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Welt

South Carolina: Wen wählen die Schwarzen?

In dem Staat im Süden der USA sind die Rassen immer noch getrennt, was Bildung und Bezahlung angeht. Viele Afroamerikaner sind von allen Präsidentschaftskandidaten enttäuscht, berichtet Richard Walker aus Charleston.

"Je dunkler diese Welt wird, um so heller muss unser Licht scheinen." Es ist Sonntagmorgen in der Mother Emanuel Church in Charleston. Pastorin Betty Deas Clark hält ihre Predigt. "Je dunkler unsere Welt wird, desto heller muss unser Licht scheinen." Deas Clark wiederholt den Satz, als wolle sie jedes Wort mit Wärme füllen.

"Amen" sagt ein Mann. Der Rest der Gemeinde schweigt. "Je dunkler die Zeiten sind, desto heller muss dein Leben sein", sagt die Pastorin, diesmal langsamer. "Hört, hört!" ruft der Mann.

Nach dem Gottesdienst zieht sich Deas Clark in ihr Büro zurück. Sie ist müde. Sie arbeitet erst seit einem Monat hier, ihre Familie ist erst diese Woche nach Charleston gekommen. Sie muss große Fußstapfen füllen. Der Mann, der die Stelle vor ihr hatte, war Clementa Pinckney. Ein gefeierter Pastor, der vergangenen Juni ermordet wurde, nur wenige Meter entfernt von dort, wo sie gerade sitzt. Acht weitere Gemeindemitglieder mussten mit ihm sterben. Es gibt also einen guten Grund dafür, von dunklen Zeiten zu sprechen. Deas Clark hat ihre Aufgabe klar vor Augen: den Menschen mit ihren Predigten zu helfen, zu heilen.

Kleine Tür an der Mother Emanuel Kirche in Charleston. (Foto: DW/Richard Walker)

Durch diese Tür kam der Mörder in die Mother Emanuel Kirche

Das Massaker in der Kirche Mother Emanuel, verübt mutmaßlich von einem Rassisten, für den alle nicht-Weiße wertlos sind, war nicht das einzige Ereignis, das die Welt in Charleston 2015 verdunkelte. Zwei Monate zuvor starb Walter Scott nur wenige Kilometer entfernt von hier in North Charleston - ein weiterer trauriger Fall eines schwarzen Mannes, der durch Polizeigewalt starb.

Trotzdem gab es in der Stadt keine Unruhen wie in Ferguson oder Baltimore. Der Beamte, der Scott getötet haben soll, wurde gefeuert und des Mordes angeklagt. Familienmitglieder der Opfer von Mother Emanuel verblüfften die Welt, in dem sie dem Angeklagten vergaben. Und der Bundesstaat hängte endlich die Fahne der Konföderierten vor seinem Kapitol ab, die ein Symbol für die Sklaverei ist, die South Carolina vor dem Bürgerkrieg groß gemacht hat.

Das ist der Hintergrund, vor dem Afroamerikaner dieses Jahr zur Wahl gehen. Der Bundesstaat spielt eine große Rolle bei der Wahl des nächsten Präsidenten - hier finden die ersten Vorwahlen im Süden statt, außerdem die ersten in einem Staat mit einer nennenswerten schwarzen Bevölkerung. 28 Prozent hier sind schwarz, das ist mehr als doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt.

Dunkle Straße in North Charleston bei Nacht. (Foto: DW/Richard Walker)

Hier, hinter einem Pfandleihaus, wurde Walter Scott getötet

Nach den Morden wurde "Charleston Strong" zum Mantra. Diese Stadt würde zusammenstehen, anstatt auseinander zu brechen. Die Medien stürzten sich darauf. "Das wird so erzählt, um die Idee zu verbreiten, dass man so mit den Angriffen auf uns umgeht - beten, Hände halten, vergeben", sagt Indeya Assata.

Assata spricht einige Straßen entfernt von dort, wo Walter Scott starb. Die Aktivisten-Gruppe "Black Lives Matter" hat ihr Hauptquartier in Charleston.

Shakem Akhet, ein weiterer Aktivist, geht noch weiter. Er sieht die 6,5 Millionen Dollar Schmerzensgeld, die North Charleston an Scotts Familie zahlte, als Schweigegeld an. "Wenn Walter Scotts Mama jetzt da raus gehen und sagen würde: 'Wenn wir nicht Gerechtigkeit kriegen, wird es keinen Frieden geben', ich garantiere dir, dann könnte sie einen Aufstand lostreten."

Staat der Demokraten

Es gibt viele Gründe, warum die Schwarzen in North Carolina den Aufstand proben könnten. Nach aktuellen Zahlen verdienen die Afroamerikaner im Staat 45 Prozent weniger als ihre weißen Kollegen. In Charleston sind es fast 60 Prozent weniger. Für viele steht ein Hauskauf völlig außer Frage und die schlechte Qualität öffentlicher Schulen trägt dazu bei, dass sich viele wie Bürger zweiter Klasse vorkommen. Schwarze Republikaner gibt es so gut wie keine.

