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Filme

Sozialkritiker und Multitalent - Regisseur Carlos Saura wird 85

Er kann auf eine beachtliche Karriere zurückblicken: Mehrere Bären in Berlin, der Große Preis der Jury in Cannes oder der Europäische Filmpreis für sein Lebenswerk. Aber auch mit 85 denkt Carlos Saura nicht ans Aufhören.

Seine Devise lautet "Wer rastet, der rostet." "Ich drehe Filme, um am Leben zu bleiben", sagte Carlos Saura der spanischen Zeitung "El País" in einem Interview. Er wolle weitere Musikfilme unter anderem in Russland und Indien drehen. Und auch ein ganz großes Projekt könnte - so wird spekuliert - nach größeren Startschwierigkeiten in den nächsten Monaten in Gang kommen: Ein Streifen über das Leben des spanischen Malers Pablo Picasso und dessen berühmtes Antikriegsgemälde "Guernica" mit Antonio Banderas in der Hauptrolle. Insofern ist Carlos Sauras Geburtstagsfeier in seinem Haus im Dorf Collado Mediano - rund 50 Kilometer nordwestlich von Madrid - vielleicht nur eine kleine Auszeit von der Arbeit.  

Durchbruch mit Tanzfilmen

"Ich habe immer etwas vor. Und wenn es mal nichts gibt, erfinde ich etwas", so der am 4. Januar 1932 in Huesca geborene Carlos Saura. Sein jüngster Film, das Dokumentar-Musical "La Jota", in Deutschland bekannt unter dem Namen "J: Beyond Flamengo", feierte erst im Oktober letzten Jahres Uraufführung. Der Tribut an den Jota-Tanz seiner Heimat Aragonien war Sauras 45. Film seit den Anfängen im Jahr 1955 und nach Würdigungen von Flamenco, Tango oder Fado einer von vielen Musik- und Tanzfilmen des spanischen Regisseurs.

Spanien Carmen Carlos Saura (picture alliance/United Archives)

Szene aus Carlos Sauras "Carmen" von 1983 mit Laura del Sol in der Rolle der Carmen

Mit jenem Genre gelang ihm auch der Durchbruch im Kinogeschäft. Sein größter kommerzieller Erfolg: eine Flamenco-Trilogie nach literarischen Vorlagen spanischer Klassiker: 1981 entstand in Zusammenarbeit mit dem Choreographen Antonio Gades "Bodas de sangre" ("Bluthochzeit") nach einem Theaterstück von García Lorca. Nur zwei Jahre später, 1983, folgte der sensationell erfolgreiche Ballettfilm "Carmen", der bei den Festspielen von Cannes als "Bester künstlerischer Beitrag" ausgezeichnet wurde und für den Oscar in der Kategorie "Bester ausländischer Film" nominiert war. "Es war verrückt, wie gut Carmen damals in Deutschland ankam. Und der Film wird im Fernsehen immer noch gezeigt, während er hier in Spanien schon total in Vergessenheit geraten ist." Überhaupt sei er im Ausland "viel bekannter und beliebter" als in der Heimat, so der Regisseur. "El amor brujo" ("Liebeszauber") nach Manuel de Fallas Ballett "El amor brujo" komplettierte 1986 die Tanz-Trilogie.

Sozialkritik und Filme aus der Francozeit

Aber Carlos Saura auf seine Tanzfilme zu reduzieren, würde dem Meister des Films bei weitem nicht gerecht. Denn bereits vor dem großen Durchbruch mit seiner Tanz-Trilogie drehte er sozialkritische Dokumentar- und Spielfilme. Saura hatte während seiner Tätigkeit als Dozent für Drehbuch und Regie an der Filmhochschule Madrid, die damals zum politisch aktivsten Universitätszentrum Spaniens zählte, Kontakte zur kommunistischen Filmorganisation Uninc, die Filme des Altkommunisten Juan Bardem produzierte. Das prägte den jungen Saura und so zählten zu seinen ersten Vorbildern Regisseure wie Sergej Eisenstein oder Pudowkin, die deutschen Expressionisten und vor allem die italienischen Neorealisten.

