

Haben Sie vielleicht einen Tipp, wie man mit dem Thema Weihnachten und Geschenke am besten umgehen sollte?

Ich rate zu größtmöglicher Entspanntheit. Man kann den Stress notfalls ja auch als eine Art Opfergabe für die Beziehung zum anderen sehen.

Und was halten Sie von der Abmachung, die immer mehr Menschen treffen, sich an Weihnachten nichts zu schenken? Ist das ein Ausweg?

Das wäre dann eine Art Nicht-Angriffspakt, mit dem wir uns wechselseitig von einer lästigen Verpflichtung befreien. Dennoch stimmt es ein wenig traurig.  Geschenke bereichern ja unsere Beziehungen, weil damit ein Moment von Beglückung verbunden sein kann. Und wir möchten nun mal überrascht und beglückt und durch ein gelungenes Geschenk vom anderen sozusagen im Innersten erkannt werden. Wir brauchen Wertschätzung und Anerkennung. Geschenke sind ein geeignetes Kommunikationsmittel, um derartige Botschaften zu überbringen. Da schlicht darauf zu verzichten, das würde die Welt ein Stück kälter machen.

Das Gespräch führte Bettina Baumann.

Prof. Elfie Miklautz ist Kultursoziologin an der Wirtschaftsuniversität Wien. Ihr Buch "Geschenkt. Tausch gegen Gabe - eine Kritik der symbolischen Ökonomie" erschien 2010 im Verlag Wilhelm Fink. Im interdisziplinären Projekt "Andere Räume: knowledge through art" arbeitet sie aktuell zu den unterschiedlichen Erkenntnisweisen von Wissenschaft und Kunst.

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