Also sind es die Demokraten, die den Löwenanteil der schwarzen Stimmen im Staat holen, ähnlich wie auch auf nationaler Ebene. Hillary Clinton und Bernie Sanders kämpfen um ihren Teil dieses Kuchens. Seit langem gilt Clinton als Favoritin. Sanders, der aus dem fast völlig weißen Staat Vermont kommt, fand am Anfang überhaupt keine Unterstützung unter den Schwarzen.

Shakem Akhet. (Foto: DW/Richard Walker)

Shakem Akhet vertraut den Kandidaten nicht

Sanders Nachteil zeigte sich im letzten Jahr. Bei zwei öffentlichen Auftritten stahlen ihm Aktivisten von "Black Lives Matter" die Schau und fingen eine Debatte darüber an, ob sein Programm gegen wirtschaftliche Ungerechtigkeit die besonderen Probleme der schwarzen Gemeinde genug berücksichtigt. Seitdem versucht Sanders auszugleichen. Sein Programm geht jetzt beispielsweise auf die "fünf Arten von Gewalt" ein, die gegen Afroamerikaner eingesetzt werden.

Teilweise hat er damit Erfolg gehabt, so hat er die Unterstützung einiger Prominenter wie des Regisseurs Spike Lee gewonnen. Aber Shakem Akhet ist nicht überzeugt, vor allem nicht von Sanders Versuchen, mit Aktivisten ins Gespräch zu kommen, die sich in den 1960ern für die Rechte von Schwarzen einsetzten. "Warum triffst du dich mit Al Sharpton? Der spricht nicht für die schwarzen Menschen von heute."

"Lügner, Schwindler, Manipulierer"

Am schärfsten geht Akhet aber Clinton an. Sie zählt auf die Unterstützung der Schwarzen, um Sanders zu besiegen. "Ihr Ehemann hat eine der schlimmsten Vergehen in den USA zu verantworten", sagt er und meint damit ein Gesetz von 1994, das dazu beigetragen hat, dass heute so viele schwarze Männer im Knast sitzen. "Wie kann ich Hillary Clinton vertrauen? Das sind doch Lügner, Schwindler und Manipulierer."

Für Akhet und Latisha Imara, eine weitere Aktivistin, repräsentiert sie keiner der Präsidentschaftskandidaten auch nur im Entferntesten. "Die klopfen uns für zwei Minuten auf die Schulter und ziehen dann weiter", sagt Imara.

Latisha Imara. (Foto: DW/Richard Walker)

Latisha Imara sagt, das System sei nicht für sie gemacht

Akhet, Imara und andere haben das Gefühl, dass sie mit dem Rücken zur Wand stehen, bedrängt von einem System, dass sie nicht ändern können. Manche sehen deshalb schwarzen Nationalismus als Ausweg.

"Wir müssen uns vom Establishment trennen und unser eigenes aufbauen", sagt Akhet. Irgendwann will er ein afroamerikanisches Land. Diese Idee gilt im Mainstream-Amerika als schrullig, wenn nicht gefährlich.

Dass sie 2016 immer noch existiert zeigt aber, wie desillusioniert viele schwarze Amerikaner sind. Eine Veranstaltung von Louis Farrakhan, dem berühmtesten Unterstützer der Idee, zog letztes Jahr in Washington ein riesiges Publikum an.

Akhet glaubt, dass schwarzer Nationalismus als gewalttätiges oder gar rassistisches Instument des wütenden schwarzen Mannes missverstanden wird. "Du siehst, wie ich als Schwarzer rumlaufe, über 'black power' spreche und mein Afrika-Schild hochhalte - und die Reaktion ist automatisch 'Er ist rassistisch!''"

Leon Amos. (Foto: DW/Richard Walker)

Leon Amos meint, an der rassistischen Einstellung Vieler habe sich nichts geändert

In der Mother Emanuel-Kirche sind solche Gedanken weit weg. Pastorin Betty Deas Clark sieht die Lösung weder in Wahlen, noch in der Revolution. "Was wir wollen - Gleichheit unter Individuen - suchen wir das in einer politischen Abstimmung?"

Leon Amos, Küster der Gemeinde, steht der Idee, sich vom weißen Amerika abzuspalten, nicht abgeneigt gegenüber. Er ist während der Zeit der Rassentrennung aufgewachsen; jetzt sitzt er in dem Raum, in dem neun seiner Freunde von einem Weißen ermordet wurden.

"Wir können jetzt zwar in alle Restaurants gehen und uns etwas zu essen bestellen. Aber an der allgemeinen Einstellung der Leute hat sich überhaupt nichts geändert."

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