Filmstill La caza (The Hunt, Spain 1966) Carlos Saura (Carlos Saura/La caza)

Kritik am spanischen Bürgertum der 1960er Jahre: Sauras "Die Jagd" von 1966

1959 brachte er seinen ersten abendfüllenden Spielfilm, "Los golfos" ("Die Straßenjungen"), heraus, eine illusionslose, halb dokumentarische Darstellung einer Stierkämpfer-Karriere. Der Film lief zwar in Cannes, doch erst zwei Jahre später fand Saura einen Verleih. Aber die Reise nach Südfrankreich war nicht ganz umsonst. In Cannes machte Saura Bekanntschaft mit dem surrealistischen spanisch-mexikanischen Filmemacher Luis Buñuel, mit dem er sich anfreundete und der sein Schaffen stark beeinflusste.

Mit "La caza" ("Die Jagd", 1966) landete Saura schließlich seinen ersten großen Erfolg: Der Film, eine kritische Darstellung der selbstzerstörerischen Neigungen des spanischen Bürgertums, erhielt bei den Berliner Filmfestspielen, der Berlinale, den Silbernen Bären. "Peppermint Frappé" (1986), eine Studie eines tödlich endenden Dreiecksverhältnisses, wurde ebenfalls mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Bei dem Film arbeitete der Spanier mit der Schauspielerin Geraldine Chaplin zusammen, mit der er bis 1979 auch zusammen lebte.

Carlos Saura Filmfestspiele in Berlin 1969 (picture-alliance/dpa/J. Barfknecht)

Carlos Saura und Geraldine Chaplin (rechts) am Berliner Flughafen Tempelhof 1969

Obwohl es nie Sauras Absicht war, politische Filme zu machen, wurden diese als solche etikettiert. Schon kleine Gesten und manche Einstellungen wurden als politische Anspielungen interpretiert. Der Film "El jardin de las delicias" ("Garten der Lüste", 1970) erinnerte die spanischen Zuschauer unweigerlich an den spanischen Diktator Francisco Franco, an sein Vokabular, seine Sprechweise. Folglich führte Carlos Saura einen ständigen Kampf mit der Zensur: Manche Drehbücher wurden verboten, einige fertige Filme, wie "Ana y los lobos" ("Anna und die Wölfe", 1972) mussten Monate auf die Erlaubnis zur Aufführung warten, andere kamen mit Dialogänderungen davon.

Bis heute prangert Saura immer wieder Missstände in seiner Heimat an: Die Korruption, das Verhalten von Spitzenpolitikern oder das Fernsehen, das "indirekte Zensur" betreibe und unbequeme Themen meide.

Spanien Regisseur Carlos Saura (picture alliance/dpa/V. Simanek)

Saura während einer Foto-Ausstellung in der Tschechischen Hauptstadt Prag im Jahr 2013

Saura, der Tausendsassa 

Neben seinen zahlreichen herausragenden Regiearbeiten ist Carlos Saura aber auch für ganz andere Talente bekannt. Bevor er es auf Anregung seines älteren Bruders, des 1998 verstorbenen berühmten Malers Antonio Saura, mit dem Filmen versuchte, malte auch Carlos Saura. Doch seine liebste Beschäftigung neben dem Filmemachen wurde das Fotografieren. Der 85-Jährige besitzt eine Sammlung von mehr als 600 Kameras, macht "jeden Tag mindestens ein Bild, um nicht aus der Übung zu kommen", und stellt seine mehrfach ausgezeichneten Foto-Sammlungen regelmäßig aus.

Damit aber nicht genug: Zwischen 1997 und 2004 veröffentlichte Saura drei Romane, schrieb mehrere Drehbücher und veröffentlichte Werke über Fotografie. Er inszenierte mehrfach die Oper "Carmen" von Georges Bizet - Debüt feierte er 1991 in Stuttgart - und widmete sich in den 1990ern und 2000ern in seinen Filmen, wie schon früher, vor allem dem Tanz und der Musik. 

2004 ehrte die Jury des Europäischen Filmpreises Carlos Saura für sein Lebenswerk. Nun sind wir gespannt, ob es mit dem geplanten Film über Pablo Picasso auch wirklich klappt. 

Symbolbild Film Festival roter Teppich

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