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Spurensuche

„Sorgt euch nicht um euer Leben“

„Seht die Vögel des Himmels“: Christine Hober von der katholischen Kirche entdeckt in der Sorglosigkeit im Glauben einen Weg, sich von den Zwängen des Lebens zu befreien – und einen neuen Blick auf das Leben zu gewinnen.

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Die Vögel des Himmels: sie säen nicht, sie ernten nicht, Gott ernährt sie trotzdem. Foto: privat

Mein 16-jähriger Sohn besucht die Oberstufe des Gymnasiums. Er leidet wie die meisten seiner Freunde unter notorischer Geldknappheit. Um sein Taschengeld aufzubessern, hat er sich entschlossen, das Angebot seines Patenonkels anzunehmen und während einiger schulfreier Tage in dessen Malerbetrieb zu arbeiten. Als er nach seinem ersten Arbeitstag erschöpft, aber offensichtlich sehr zufrieden zurückkommt, überrascht er mich mit einer neuen Einsicht: „Mama, als Maler zu arbeiten, ist richtig gut. Man muss sich über nichts Gedanken machen, wenn man von der Arbeit nach Hause kommt. Und wenn man morgens zur Arbeit geht, braucht man nur das zu machen, was der Chef einem sagt. Und am Wochenende kann man komplett entspannen.“

Zugegeben, ein etwas idealisierter Blick auf den Arbeitsalltag eines angestellten Malers. Doch als Schüler ist mein Sohn idealerweise immer im Einsatz: abends Vokabeln lernen, am Wochenende Referate und Klausuren vorbereiten und das immer in dem Bewusstsein. Das nächste Zeugnis kommt bestimmt. Heute Gymnasiast zu sein, das heißt, selbstverantwortlich seine Tage zu organisieren, das bedeutet, das Abitur fest im Blick zu haben und rechtzeitig die Weichen zu stellen für die spätere Berufswahl. Insofern kann ich die Begeisterung meines Sohnes für den Arbeitsalltag eines Malers gut nachvollziehen. Offenbar eine angenehme Erfahrung, sich nicht ständig Gedanken um die Bewältigung seiner Schülerexistenz machen zu müssen.

Sorglosigkeit, die befreit

Die Erfahrung, sich um alles kümmern zu müssen, ist den meisten von uns nicht fremd. Unser Leben ist komplex. Die sogenannte Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die fließenden Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem erfordern ein hohes Maß an Organisation, um alles unter einen Hut zu bekommen. Auf der Strecke bleibt dabei oft die Sorglosigkeit und damit das Bedürfnis, nicht immer alles auf eigene Rechnung machen zu müssen, auch mal Verantwortung abgeben zu können und unbeschwert das Leben genießen zu dürfen.

„Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung? Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?“ Jesus plädiert in der Bergpredigt (Mt 6,25-26) für eine Sorglosigkeit, die tief im Glauben begründet ist. Ihm geht es um eine Sorglosigkeit, die nicht bodenlos ist. Die Vögel leben, obwohl sie nicht arbeiten, und doch ist durch Gottes Schöpfung für sie gesorgt. Um wie viel mehr gilt dann Gottes Fürsorge den Menschen.

Bedingungsloses Vertrauen in Gott

Das ist natürlich kein Aufruf zur Gedankenlosigkeit oder gar zur Faulheit. Es geht Jesus darum, zu zeigen, dass Gottes Fürsorge größer ist als unsere Besorgnis um die Dinge des Lebens. Er führt uns vor Augen, dass das Leben an sich wichtiger ist als die Sorge um das Leben. Und dass wir, bei allem notwendigen eigenverantworteten Handeln, bei aller Sorge und Mühe unsere Grenzen annehmen und die letzte Verantwortung vertrauensvoll in Gottes Hände legen dürfen. Dieses bedingungslose Vertrauen hat Jesus uns in einzigartiger Weise vorgelebt – bis zu seinem Tod und darüber hinaus.

In diesem Sinne ist die Sorglosigkeit im Glauben ein Gegenentwurf zu unserem von eigenen und fremden Zwängen beherrschten Leben. Eine solche Sorglosigkeit kann befreien und dabei helfen, das eigene Leben anders auszurichten. Sie kann frei machen von der Anmaßung, alles selber regeln zu müssen. Aber die Aufforderung zur Sorglosigkeit ist auch an eine Bedingung geknüpft. Jesus macht uns darauf aufmerksam, immer wieder die Blickrichtung zu ändern, auch mal nach oben zum Himmel zu blicken und zu überlegen, was die Essenz in unserem Leben ist.

Christine Hober, Dr. theol., arbeitet als Lektorin und Autorin. Sie lebt in Bonn, ist verheiratet und hat zwei Kinder.