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Fokus Südosteuropa

Soziale Spannungen nehmen zu

Die Finanzkrise in Griechenland wirkt sich nun auch sozial aus. Übergriffe auf Migranten haben sehr zugenommen. Athens Bürgermeister warnt vor "bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen" in den Armenvierteln.

Gruppe von Einwanderern in Athen (Foto: AP)

Anfeindungen richten sich gegen Einwanderer

Auslöser für die fremdenfeindlichen Ausschreitungen war ein Mordanschlag auf offener Straße: Ein junger Familienvater wurde von Unbekannten niedergestochen, als er gerade in sein Auto steigen wollte, um seine schwangere Frau zur Entbindung zu fahren. Die Täter hatten es wohl auf seine Videokamera abgesehen.

Mehrere hundert Nationalisten sahen die Schuld für diese Tat bei kriminellen Ausländern. Sie griffen zur Selbstjustiz gegen Einwanderer, die mit dem Mord nichts zu tun haben und zerstörten auch viele Geschäfte von Migranten. Die Schläger wollen sich offenbar als Retter in der Not aufspielen in den Armenvierteln Athens, wo der Alltag mittlerweile stark von Arbeitslosigkeit und Kriminalität geprägt ist.

Rasant steigende Armut

Bettler im Zentrum von Athen (Foto: picture alliance / dpa)

Armut wächst zu einem großen Problem

Für den griechischen Rechtsanwalt Kostas Papadakis, der sich für die Rechte von Migranten einsetzt, handelt es sich bei den Tätern um straff organisierte, rechtsradikale Jugendbanden. Sie würden aus allen Stadtteilen rekrutiert, um die Problemviertel Athens ethnisch zu säubern. Seitdem die Schuldenkrise ausgebrochen ist, gerate die Lage zunehmend außer Kontrolle, erklärt Papadakis, denn die Krise lasse die Armut explodieren und Armut sei bekanntlich die Mutter der Verbrechen. Zudem sieht er große Probleme bei den griechischen Sicherheitskräften. Über 80.000 bewaffnete Polizisten würden schon heute durch Athen streifen, um den Bewohnern ein Gefühl der Sicherheit zu geben, aber sie seien oft ineffektiv oder uninteressiert, klagt der junge Rechtsanwalt.

Der Vorsitzende der pakistanischen Gemeinde in Athen Javed Aslam hat sogar den Verdacht, dass die rechten Schläger von der Polizei auch noch gedeckt werden. Er selbst habe oft seine Landsleute nach fremdenfeindlichen Angriffen zur Polizeiwache begleitet, um ihnen die Arbeit mit den Formalitäten zu erleichtern. Doch die Beamten erklärten ihm immer wieder, sie könnten überhaupt nicht tätig werden, sofern es keinen Verdacht gegen eine konkrete Person gäbe, klagt Aslam.

Zunehmend rauerer Ton

Rechtsradikale protestieren in Athen (Foto: AP)

Krise bietet Boden für Rechtspopulisten

Seitdem Griechenland zum Haupteinfallstor für illegale Einwanderer in den Schengenraum geworden ist, wird auch die Ausländerpolitik zum Zankapfel zwischen den Athener Parteien. Vor allem die rechtspopulistische "Orthodoxe Volksbewegung" des ehemaligen Journalisten und Bodybuilders Giorgos Karatzaferis will daraus politisches Kapital schlagen. Der Staat weiß gar nicht mehr, wie viele illegale Einwanderer sich im Land aufhalten, es könne sich um eine oder sogar um zwei Millionen handeln, donnert der Abgeordnete und Sprecher der Rechtspopulisten Kostas Aivaliotis. Immerhin brauche das vom Staatsbankrott bedrohte Griechenland 450 Millionen Euro jährlich für die medizinische Betreuung illegaler Einwanderer. Diese Ausgaben könne man sich zu Krisenzeiten einfach nicht mehr leisten, meint Aivaliotis.

Der Ton wird zunehmend rauer, das weiß auch Javed Aslam. Aus Protest gegen ausländerfeindliche Gewalt seien in den nächsten Tagen Streikaktionen geplant, sagt der Vorsitzende der pakistanischen Gemeinde in Athen. Seine Landsleute würden ihre Geschäfte vorübergehend schließen und auf die Straße gehen. Er selbst würde allen raten, Ruhe zu bewahren, auch nach einem fremdenfeindlichen Angriff. Aber er habe schon Angst, dass der eine oder andere irgendwann auch selbst zu Gewalt greift, um sich zu verteidigen und das eigene Leben zu retten, warnt Aslam.

Allein am Donnerstag (12.05.) verletzten sich über 20 Menschen bei den Zusammenstößen, ein Mann aus Sri Lanka wurde von Unbekannten niedergestochen.

Autor: Jannis Papadimitriou

Redaktion: Mirjana Dikic

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