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Nahost

Sozialhilfe auf Libanesisch

Auf Hilfe vom Staat können sich die Libanesen nicht verlassen. Umso wichtiger sind soziale Einrichtungen wie "Ashghalouna": Dort lernen Witwen, sich selbst und ihre Kinder zu versorgen – weil ihnen sonst niemand hilft.

Witwen in der Küche von Ashghalouna (Foto: Diana Hodali)

Bei Ashghalouna können Witwen als Köchin arbeiten

Das Buffet ist noch nicht eröffnet, aber die Vorfreude auf mediterrane Gerichte und libanesische Spezialitäten liegt in der Luft: Mehrere Dutzend gut gekleidete Frauen haben sich in den großzügigen Räumen von "Ashghalouna" eingefunden, einer gemeinnützigen Organisation für notleidende Witwen. Die Damen der oberen Mittelschicht wollen hier zu Mittag essen. 25 Dollar pro Person und Lunch sind zwar nicht gerade günstig, aber die Frauen, die hierher kommen, können es sich leisten – und sie wissen, dass sie damit etwas Gutes tun. "Es ist wirklich hübsch hier", sagt Sulaf Kannan, "und es steckt ein edler Gedanke dahinter. Das Essen ist hervorragend - das sind schon genug Gründe, um hierher zu kommen." Die junge Libanesin lebt in London und Beirut. Immer, wenn sie in der libanesischen Hauptstadt ist, kommt sie zum Essen zu Ashghalouna.

Arbeit für Frauen ohne Ausbildung

Das Gebäude von Ashghalouna in Beirut (Foto: Diana Hodali)

Restaurant und Arbeitsplatz für 50 Frauen: das Gebäude von Ashghalouna in Beirut

Was hier auf den Tisch kommt, wird mit viel Sorgfalt und Liebe in der Küche der gemeinnützigen Organisation zubereitet – und zwar von Frauen, die ohne Ashghalouna wahrscheinlich keine Arbeit hätten. Alle, die hier angestellt sind, sind Witwen, haben Kinder und müssen für den Lebensunterhalt ihrer Familien sorgen – ohne, dass sie je einen Beruf erlernt hätten. Ashghalouna sorgt für ihre Ausbildung, bietet den Frauen Halbtagsstellen und eine Krankenversicherung – und zahlt ihnen ein Gehalt von bis zu 650 Dollar im Monat. Das ist zwar nicht üppig, aber deutlich mehr als üblich im Libanon. Und den Witwen bleibt neben der Arbeit noch Zeit, sich um ihre Kinder zu kümmern.

Noura Al Adi arbeitet nicht in der Küche, sondern in der Nähstube von Ashghalouna. 40 Frauen sitzen im ersten Stock des weitläufigen Hauses im sunnitischen Teil von Beirut, besticken Handtücher, nähen Kinderkleidung und packen die hochwertigen Handarbeiten in kleine Geschenkkörbe. Noura Al Adi gefällt es bei Ashghalouna, sagt sie: "Wenn ich hierher komme, fühle ich mich sehr wohl. Ich habe hier so viel gelernt. Der Einstieg bei Ashghalouna ist mir leicht gefallen, denn ich habe Leute gefunden, die in der gleichen Situation sind wie ich.“

Freiwilliges Engagement für Ashghalouna

Eine der 14 Frauen, die sich für Ashghalouna freiwillig engagieren (Foto: Diana Hodali)

Bei Ashghalouna engagieren sich 14 Frauen freiwillig, um Witwen und deren Kindern zu helfen

Noura Al Adi ist gerade einmal 37 Jahre alt, aber bereits seit zwölf Jahren Witwe. Seit ihr Mann bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist, zieht sie ihre fünf Kinder alleine groß. Für ihren Vater, der an der Alzheimer-Krankheit leidet, ist sie ebenfalls verantwortlich - allein. Eine Ausbildung hat Noura Al Adi nicht: Ihre Eltern haben sie früh verheiratet - auch, um die Tochter sozial abzusichern. Doch nun hat Noura Al Adi niemanden mehr. Sie ist eine fröhliche Frau, aber während sie von sich und ihrer Situation erzählt, kommen ihr die Tränen. Ihr dringendster Wunsch: dass sie ihren Kindern eine gute Ausbildung und eine bessere Zukunft ermöglichen kann.

Dass ihr Wunsch in Erfüllung geht – dafür setzt sich Nada Jabré ein. Sie ist eine von 14 Frauen, die sich freiwillig für Ashghalouna engagieren, und zwar mit Herz und Seele. So gut wie täglich kommt Nada Jabré hier vorbei, erledigt Verwaltungsaufgaben, schaut nach dem Rechten oder trinkt einfach eine Tasse Tee. "Meine Kinder sind erwachsen und haben geheiratet", erzählt sie. "Zuhause habe ich keine große Verantwortung mehr. Kaffeeklatsch, Partys und Shopping interessieren mich nicht. Deshalb wollte ich meine Zeit mit etwas verbringen, das sinnvoll ist und mich zufrieden macht."

Hilfe für die Selbstständigkeit

Durch das wöchentliche Mittagsbuffet, die selbst gebackenen Kuchen und Süßigkeiten, die täglich verkauft werden, und den Erlös aus Stickereien und Kinderkleidung ist Ashghalouna nicht von Spenden abhängig, sondern trägt sich weitgehend selbst. Nada Jabré gefällt das Prinzip. Für sie ist vor allem eins entscheidend: dass sie sich engagieren kann, ohne Spenden sammeln zu müssen. "Ich finde es sehr befriedigend zu sehen, dass bei unserer Arbeit etwas entsteht: unsere Produkte, die wir herstellen", erzählt sie. "Früher habe ich mal versucht, für das Rote Kreuz zu arbeiten und für andere Institutionen. Aber deren Arbeit besteht darin, Geld zu sammeln. Das liegt mir nicht. Hier dagegen habe ich das Gefühl, dass wir viel von uns selbst geben. Wir sind glücklich, wenn etwas Schönes dabei entsteht - und wenn wir es verkaufen."

Das Mittagessen bei Ashghalouna jedenfalls kommt gut an. Magda Bagday freut sich. Sie arbeitet hier seit sieben Jahren als Köchen. Die 28-Jährige hat zwei Söhne und seit kurzem eine kleine Tochter. Denn Magda Bagday hatte Glück: Nach Jahren als Witwe hat sie wieder geheiratet – und inzwischen eine Idee, wie sie künftig ihren Lebensunterhalt verdienen will: "Ende des Monats werde ich leider bei Ashghalouna aufhören", sagt sie. "Das fällt mir nicht ganz leicht, aber meine kleine Tochter braucht mich. Und mit dem, was ich hier gelernt habe, möchte ich gerne selbständig arbeiten. Ich dachte da an so etwas wie einen Catering-Service."

Autoren: Anne Allmeling / Diana Hodali
Redaktion: Ina Rottscheidt